Kurzüberblick
Die Katzenkratzkrankheit (engl. cat scratch disease, CSD) ist eine Zoonose durch Bartonella henselae. Typisch ist eine einseitige, regionale Lymphknotenschwellung einige Wochen nach einem Kratzer oder Biss einer jungen Katze [1][2].
Beim Immunkompetenten heilt die typische Form meist von selbst, in der Regel innerhalb von 2–4 Monaten [2][1]. Azithromycin für 5 Tage beschleunigt die Rückbildung der Lymphknoten. Immer behandelt werden atypische Verläufe (Auge, ZNS, Leber und Milz, Knochen), Infektionen bei Immunsuppression und die Endokarditis [3].
Eine deutsche Leitlinie gibt es nicht. Grundlage sind die Empfehlungen von Rolain et al. [3], die IDSA-Leitlinie [1] und für die Endokarditis die ESC-Leitlinie 2023 [4]. Die Empfehlungen dieses Kapitels gelten für Erwachsene.
Definition
- Typische CSD: Papel an der Eintrittsstelle nach 3–10 Tagen, dann regionale, meist einseitige Lymphadenitis nach weiteren 2–7 Wochen (epitrochleär, axillär, zervikal, supraklavikulär). Einschmelzung in etwa 10–15 % [2][1].
- Atypische CSD: okuloglanduläres Syndrom, Neuroretinitis, Enzephalopathie, hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber, Osteomyelitis, Endokarditis [3][2].
- Bei Immunsuppression (v. a. HIV mit niedriger CD4-Zahl, Transplantation): Bakteriämie, bazilläre Angiomatose, Peliosis hepatis [3][5].
- Keine Meldepflicht nach §§ 6 und 7 IfSG [6].
Red Flags
- Visusminderung oder Gesichtsfeldausfall (Neuroretinitis, Sternfigur der Makula) – sofort augenärztlich vorstellen [7].
- Kopfschmerz, Verwirrtheit, Krampfanfall 1–6 Wochen nach der Lymphknotenschwellung – Enzephalopathie [7][2].
- Fieber über 2 Wochen, Bauchschmerz, Herde in Leber oder Milz – hepatosplenische Form, Sonographie [2].
- Knochenschmerz – Osteomyelitis.
- Kulturnegative Endokarditis, neues Herzgeräusch, Embolien. Risiko bei Klappenschaden mit Katzenkontakt oder bei Obdachlosigkeit und Kleiderläusen (B. quintana) [8][4].
- Immunsuppression mit lividen Papeln, Knoten oder Leberherden – bazilläre Angiomatose bzw. Peliose, immer behandeln [9][3].
- Lymphknoten ohne Rückbildung nach etwa 4–8 Wochen, Größenzunahme, hart und fixiert, B-Symptomatik – Lymphom oder Mykobakteriose ausschließen [7].
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich auf Anamnese (Katzenkontakt), Klinik und Serologie [2].
Serologie (Immunfluoreszenztest)
| IgG-Titer | Bewertung |
|---|---|
| < 1:64 | aktuelle Infektion unwahrscheinlich |
| 1:64–1:128 | unspezifisch: in Deutschland bei etwa 30 % bzw. 16 % Gesunder. Kontrolle nach 10–14 Tagen, IgM bestimmen |
| ≥ 1:256 | bei passender Klinik starker Hinweis auf eine frische Infektion |
| vierfacher Anstieg | in gepaarten Seren (Abstand mindestens 2 Wochen): akute Infektion gesichert |
- Kreuzreaktionen: zwischen B. henselae und B. quintana bis 95 %, außerdem mit Chlamydien, seltener mit Coxiella. IgG bleibt oft jahrelang positiv [11][12].
PCR
- PCR (konventionell oder Real-time). Entscheidend ist das Material. Sensitivität: Eiteraspirat 96 %, Abstrich der Primärläsion 88 %, Feinnadelaspirat 85 %, Lymphknotenbiopsie 73 %, Paraffinmaterial 59 % [13].
- Eine negative PCR aus der Biopsie schließt die CSD nicht aus.
Histologie
- Früh: Erregernachweis in der Silberfärbung (Warthin-Starry). Spät: epitheloidzellige Granulome mit Mikroabszessen, meist ohne Erregernachweis [2].
Kultur
- Aus Lymphknoten nur ausnahmsweise (in einer Referenzlaborserie bei 3 von 78 Patienten) [14].
- Blutkultur bei Verdacht auf Bakteriämie oder Endokarditis: Labor vorab informieren, Bebrütung mindestens 21 Tage [9][2]. Bei Endokarditis gelingt die Anzucht aus Blut oder Klappe nur in etwa 20–30 % [11].
Punktion oder Exstirpation
- Punktion eines eingeschmolzenen Lymphknotens entlastet und liefert Material für die PCR [3][13].
- Exstirpation, wenn die Serologie nicht weiterhilft, der Knoten sich nicht zurückbildet oder ein Lymphom bzw. eine Mykobakteriose ausgeschlossen werden muss [2][7].

Kulturnegative Endokarditis: an Bartonellen denken
Bartonella gehört zu den häufigsten Erregern der kulturnegativen Endokarditis. Serologie und PCR gezielt anfordern [4]. IgG ≥ 1:800 im Immunfluoreszenztest oder eine positive PCR aus Blut ist ein Hauptkriterium nach Duke-ISCVID 2023 [15]. Die Serologie erfasst nur etwa 58 %, die PCR aus Klappengewebe etwa 91 % [8]. Kapitel Endokarditis.
Differenzialdiagnosen
- Lymphom, bei Kindern Leukämie
- Tuberkulose und nichttuberkulöse Mykobakterien (v. a. Kinder, Hals)
- Toxoplasmose, EBV, CMV, HIV (meist generalisiert)
- Bakterielle Lymphadenitis (S. aureus, A-Streptokokken), Pasteurella nach Biss (Kapitel Haut- und Weichteilinfektionen)
- Tularämie (meldepflichtig), Kikuchi-Fujimoto-Lymphadenitis, Kawasaki-Syndrom [7][2]
Therapie
Typische CSD
- 1. Wahl
- Azithromycin – Tag 1: 1x 500 mg po, Tag 2–5: 1x 250 mg po
- Hinweise
- Heilt meist von selbst. Die IDSA empfiehlt Azithromycin [1]. Diese Fibel folgt dem, vor allem bei ausgeprägter oder schmerzhafter Lymphknotenschwellung.
- Belegt ist eine schnellere Rückbildung der Lymphknoten im ersten Monat (80 % Volumenabnahme bei 7 von 14 vs. 1 von 15 Patienten), kein Effekt auf Heilungsrate oder Komplikationen [16][17].
- Okuloglanduläres Syndrom: wie typische CSD.
- Eingeschmolzener Lymphknoten
- Nadelaspiration, bei erneuter Ansammlung wiederholen [3][18]. Inzision nur bei wiederholter Einschmelzung. Das Fistelrisiko ist gering und vor allem bei verkannter Mykobakteriose beschrieben [18].
Atypische CSD
- Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung
- Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
- plus Rifampicin – 2x 300 mg po
- Ophthalmologie bzw. Neurologie hinzuziehen [3][19][2]
- Hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber, Osteomyelitis
- Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
- plus Rifampicin – 2x 300 mg po
- Leitlinienempfehlungen fehlen. Grundlage sind Fallserien [20][2]. Infektiologische Rücksprache.
- Hinweise
- Kortikosteroide bei Neuroretinitis mit der Ophthalmologie erwägen. Die Daten sind retrospektiv und widersprüchlich [21][18].
- Alternativ zu Doxycyclin: Azithromycin (z. B. in der Schwangerschaft) [2].

Rifampicin bei Bartonellen
Anders als bei Staphylokokken ist Rifampicin hier auch ohne Fremdmaterial Kombinationspartner: Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung, schwere Verläufe bei Immunsuppression und Ersatz für Gentamicin bei Endokarditis [3].
Nie allein geben (Resistenzentwicklung) [3]. Rifampicin ist ein starker Enzyminduktor: Es senkt die Spiegel von Doxycyclin, vieler HIV-Medikamente und hormoneller Kontrazeptiva [22]. Interaktionen vor Beginn prüfen.
Immunsuppression
- Bazilläre Angiomatose, Peliosis hepatis, Bakteriämie
- Doxycyclin – 2x 100 mg po (bei Bedarf iv)
- oder Erythromycin – 4x 500 mg po (bei schwerer Erkrankung iv)
- Lebensbedrohlich oder ZNS-Befall
- Doxycyclin plus Rifampicin – 2x 300 mg po
- Hinweise
- Azithromycin oder Clarithromycin nur als Alternative, z. B. bei schlechter Adhärenz [5].
- Rezidiv: erneut und länger behandeln. Sekundärprophylaxe, solange die CD4-Zahl unter 200/µl liegt [3][5].
- Bei HIV ART-Interaktionen mit der HIV-Ambulanz klären [22].

In den ersten Stunden nach Therapiebeginn ist eine Jarisch-Herxheimer-artige Reaktion möglich, potenziell lebensbedrohlich. Patienten mit kardiorespiratorischer Einschränkung überwachen [3].
Bartonella-Endokarditis
- Erreger gesichert
- Doxycyclin – 2x 100 mg po
- plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
- Gentamicin: Talspiegel < 1 mg/l, Spiegel und Kreatinin mindestens 1x wöchentlich [4]
- Gentamicin nicht möglich
- Doxycyclin plus Rifampicin – 2x 300 mg po statt Gentamicin [3]
- Verdacht, Erreger noch offen
- Ceftriaxon – 1x 2 g iv
- plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
- ± Doxycyclin [3]
- Hinweise
- Aminoglykoside über mindestens 14 Tage waren mit höherem Überleben verbunden [23].
- Endokarditis-Team und Herzchirurgie früh einbeziehen. Die Klappen sind oft stark zerstört [8][4]. Kapitel Endokarditis.
B.-quintana-Bakteriämie
- Chronische Bakteriämie (Obdachlosigkeit, Kleiderläuse)
- Doxycyclin – 2x 100 mg po
- plus Gentamicin – 1x 3 mg/kg KG iv für 2 Wochen
- Einzige randomisierte Studie: Eradikation 7/7 vs. 2/9 [3]. Vorher Endokarditis ausschließen. Entlausung.

Schwangerschaft
Ein Makrolid bevorzugen (Azithromycin, bei Immunsuppression Erythromycin) [5][24]. Doxycyclin ist im 1. Trimenon Mittel der 2. Wahl und ab der 16. SSW kontraindiziert [24]. Rifampicin ist möglich. Das Neugeborene erhält Vitamin K [24].

Hinweise zu den Substanzen
Unwirksam bzw. nicht empfohlen: Penicilline, Cephalosporine der 1. Generation, Chinolone, Cotrimoxazol [3][5].
QT-Zeit: Azithromycin und Erythromycin verlängern die QT-Zeit. Vorsicht bei QT-Verlängerung, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie und QT-verlängernder Komedikation [22].
Doxycyclin mit viel Wasser und nicht im Liegen einnehmen (Ösophagitis) [5].
Nierenfunktion: Azithromycin ab einer GFR von 10 ml/min ohne Anpassung, Doxycyclin ohne Anpassung. Erythromycin bei schwerer Niereninsuffizienz höchstens 2 g/Tag. Gentamicin nach Spiegel [22]. Kapitel Dosierung bei Niereninsuffizienz.

Kinder
Diese Fibel gibt keine eigenen Empfehlungen für Kinder. Die Grundsätze sind dieselben: Die typische CSD heilt meist von selbst. Bei prolongierter oder disseminierter Infektion Azithromycin (alternativ Doxycyclin), ggf. mit Rifampicin. Bei Retinitis Doxycyclin plus Rifampicin für 4–6 Wochen [2]. Für die Endokarditis gelten dieselben Gentamicin-haltigen Regime. Pädiatrische Daten fehlen [3].
Dosierung und Doxycyclin unter 8 Jahren mit der pädiatrischen Infektiologie festlegen. Azithromycin i.v. ist bei Kindern nicht ausreichend untersucht.
Therapiedauer
| Situation | Dauer |
|---|---|
| Typische CSD, okuloglanduläres Syndrom | 5 Tage |
| Neuroretinitis, ZNS-Beteiligung | 4–6 Wochen |
| Hepatosplenische Form, prolongiertes Fieber | 2–4 Wochen (Expertenmeinung) |
| Osteomyelitis | 4–6 Wochen (Expertenmeinung) |
| Bazilläre Angiomatose | mindestens 3 Monate |
| Peliosis hepatis | mindestens 4 Monate |
| Endokarditis | Doxycyclin 4 Wochen, Gentamicin 2 Wochen |
| B.-quintana-Bakteriämie | Doxycyclin 4 Wochen, Gentamicin 2 Wochen |
Blau typische CSD, orange atypische Formen, grau Immunsuppression und Endokarditis. Nach Rolain et al., IDSA und ESC [3][1][4]. Bei Immunsuppression mit Rezidiv länger behandeln [3][5]. Für die hepatosplenische Form und die Osteomyelitis gibt es keine festgelegte Dauer [3].
Erreger und Übertragung
- Bartonella henselae: kleines, gramnegatives Stäbchen, aerob bis mikroaerophil, fakultativ intrazellulär, anspruchsvoll in der Anzucht. Nächstverwandt mit Brucella [11][2].
- B. quintana: Übertragung durch Kleiderläuse. Fünftagefieber, chronische Bakteriämie, bazilläre Angiomatose. Häufigster Erreger der Bartonella-Endokarditis, oft ohne vorbekannten Klappenschaden [2][8].
- B. bacilliformis: Carrión-Krankheit, nur in den Andenstaaten [2].
Reservoir und Vektor
- Reservoir sind vor allem junge Katzen, oft symptomlos und über Monate bakteriämisch (Hauskatzen in Deutschland etwa 13 %, streunende Katzen deutlich mehr) [2].
- Katzenfloh (Ctenocephalides felis): Der Erreger gelangt mit Flohkot an die Krallen und beim Kratzen in die Haut [2][9].
- Zecken: Bartonella-DNA ist in Zecken nachweisbar, eine Übertragung auf den Menschen ist nicht belegt [25][12].
- Keine Übertragung von Mensch zu Mensch. Häufung von September bis Februar [2].

Prävention
- Flohschutz für Katzen mit dem Tierarzt absprechen. Keine permethrinhaltigen Mittel bei Katzen [9].
- Kratzer und Bisse sofort mit Wasser und Seife reinigen, nach Katzenkontakt Hände waschen [9].
- Immunsupprimierte: keine Katzen unter einem Jahr und keine Streuner anschaffen. Eine Katzenhaltung bleibt möglich. Gesunde Katzen müssen nicht getestet oder behandelt werden [9][2].
- B. quintana: Entlausung, Kleidung waschen [9].
Quellen & Hinweise
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