Kurzüberblick
Das West-Nil-Virus (WNV) ist ein Flavivirus, das von Stechmücken übertragen wird, vor allem von Culex. In Deutschland wird es seit 2018 bei Tieren und seit 2019 jedes Jahr als hier erworbene Infektion beim Menschen nachgewiesen [1][2].
Etwa 80 % der Infektionen verlaufen ohne Symptome, etwa 20 % als fieberhafte Erkrankung. Etwa 1 von 100 Infizierten erkrankt neuroinvasiv mit Meningitis, Enzephalitis oder schlaffer Lähmung [1][3]. Eine spezifische Therapie und eine Impfung für Menschen gibt es nicht.
In der Saison an WNV denken, auch ohne Reise: bei Enzephalitis oder Meningitis unklarer Ursache und bei gehäuftem unklarem Fieber, besonders im Osten und Norden Deutschlands.
Definition
Das West-Nil-Fieber ist eine Infektion mit dem West-Nil-Virus (Familie Flaviviridae, Linien 1 und 2, in Deutschland Linie 2). Es wird von Stechmücken übertragen. Reservoir sind Vögel. Menschen und Pferde hingegen sind Fehlwirte [1].
Es umfasst die fieberhafte Verlaufsform und die neuroinvasive Verlaufsform (Meningitis, Enzephalitis, akute schlaffe Myelitis). Selten wird das Virus durch Blutprodukte, Organ- oder Stammzelltransplantation oder in der Schwangerschaft übertragen. Von Mensch zu Mensch wird es im Alltag nicht übertragen [1][4].
Red Flags
- Bewusstseinsstörung, Verwirrtheit, Wesensänderung
- Krampfanfall
- Meningismus mit Fieber
- Akute schlaffe, oft asymmetrische Lähmung einer Extremität ohne Sensibilitätsstörung, Areflexie
- Schluckstörung, Hirnnervenausfälle, beginnende Atemschwäche
- Tremor, Myoklonien, Ataxie

Schlaffe Lähmung oder Schluckstörung: Intensivüberwachung, es droht ein neuromuskuläres Atemversagen [3].
Hohes Risiko für einen schweren Verlauf: Alter über 65 Jahre, Immunsuppression (Organ- oder Stammzelltransplantation, hämatologische Neoplasie, Anti-CD20-Therapie), Diabetes, Nieren- oder Herz-Kreislauf-Erkrankung. Nach Transplantation und bei hämatologischen Neoplasien liegt die Letalität der neuroinvasiven Form bei 30–40 % [3][1].
Diagnostik
Vor dem Versand Kontakt mit dem eigenen Labor aufnehmen. Die Proben gehen meist an ein Speziallabor, z. B. das Nationale Referenzzentrum für tropische Infektionserreger am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg [1][5].
- Frühe Phase: RT-PCR aus EDTA-Vollblut (am empfindlichsten), Serum, Liquor und Urin. Im Urin ist die RNA häufig länger und in höherer Menge nachweisbar [6][7][1]. Bei Immunsuppression ist die PCR besonders wichtig, weil Antikörper verzögert oder gar nicht entstehen.
- Serologie: WNV-IgM und -IgG in Serum und Liquor. IgM im Liquor spricht für eine neuroinvasive Infektion. Verlaufsprobe nach 2–3 Wochen. Ein negatives IgM in der ersten Woche schließt die Infektion nicht aus [3][8].
- In FSME-Risikogebieten bei Meningoenzephalitis FSME und WNV parallel untersuchen.

Andere Flavivirus-Infektionen oder Impfungen (FSME, Gelbfieber, Dengue, Japanische Enzephalitis, Usutu) können im ELISA kreuzreagieren. Bestätigung durch einen Neutralisationstest (PRNT) [1].
Differenzialdiagnosen
Bei Fieber mit Bewusstseinsstörung, Meningismus, Krampfanfall oder fokalen Ausfällen zwischen Juni und November an WNV denken. Das gilt in Gebieten mit Viruszirkulation (auch Ost- und Norddeutschland) und nach Reisen in Endemiegebiete [1].
Weitere Ursachen: Herpes-simplex- und Varizella-Zoster-Enzephalitis, FSME, bakterielle Meningitis, Listeriose, Neuroborreliose, Usutu-Virus [8].
Therapie
Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht. Behandelt wird supportiv mit Analgesie, Fiebersenkung und Flüssigkeit. Bei neuroinvasivem Verlauf auf Hirndruck, Krampfanfälle, Schutzreflexe und Atmung achten, früh IMC oder ITS [3][8].
Bis zum Ausschluss anderer Ursachen
- Enzephalitis unklarer Ursache
- Aciclovir – 3x 10 mg/kg KG iv
- sofort, ohne den Liquorbefund abzuwarten
- Dosis nach Nierenfunktion, ausreichend Flüssigkeit (Kapitel Dosierung bei Niereninsuffizienz)
- fortführen bis zum Ausschluss einer HSV- oder VZV-Enzephalitis
- Aciclovir – 3x 10 mg/kg KG iv
- Bakterielle Meningitis nicht ausgeschlossen
- Ceftriaxon – 2x 2 g iv
- plus Ampicillin – 6x 2 g iv
- Ampicillin erfasst Listerien
- Hinweise
- Nach DGN-Leitlinie 2025 [8].
- Immunglobuline, Interferon und andere Substanzen sind bei WNV nicht wirksam belegt [3].
Die fieberhafte Form heilt meist folgenlos aus. Nach Enzephalitis bleiben bei etwa der Hälfte Spätfolgen. Die Letalität der neuroinvasiven Form liegt bei 5–10 % [1].
Erreger und Verbreitung
Das West-Nil-Virus ist ein behülltes RNA-Virus. Es gehört zu den am weitesten verbreiteten Flaviviren. In Europa sind vor allem Italien, Griechenland, Frankreich, der Balkan, Rumänien, Ungarn, Österreich und die Türkei betroffen [4].
Übertragen wird es vor allem durch Culex-Mücken, den Hauptvektor in Deutschland. Das Virus kann in den Mücken überwintern. In Deutschland liegt die Übertragungszeit im Spätsommer, in warmen Jahren bis in den Herbst [1].
Deutschland
Seit 2019 werden jedes Jahr hier erworbene Infektionen gemeldet: 2019 5, 2020 22, 2021 4, 2022 17, 2023 7, 2024 35, 2025 4 Fälle [9][10][2]. Viele fallen bei der Testung von Blutspenden auf. Endemiegebiete sind Teile von Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 2024 traten erstmals Fälle in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein auf. Der erste Fall in Niedersachsen fiel im September 2024 bei einer Blutspende im Landkreis Diepholz auf [11]. 2025 gab es im Nordwesten keinen Fall beim Menschen, dafür erstmals einen in Bayern. Das RKI rechnet mit weiterer Ausbreitung (Stand Oktober 2026) [2].
Hinweis Pferde
Erkrankte Pferde zeigen, dass das Virus in der Region zirkuliert. Deshalb bei passenden Symptomen nach Pferdehaltung, Freizeit und Beruf fragen. Pferde sind Fehlwirte und geben das Virus nicht über Mücken weiter. Beim Sezieren infizierter Tiere sind Infektionen beschrieben. Für Pferde gibt es zugelassene Impfstoffe. Aktuelle Lage bei Tieren: FLI [12].
Prävention
Für Menschen gibt es keine Impfung. Schutz vor Mückenstichen:
- helle, lange Kleidung, wirksame Repellents, Moskitonetz, Insektenschutzgitter an Fenstern
- Brutstätten vermeiden: Wasserbehälter mindestens einmal pro Woche leeren (Vogeltränke, Blumenuntersetzer, Planschbecken, Gießkanne, Reifen)
Meldepflicht und Blutprodukte
- Labormeldepflicht für den direkten oder indirekten Nachweis des West-Nil-Virus nach § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 48a IfSG [13].
- Infektionen bei Blutspendern sind zusätzlich nach § 22 TFG zu melden [13].
- Blutspende: Nach Aufenthalt in einem Gebiet mit Übertragung werden Spender 4 Wochen zurückgestellt oder auf WNV-RNA getestet. In deutschen Endemiegebieten gilt das vom 1. Juni bis 30. November [14].
- Organspende: Das ECDC empfiehlt eine Testung von Spendern aus Gebieten mit Übertragung [4].
- WNV-Infektion bei Spendern oder Empfängern von Blutprodukten oder Organen: Transfusionsmedizin bzw. Transplantationszentrum sofort informieren.
Quellen & Hinweise
- [1] Robert Koch-Institut. West-Nil-Fieber im Überblick. Stand 15.10.2026. rki.de (abgerufen 24.10.2026).
- [2] Lachmann R, Frank C, Jung-Sendzik T. Saison 2026 stechmückenübertragener Krankheitserreger in Deutschland beginnt. Epid Bull. 2026;25:12–15. doi:10.25646/14274
- [3] Centers for Disease Control and Prevention. West Nile Virus: Clinical Signs and Symptoms, Treatment and Prevention, Diagnosis and Testing (2025). cdc.gov/west-nile-virus
- [4] European Centre for Disease Prevention and Control. Factsheet about West Nile virus infection (Stand 07.10.2026). ecdc.europa.eu. Saisondaten: ecdc.europa.eu/en/west-nile-virus-infection
- [5] Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Nationales Referenzzentrum für tropische Infektionserreger, Hamburg. bnitm.de
- [6] Lustig Y, Mannasse B, Koren R, et al. Superiority of West Nile virus RNA detection in whole blood for diagnosis of acute infection. J Clin Microbiol. 2016;54(9):2294–2297. doi:10.1128/JCM.01283-16
- [7] Barzon L, Pacenti M, Franchin E, et al. Excretion of West Nile virus in urine during acute infection. J Infect Dis. 2013;208(7):1086–1092. doi:10.1093/infdis/jit290
- [8] Meyding-Lamadé U, et al. Virale Meningoenzephalitis, S1-Leitlinie, 2025. In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. AWMF-Register 030-100. Englische Kurzfassung: Neurol Res Pract. 2026;8:24. doi:10.1186/s42466-026-00487-3
- [9] Frank C, Offergeld R, Lachmann R, Stark K, Schmidt-Chanasit J. Saison stechmückenübertragener Krankheitserreger beginnt. Epid Bull. 2023;22:3–7. doi:10.25646/11492
- [10] Frank C, Jung-Sendzik T. Saison 2025 stechmückenübertragener Krankheitserreger in Deutschland beginnt. Epid Bull. 2025;29:24–27. doi:10.25646/13288
- [11] Niedersächsisches Landesgesundheitsamt. Pressemitteilung vom 11.09.2024: Erster Fall von West-Nil-Fieber bei einem Menschen in Niedersachsen bestätigt. diepholz.de
- [12] Friedrich-Loeffler-Institut. West-Nil-Virus, Tierseuchengeschehen mit Karte. fli.de. Tierseuchen-Informationssystem: tsis.fli.de
- [13] Infektionsschutzgesetz (IfSG) § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 48a, Transfusionsgesetz (TFG) § 22. gesetze-im-internet.de (abgerufen 24.10.2026).
- [14] Paul-Ehrlich-Institut. Anordnung von Maßnahmen zur Verhinderung der Übertragung des West-Nil-Virus durch Blut und Blutkomponenten vom 18.03.2020, BAnz AT 04.06.2020 B6. pei.de
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