Candida-Nachweis: Kolonisation oder Infektion

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 25.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Ein Candida-Nachweis ist meist keine Infektion. Candida gehört zur normalen Flora von Mund, Darm, Haut und Vagina. Unter Antibiotika, mit Kathetern und auf der Intensivstation wird sie in vielen Proben gefunden. In Trachealsekret, Urin ohne Symptome, älteren Drainagen, Wundabstrichen und Stuhl bedeutet sie fast immer Kolonisation. Eine Behandlung nützt dort nicht und fördert resistente Arten [1][2].

Candida in der Blutkultur ist dagegen immer behandlungsbedürftig. Das Vorgehen steht im Kapitel Candidämie und invasive Candidose.

Grundlage ist die globale Candida-Leitlinie von ECMM, ISHAM und ASM 2025 mit ihrem Anhang [1].

Bewertung nach Material

MaterialBedeutungVorgehen
Trachealsekret, BALKolonisation. Eine Candida-Pneumonie ist extrem selten. Unter 77 Pneumonien mit Candida im Atemweg fand sich in der Autopsie keine einzige [3].Keine Therapie, keine Resistenztestung nötig [1][4]. Nach einer bakteriellen Ursache suchen.
Urin ohne Symptomemeist Kolonisation, oft am KatheterKeine Therapie. Katheter wechseln oder entfernen. Ausnahmen siehe Candidurie.
Urin mit Zystitis oder PyelonephritisInfektionFluconazol, siehe Candidurie
Abdomen: OP-Material, Punktat, frische Drainage (unter 24 h)verwertbarBewertung nach Lage der Perforation, siehe Abdomen
Abdomen: Drainage, die länger liegtnur Kolonisation [5][6]Keine Therapie allein wegen des Befunds
Oberflächlicher WundabstrichBesiedlungkeine Therapie. Konsequenz nur bei tiefer Gewebeprobe mit Histologie oder Kultur
Stuhlnormale Florakeine Diagnostik und keine Therapie
Katheterspitze ohne Candidämiebis 12 % entwickeln später eine Candidämie [7]Blutkulturen abnehmen, klinisch neu bewerten. Keine Therapie beim stabilen Patienten mit negativer Blutkultur
Mund, ÖsophagusSoor ist eine Infektion der SchleimhautFluconazol, siehe Therapiedauer
VaginalabstrichKolonisation häufig und vorübergehendnur bei Beschwerden behandeln, außer in der Schwangerschaft [8]
Blut, Liquor, Gelenk, Gewebe aus sterilem OrtInfektionimmer behandeln, Candidämie und invasive Candidose

Candida im Atemweg

Kolonisation im Atemweg geht mit mehr Pseudomonas-Pneumonien und einer höheren Letalität einher [9]. Sie ist ein Marker für schwere Erkrankung, nicht die Ursache. Antimykotika verbessern den Verlauf nicht [10][11]. Die globale Leitlinie rät ausdrücklich ab, bei Verdacht auf beatmungsassoziierte Pneumonie und Candida im Trachealsekret Fluconazol oder ein Echinocandin zu geben [1]. Bei echtem Verdacht auf eine Candida-Pneumonie nur histologisch sichern.

Candida im Abdomen

Ob Candida im Abdomen eine Infektion ist, entscheidet die Situation, nicht der Befund allein. Entscheidend ist die Fokussanierung. Fehlt sie, ist das der stärkste Risikofaktor für den Tod [12][1].

SituationVorgehen
Erste Perforation im unteren Gastrointestinaltrakt (z. B. Kolon, Appendix), Fokus rasch saniert, Candida im AbstrichKeine antimykotische Therapie. Nach rascher Sanierung (innerhalb von 24 h) gilt Candida als Kontamination [6]. Bei perforierter Appendizitis fand sich in keiner von 24 Proben Candida [13].
Perforation im oberen Gastrointestinaltrakt (Ösophagus, Magen, Duodenum) und MediastinitisKalkulierte antimykotische Therapie bis zum Ergebnis des Abstrichs (ABS-Empfehlung, siehe Box). Bei Candida-Nachweis fortführen, bei negativem Abstrich absetzen.
Wiederholte Perforation oder Anastomoseninsuffizienz nach BauchoperationProphylaxe nach Leitlinie, auch ohne Candida-Nachweis (siehe Box Prophylaxe)
Candida aus OP-Material oder Punktat mit Infektionszeichen (Abszess, Peritonitis)Gesicherte intraabdominelle Candidose. Therapie wie bei der Candidämie, mindestens 14 Tage [1], Candidämie und invasive Candidose

ABS-Empfehlung: Perforation im oberen Gastrointestinaltrakt und Mediastinitis

Bei Perforation von Ösophagus, Magen oder Duodenum und bei Mediastinitis wird bis zum Ergebnis des Abstrichs kalkuliert antimykotisch behandelt. Beim kritisch kranken Patienten mit Caspofungin, wie im Kapitel Intraabdominelle Infektionen, sonst mit Fluconazol.

Begründung: Der obere Gastrointestinaltrakt ist stärker mit Candida besiedelt als der Dickdarm. Nach gastroduodenaler Perforation tritt eine intraabdominelle Candidose bei etwa 40 % auf [1].

Abweichung: Die globale Leitlinie unterscheidet nicht nach Ort der Perforation und lehnt eine Einmalgabe bei erster Perforation ab [1][13]. Die kalkulierte Therapie bis zum Abstrichergebnis ist eine ABS-Entscheidung.

Prophylaxe nach Bauchoperation

Prophylaxe heißt: Antimykotikum ohne nachgewiesene Infektion, um eine invasive Candidose zu verhindern. Die Leitlinie empfiehlt sie nur bei kürzlicher Bauchoperation mit wiederholter Perforation oder Anastomoseninsuffizienz [1]. In der Hauptstudie sank die Candida-Peritonitis von 35 auf 4 % [14].

Stabile Patient:innen: Fluconazol Tag 1 800 mg (12 mg/kg KG), dann 1x 400 mg (6 mg/kg KG) iv oder po, bis die chirurgische Situation behoben ist [1]. Nach Azol-Vorbehandlung ein Echinocandin.

Kritisch Kranke: Caspofungin Tag 1 70 mg iv, dann 1x 50 mg iv. Ab 80 kg KG 1x 70 mg iv, wie im Kapitel Intraabdominelle Infektionen.

Keine Prophylaxe bei erster, nicht wiederholter Perforation [1][13]. Eine präemptive Gabe bei operationspflichtiger Peritonitis brachte keinen Nutzen [15]. Bei Pankreatitis keine routinemäßige Prophylaxe.

Körpergewicht erfassen: Ab 80 kg KG bleibt es bei 70 mg täglich. Die meisten Intensivpatient:innen wiegen mehr als 80 kg, das Gewicht wird im Alltag aber oft nicht beachtet.

Candidurie

  • Ohne Symptome keine Therapie. Ohne Behandlung verschwand die Candidurie bei drei Vierteln der Patient:innen, eine Candidämie hatten nur 1,3 % [16]. Fluconazol über 14 Tage senkte den Befund nur kurzfristig, ohne klinischen Nutzen [17].
  • Blasenkatheter wechseln oder entfernen. Allein dadurch verschwindet die Candidurie bei etwa einem Drittel [16].
  • Ausnahmen mit Therapie: Neutropenie und urologische Eingriffe, weil das Risiko einer Streuung hoch ist [1][18]. Vor einem Eingriff Fluconazol 1x 400 mg po für einige Tage vor und nach dem Eingriff [18].
  • Kritisch Kranke mit Sepsis: Die Candidurie ist ein Anlass für Blutkulturen, nicht für eine Therapie allein aufgrund des Urinbefunds.

Nierentransplantierte

Auch nach Nierentransplantation wird eine Candidurie ohne Symptome nicht behandelt. Die globale Leitlinie nennt Nierentransplantierte ausdrücklich, weil eine Behandlung in Studien den Befund nicht dauerhaft beseitigte [1]. Auch der Verlauf der Patient:innen verbesserte sich durch eine Therapie nicht [19]. Ein Harnleiterstent sollte früh entfernt werden [1]. Bei Symptomen, Obstruktion oder Pilzball wird behandelt.

Symptomatische Harnwegsinfektion

  • Zystitis
    • Fluconazol – 1x 200 mg po über 2 Wochen
  • Pyelonephritis
    • Fluconazol – 1x 200–400 mg po über 2 Wochen
  • Hinweise
    • Fluconazol ist Mittel der Wahl, es wird im Urin stark angereichert [1][18].
    • Keine Echinocandine bei Harnwegsinfektion. Sie erreichen im Urin keine wirksamen Spiegel [18].
    • Obstruktion beseitigen. Pilzball operativ sanieren.
    • Fluconazolresistente Arten (Nakaseomyces glabratus, Pichia kudriavzevii): infektiologische Rücksprache.

Übertherapie

In einer Studie wurden 43 % der Patient:innen mit asymptomatischer Candidurie nicht leitliniengerecht behandelt, fast immer durch eine unnötige Therapie [20].

Red Flags

  • Candida in der Blutkultur: immer behandeln, Kapitel Candidämie und invasive Candidose
  • Candida aus Liquor, Gelenk, Knochen, Auge oder Gewebe aus sterilem Ort
  • Septischer Schock bei Candida-Kolonisation an mehreren Orten, langer Intensivbehandlung und Gefäßkatheter
  • Perforation im oberen Gastrointestinaltrakt, Mediastinitis, wiederholte Perforation oder Anastomoseninsuffizienz
  • Neutropenie mit Candida-Nachweis
  • Candidozyma auris (früher Candida auris) in jeder Probe: Hygiene informieren

Diagnostik zur Abgrenzung

  • Speziesbestimmung, sobald eine Therapie erwogen wird. Resistenztestung bei jeder invasiven Infektion [1].
  • Blutkulturen bei Verdacht auf invasive Candidose: 2–3 Sets mit je 20 ml. Sie erfassen nur etwa die Hälfte der invasiven Candidosen [1][18].
  • Candida-Score (parenterale Ernährung 1, Operation 1, Kolonisation an mehreren Orten 1, schwere Sepsis 2): Bei weniger als 3 Punkten ist eine invasive Candidose unwahrscheinlich (2,3 %) [21]. Der Score eignet sich zum Ausschluss, nicht zur Indikation.
  • β-D-Glucan: Ein positiver Wert allein ist kein Grund zum Beginnen. Ein negativer Wert hilft beim Absetzen einer empirischen Therapie [1][22]. Falsch positiv nach großen Bauchoperationen, sowie unter Albumin und Immunglobulinen [23].

Therapiedauer

SituationDauer
Zystitis, Pyelonephritis2 Wochen [18]
Mundsoor (mittel bis schwer)Fluconazol 1x 100–200 mg po über 7–14 Tage [18]
SoorösophagitisFluconazol 1x 100–200 mg po über 14–21 Tage [1]
Prophylaxe bei wiederholter Perforation oder Anastomoseninsuffizienzbis die chirurgische Situation behoben ist [1]
Kalkulierte Gabe ohne gesicherte Infektionhöchstens 10 Tage. Absetzen bei negativen Kulturen und gutem Verlauf
Gesicherte intraabdominelle Candidosemindestens 14 Tage, Wechsel auf oral nach etwa 10 Tagen [1]

Candidozyma auris und Krankenhaushygiene

Candidozyma auris (früher Candida auris) wird von Patient zu Patient übertragen, hält sich lange auf Flächen und ist meist fluconazolresistent. In Deutschland stieg die Zahl der Nachweise stark an: 77 im Jahr 2023 und 89 im Jahr 2024, mehr als drei Viertel davon Kolonisationen [24][25]. 2023 gab es mindestens vier Ausbrüche, der größte mit 42 Fällen [24].

  • Kolonisation nicht behandeln. Sie ist eine Frage der Hygiene [1].
  • Einzelzimmer, Kontaktschutz, patientenbezogene Geräte [1][26].
  • Screening von Risikopatient:innen und engen Kontakten bei Aufnahme: ein gemeinsamer Abstrich von Axilla und Leiste [1]. Risikopatient:innen sind vor allem Verlegte aus Kliniken im Ausland [27].
  • Entisolierung von Kontakten nach drei negativen Screenings im Abstand von mindestens 24 h [1].
  • Flächendesinfektion mit Wasserstoffperoxid, Peressigsäure oder Chlor. Quartäre Ammoniumverbindungen wirken schlecht [1][24].
  • Jedes Isolat an das Nationale Referenzzentrum für invasive Pilzinfektionen (NRZMyk) senden [24].
  • Meldepflicht nach § 7 Abs. 1 IfSG seit Juli 2026 für jeden direkten Nachweis bei Infektion oder Kolonisation, vorher nur aus Blut und sterilen Materialien [28]. Häufungen zusätzlich nach § 6 Abs. 3 IfSG.
  • Therapie einer Infektion mit einem Echinocandin, immer nach Resistenztestung [1].

Quellen & Hinweise

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  • [2] Lortholary O, Desnos-Ollivier M, Sitbon K, et al. Recent exposure to caspofungin or fluconazole influences the epidemiology of candidemia: a prospective multicenter study involving 2,441 patients. Antimicrob Agents Chemother. 2011;55(2):532–538. doi:10.1128/AAC.01128-10
  • [3] Meersseman W, Lagrou K, Spriet I, et al. Significance of the isolation of Candida species from airway samples in critically ill patients: a prospective, autopsy study. Intensive Care Med. 2009;35(9):1526–1531. doi:10.1007/s00134-009-1482-8
  • [4] Cornely OA, Bassetti M, Calandra T, et al. ESCMID guideline for the diagnosis and management of Candida diseases 2012: non-neutropenic adult patients. Clin Microbiol Infect. 2012;18 Suppl 7:19–37. doi:10.1111/1469-0691.12039
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  • [6] Bassetti M, Giacobbe DR, Agvald-Ohman C, et al. Invasive fungal diseases in adult patients in intensive care unit (FUNDICU): 2024 consensus definitions. Intensive Care Med. 2024;50(4):502–515. doi:10.1007/s00134-024-07341-7
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