Katzenkratzkrankheit

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 23.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Die Katzenkratzkrankheit (engl. cat scratch disease, CSD) ist eine Zoonose durch Bartonella henselae. Typisch ist eine einseitige, regionale Lymphknotenschwellung einige Wochen nach einem Kratzer oder Biss einer jungen Katze [1][2].

Beim Immunkompetenten heilt die typische Form meist von selbst, in der Regel innerhalb von 2–4 Monaten [2][1]. Azithromycin für 5 Tage beschleunigt die Rückbildung der Lymphknoten. Immer behandelt werden atypische Verläufe (Auge, ZNS, Leber und Milz, Knochen), Infektionen bei Immunsuppression und die Endokarditis [3].

Eine deutsche Leitlinie gibt es nicht. Grundlage sind die Empfehlungen von Rolain et al. [3], die IDSA-Leitlinie [1] und für die Endokarditis die ESC-Leitlinie 2023 [4]. Die Empfehlungen dieses Kapitels gelten für Erwachsene.

Definition

  • Typische CSD: Papel an der Eintrittsstelle nach 3–10 Tagen, dann regionale, meist einseitige Lymphadenitis nach weiteren 2–7 Wochen (epitrochleär, axillär, zervikal, supraklavikulär). Einschmelzung in etwa 10–15 % [2][1].
  • Atypische CSD: okuloglanduläres Syndrom, Neuroretinitis, Enzephalopathie, hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber, Osteomyelitis, Endokarditis [3][2].
  • Bei Immunsuppression (v. a. HIV mit niedriger CD4-Zahl, Transplantation): Bakteriämie, bazilläre Angiomatose, Peliosis hepatis [3][5].
  • Keine Meldepflicht nach §§ 6 und 7 IfSG [6].

Red Flags

  • Visusminderung oder Gesichtsfeldausfall (Neuroretinitis, Sternfigur der Makula) – sofort augenärztlich vorstellen [7].
  • Kopfschmerz, Verwirrtheit, Krampfanfall 1–6 Wochen nach der Lymphknotenschwellung – Enzephalopathie [7][2].
  • Fieber über 2 Wochen, Bauchschmerz, Herde in Leber oder Milz – hepatosplenische Form, Sonographie [2].
  • Knochenschmerz – Osteomyelitis.
  • Kulturnegative Endokarditis, neues Herzgeräusch, Embolien. Risiko bei Klappenschaden mit Katzenkontakt oder bei Obdachlosigkeit und Kleiderläusen (B. quintana) [8][4].
  • Immunsuppression mit lividen Papeln, Knoten oder Leberherden – bazilläre Angiomatose bzw. Peliose, immer behandeln [9][3].
  • Lymphknoten ohne Rückbildung nach etwa 4–8 Wochen, Größenzunahme, hart und fixiert, B-Symptomatik – Lymphom oder Mykobakteriose ausschließen [7].

Diagnostik

Die Diagnose stützt sich auf Anamnese (Katzenkontakt), Klinik und Serologie [2].

Serologie (Immunfluoreszenztest)

IgG-TiterBewertung
< 1:64aktuelle Infektion unwahrscheinlich
1:64–1:128unspezifisch: in Deutschland bei etwa 30 % bzw. 16 % Gesunder. Kontrolle nach 10–14 Tagen, IgM bestimmen
≥ 1:256bei passender Klinik starker Hinweis auf eine frische Infektion
vierfacher Anstiegin gepaarten Seren (Abstand mindestens 2 Wochen): akute Infektion gesichert
Nach Sander et al., AAFP und DGPI [10][7][2]. IgM ist nur kurz (bis etwa 3 Monate) und nicht immer nachweisbar.
  • Kreuzreaktionen: zwischen B. henselae und B. quintana bis 95 %, außerdem mit Chlamydien, seltener mit Coxiella. IgG bleibt oft jahrelang positiv [11][12].

PCR

  • PCR (konventionell oder Real-time). Entscheidend ist das Material. Sensitivität: Eiteraspirat 96 %, Abstrich der Primärläsion 88 %, Feinnadelaspirat 85 %, Lymphknotenbiopsie 73 %, Paraffinmaterial 59 % [13].
  • Eine negative PCR aus der Biopsie schließt die CSD nicht aus.

Histologie

  • Früh: Erregernachweis in der Silberfärbung (Warthin-Starry). Spät: epitheloidzellige Granulome mit Mikroabszessen, meist ohne Erregernachweis [2].

Kultur

  • Aus Lymphknoten nur ausnahmsweise (in einer Referenzlaborserie bei 3 von 78 Patienten) [14].
  • Blutkultur bei Verdacht auf Bakteriämie oder Endokarditis: Labor vorab informieren, Bebrütung mindestens 21 Tage [9][2]. Bei Endokarditis gelingt die Anzucht aus Blut oder Klappe nur in etwa 20–30 % [11].

Punktion oder Exstirpation

  • Punktion eines eingeschmolzenen Lymphknotens entlastet und liefert Material für die PCR [3][13].
  • Exstirpation, wenn die Serologie nicht weiterhilft, der Knoten sich nicht zurückbildet oder ein Lymphom bzw. eine Mykobakteriose ausgeschlossen werden muss [2][7].

Kulturnegative Endokarditis: an Bartonellen denken

Bartonella gehört zu den häufigsten Erregern der kulturnegativen Endokarditis. Serologie und PCR gezielt anfordern [4]. IgG ≥ 1:800 im Immunfluoreszenztest oder eine positive PCR aus Blut ist ein Hauptkriterium nach Duke-ISCVID 2023 [15]. Die Serologie erfasst nur etwa 58 %, die PCR aus Klappengewebe etwa 91 % [8]. Kapitel Endokarditis.

Differenzialdiagnosen

  • Lymphom, bei Kindern Leukämie
  • Tuberkulose und nichttuberkulöse Mykobakterien (v. a. Kinder, Hals)
  • Toxoplasmose, EBV, CMV, HIV (meist generalisiert)
  • Bakterielle Lymphadenitis (S. aureus, A-Streptokokken), Pasteurella nach Biss (Kapitel Haut- und Weichteilinfektionen)
  • Tularämie (meldepflichtig), Kikuchi-Fujimoto-Lymphadenitis, Kawasaki-Syndrom [7][2]

Therapie

Typische CSD

  • 1. Wahl
    • Azithromycin – Tag 1: 1x 500 mg po, Tag 2–5: 1x 250 mg po
  • Hinweise
    • Heilt meist von selbst. Die IDSA empfiehlt Azithromycin [1]. Diese Fibel folgt dem, vor allem bei ausgeprägter oder schmerzhafter Lymphknotenschwellung.
    • Belegt ist eine schnellere Rückbildung der Lymphknoten im ersten Monat (80 % Volumenabnahme bei 7 von 14 vs. 1 von 15 Patienten), kein Effekt auf Heilungsrate oder Komplikationen [16][17].
    • Okuloglanduläres Syndrom: wie typische CSD.
  • Eingeschmolzener Lymphknoten
    • Nadelaspiration, bei erneuter Ansammlung wiederholen [3][18]. Inzision nur bei wiederholter Einschmelzung. Das Fistelrisiko ist gering und vor allem bei verkannter Mykobakteriose beschrieben [18].

Atypische CSD

  • Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
    • plus Rifampicin – 2x 300 mg po
    • Ophthalmologie bzw. Neurologie hinzuziehen [3][19][2]
  • Hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber, Osteomyelitis
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
    • plus Rifampicin – 2x 300 mg po
    • Leitlinienempfehlungen fehlen. Grundlage sind Fallserien [20][2]. Infektiologische Rücksprache.
  • Hinweise
    • Kortikosteroide bei Neuroretinitis mit der Ophthalmologie erwägen. Die Daten sind retrospektiv und widersprüchlich [21][18].
    • Alternativ zu Doxycyclin: Azithromycin (z. B. in der Schwangerschaft) [2].

Rifampicin bei Bartonellen

Anders als bei Staphylokokken ist Rifampicin hier auch ohne Fremdmaterial Kombinationspartner: Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung, schwere Verläufe bei Immunsuppression und Ersatz für Gentamicin bei Endokarditis [3].

Nie allein geben (Resistenzentwicklung) [3]. Rifampicin ist ein starker Enzyminduktor: Es senkt die Spiegel von Doxycyclin, vieler HIV-Medikamente und hormoneller Kontrazeptiva [22]. Interaktionen vor Beginn prüfen.

Immunsuppression

  • Bazilläre Angiomatose, Peliosis hepatis, Bakteriämie
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
    • oder Erythromycin – 4x 500 mg po (bei schwerer Erkrankung iv)
  • Lebensbedrohlich oder ZNS-Befall
    • Doxycyclin plus Rifampicin – 2x 300 mg po
  • Hinweise
    • Azithromycin oder Clarithromycin nur als Alternative, z. B. bei schlechter Adhärenz [5].
    • Rezidiv: erneut und länger behandeln. Sekundärprophylaxe, solange die CD4-Zahl unter 200/µl liegt [3][5].
    • Bei HIV ART-Interaktionen mit der HIV-Ambulanz klären [22].

In den ersten Stunden nach Therapiebeginn ist eine Jarisch-Herxheimer-artige Reaktion möglich, potenziell lebensbedrohlich. Patienten mit kardiorespiratorischer Einschränkung überwachen [3].

Bartonella-Endokarditis

  • Erreger gesichert
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po
    • plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
    • Gentamicin: Talspiegel < 1 mg/l, Spiegel und Kreatinin mindestens 1x wöchentlich [4]
  • Gentamicin nicht möglich
    • Doxycyclin plus Rifampicin – 2x 300 mg po statt Gentamicin [3]
  • Verdacht, Erreger noch offen
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv
    • plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
    • ± Doxycyclin [3]
  • Hinweise
    • Aminoglykoside über mindestens 14 Tage waren mit höherem Überleben verbunden [23].
    • Endokarditis-Team und Herzchirurgie früh einbeziehen. Die Klappen sind oft stark zerstört [8][4]. Kapitel Endokarditis.

B.-quintana-Bakteriämie

  • Chronische Bakteriämie (Obdachlosigkeit, Kleiderläuse)
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po
    • plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
    • Einzige randomisierte Studie: Eradikation 7/7 vs. 2/9 [3]. Vorher Endokarditis ausschließen. Entlausung.

Schwangerschaft

Ein Makrolid bevorzugen (Azithromycin, bei Immunsuppression Erythromycin) [5][24]. Doxycyclin ist im 1. Trimenon Mittel der 2. Wahl und ab der 16. SSW kontraindiziert [24]. Rifampicin ist möglich. Das Neugeborene erhält Vitamin K [24].

Hinweise zu den Substanzen

Unwirksam bzw. nicht empfohlen: Penicilline, Cephalosporine der 1. Generation, Chinolone, Cotrimoxazol [3][5].

QT-Zeit: Azithromycin und Erythromycin verlängern die QT-Zeit. Vorsicht bei QT-Verlängerung, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie und QT-verlängernder Komedikation [22].

Doxycyclin mit viel Wasser und nicht im Liegen einnehmen (Ösophagitis) [5].

Nierenfunktion: Azithromycin ab einer GFR von 10 ml/min ohne Anpassung, Doxycyclin ohne Anpassung. Erythromycin bei schwerer Niereninsuffizienz höchstens 2 g/Tag. Gentamicin nach Spiegel [22]. Kapitel Dosierung bei Niereninsuffizienz.

Kinder

Diese Fibel gibt keine eigenen Empfehlungen für Kinder. Die Grundsätze sind dieselben: Die typische CSD heilt meist von selbst. Bei prolongierter oder disseminierter Infektion Azithromycin (alternativ Doxycyclin), ggf. mit Rifampicin. Bei Retinitis Doxycyclin plus Rifampicin für 4–6 Wochen [2]. Für die Endokarditis gelten dieselben Gentamicin-haltigen Regime. Pädiatrische Daten fehlen [3].

Dosierung und Doxycyclin unter 8 Jahren mit der pädiatrischen Infektiologie festlegen. Azithromycin i.v. ist bei Kindern nicht ausreichend untersucht.

Therapiedauer

SituationDauer
Typische CSD, okuloglanduläres Syndrom5 Tage
Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung4–6 Wochen
Hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber2–4 Wochen (Expertenmeinung)
Osteomyelitis4–6 Wochen (Expertenmeinung)
Bazilläre Angiomatosemindestens 3 Monate
Peliosis hepatismindestens 4 Monate
EndokarditisDoxycyclin 4 Wochen, Gentamicin 2 Wochen
B.-quintana-BakteriämieDoxycyclin 4 Wochen, Gentamicin 2 Wochen

Blau typische CSD, orange atypische Formen, grau Immunsuppression und Endokarditis. Nach Rolain et al., IDSA und ESC [3][1][4]. Bei Immunsuppression mit Rezidiv länger behandeln [3][5]. Für die hepatosplenische Form und die Osteomyelitis gibt es keine festgelegte Dauer [3].

Erreger und Übertragung

  • Bartonella henselae: kleines, gramnegatives Stäbchen, aerob bis mikroaerophil, fakultativ intrazellulär, anspruchsvoll in der Anzucht. Nächstverwandt mit Brucella [11][2].
  • B. quintana: Übertragung durch Kleiderläuse. Fünftagefieber, chronische Bakteriämie, bazilläre Angiomatose. Häufigster Erreger der Bartonella-Endokarditis, oft ohne vorbekannten Klappenschaden [2][8].
  • B. bacilliformis: Carrión-Krankheit, nur in den Andenstaaten [2].

Reservoir und Vektor

  • Reservoir sind vor allem junge Katzen, oft symptomlos und über Monate bakteriämisch (Hauskatzen in Deutschland etwa 13 %, streunende Katzen deutlich mehr) [2].
  • Katzenfloh (Ctenocephalides felis): Der Erreger gelangt mit Flohkot an die Krallen und beim Kratzen in die Haut [2][9].
  • Zecken: Bartonella-DNA ist in Zecken nachweisbar, eine Übertragung auf den Menschen ist nicht belegt [25][12].
  • Keine Übertragung von Mensch zu Mensch. Häufung von September bis Februar [2].
Katzenfloh.jpg

Prävention

  • Flohschutz für Katzen mit dem Tierarzt absprechen. Keine permethrinhaltigen Mittel bei Katzen [9].
  • Kratzer und Bisse sofort mit Wasser und Seife reinigen, nach Katzenkontakt Hände waschen [9].
  • Immunsupprimierte: keine Katzen unter einem Jahr und keine Streuner anschaffen. Eine Katzenhaltung bleibt möglich. Gesunde Katzen müssen nicht getestet oder behandelt werden [9][2].
  • B. quintana: Entlausung, Kleidung waschen [9].

Quellen & Hinweise

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