Procalcitonin

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 25.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Procalcitonin (PCT) steigt bei bakteriellen Infektionen mit systemischer Entzündungsreaktion an. Bei Virusinfektionen bleibt es meist niedrig. Es hilft vor allem, die Dauer einer Antibiotikatherapie zu begrenzen, bei Sepsis und bei Infektionen der unteren Atemwege [1][2].

PCT ersetzt nicht die klinische Beurteilung. Die Grenzwerte dienen zur Orientierung und hängen vom Test ab.

Siehe auch Sepsis und septischer Schock.

Definition

Procalcitonin ist das Prohormon des Calcitonins. Gebildet wird es in den C-Zellen der Schilddrüse, außerdem in neuroendokrinen Zellen von Lunge und Pankreas. Bei bakterieller Infektion bilden es unter dem Einfluss von Endotoxinen und Entzündungsmediatoren zahlreiche Gewebe. Deshalb kann es bei einer Sepsis stark ansteigen. Bei Virusinfektionen hemmt Interferon-γ die Bildung.

Die Konzentration steigt 6–12 h nach Infektionsbeginn an und halbiert sich bei wirksamer Therapie etwa alle 24 h. Bei Gesunden liegt sie unter 0,05 ng/ml. Einheit: ng/ml (entspricht µg/l) [3].

Red Flags

  • Klinische Instabilität geht jedem PCT-Wert vor.
  • Bei Sepsisverdacht Antibiotika nicht wegen eines niedrigen PCT zurückhalten [4].
  • Kein Absetzen ohne Sanierung der Infektionsquelle.
  • Keine Verkürzung nach PCT bei S.-aureus-Bakteriämie, Endokarditis oder Candidämie [1].
  • Erneuter Anstieg nach Abfall: neue Infektion, Rezidiv oder nicht sanierten Fokus prüfen.

Indikation

  • Sepsis und septischer Schock: PCT-Verlauf zur Begrenzung der Therapiedauer nach Fokuskontrolle [1]. Über den Therapiebeginn entscheidet die Klinik [4].
  • Infektionen der unteren Atemwege: Hilfe bei der Entscheidung, ob ein Antibiotikum nötig ist, und zur Steuerung der Dauer [5][2]. Bei gesicherter Pneumonie nur zur Steuerung der Dauer (Kapitel Ambulant erworbene Pneumonie).
  • Verlauf: Hohe oder nicht fallende Werte können auf ein Therapieversagen hinweisen.
  • Wenig hilfreich: akute Exazerbation der COPD [6], Infektionen mit langer Mindestdauer (Endokarditis, Osteomyelitis, Protheseninfektion), Neutropenie.

Therapie-Evaluation

Grundsätzlich reicht eine Kontrolle alle 3–4 Tage nach der ersten Bestimmung. So lässt sich das Ansprechen beurteilen [2]. Auch die Kosten wiederholter Messungen sind zu bedenken, ohne dass dies zu Lasten der Patient:innen geht.

Ausnahme Intensivstation bei Sepsis und septischem Schock: Hier wird PCT engmaschig, meist täglich, bestimmt. So wurde die Therapiesteuerung in den Studien geprüft [7][8][9]. Seltener gemessen brachte das Absetzen nach PCT keinen Nutzen [10].

Absetzformel

ΔPCT (%) = (PCTmax − PCTaktuell) / PCTmax × 100

Die Antibiotikatherapie kann beendet werden, wenn eines der beiden Kriterien erfüllt ist [7][1]:

  • Abfall um mindestens 80 % vom Höchstwert oder
  • PCT 0,5 ng/ml oder weniger (Infektionen der unteren Atemwege: unter 0,25 ng/ml) [3]

Immer auch den klinischen Zustand einbeziehen. Voraussetzung ist eine klinische Besserung und eine sanierte Infektionsquelle.

Der Nutzen ist kleiner als lange angenommen. In der neuesten großen Studie verkürzte PCT die Therapie um knapp einen Tag [9].

Cutoff

Die Werte stammen aus der Interpretationshilfe des Herstellers [3] und aus den Studienalgorithmen. Sie gelten für hochsensitive Tests, die auf den B·R·A·H·M·S-Standard rückführbar sind. Die PCT-Konzentration hängt auch von der individuellen Immunantwort ab und ist immer im klinischen Zusammenhang zu beurteilen.

Sepsis

PCT (ng/ml)Beurteilung
< 0,5Sepsis unwahrscheinlich. Eine lokalisierte Infektion ist möglich. Bei Messung früher als 6 h nach Beginn der Infektion nach 6–24 h erneut messen.
0,5 bis < 2Sepsis möglich, andere Ursachen kommen in Frage. Engmaschig klinisch überwachen und nach 6–24 h erneut messen.
2 bis < 10Sepsis wahrscheinlich, sofern keine andere Ursache bekannt ist. Hohes Risiko für Organversagen.
≥ 10Ausgeprägte systemische Entzündungsreaktion, meist bei Sepsis oder septischem Schock.
Nach Herstellerangaben [3].

Infektionen der unteren Atemwege

PCT (ng/ml)Beurteilung
< 0,1Bakterielle Infektion sehr unwahrscheinlich. Kein Antibiotikum.
0,1 bis 0,25Bakterielle Infektion unwahrscheinlich. Eher kein Antibiotikum.
> 0,25 bis 0,5Bakterielle Infektion wahrscheinlich. Antibiotikum empfohlen.
> 0,5Bakterielle Infektion sehr wahrscheinlich. Antibiotikum dringend empfohlen.
Nach ProHOSP [5]. Nicht anwenden bei akuter Exazerbation der COPD [6].

Unabhängig vom PCT-Wert sofort mit einem geeigneten Antibiotikum beginnen bei klinischer Instabilität, hohem Risiko für einen ungünstigen Verlauf, deutlichen Zeichen einer bakteriellen Infektion oder gesicherter Pneumonie.

Einflussfaktoren

Erhöhtes PCT ohne bakterielle Infektion [11]:

  • schweres Trauma, große Operation, schwere Verbrennung
  • kardiogener Schock, anhaltende schwere Minderperfusion
  • akute Pankreatitis, Hitzschlag
  • Niereninsuffizienz und Dialyse (höherer Ausgangswert, langsamerer Abfall)
  • Zytokinfreisetzung durch Medikamente und Zelltherapien (z. B. ATG, IL-2, CAR-T-Zellen)
  • Malaria, invasive Pilzinfektion
  • kleinzelliges Bronchialkarzinom, medulläres C-Zell-Karzinom der Schilddrüse
  • Neugeborene in den ersten 48 Lebensstunden

Niedriges PCT trotz Infektion:

  • frühe Phase (unter 6 h)
  • lokalisierte Infektion ohne systemische Reaktion (z. B. Abszess, Empyem)
  • atypische Erreger (z. B. Mykoplasmen)
  • subakute Endokarditis, Biofilm- und Protheseninfektionen

Störfaktoren

Ikterus, Hämolyse und Lipämie verändern das Ergebnis meist um weniger als 15 %. Hochdosiertes Biotin kann bei Tests mit Streptavidin-Biotin-Bindung falsch niedrige Werte verursachen. Die Grenzen stehen in der Packungsbeilage des Hauslabors. Verlaufskontrollen mit demselben Test durchführen [3].

Quellen & Hinweise

  • [1] Brunkhorst FM, Adamzik M, Axer H, et al. S3 guideline on sepsis – prevention, diagnosis, therapy, and follow-up care – update 2025 (AWMF 079-001). Med Klin Intensivmed Notfmed. 2025;120(Suppl 2):163–231. doi:10.1007/s00063-025-01317-1
  • [2] Ewig S, Kolditz M, Pletz M, et al. Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie – Update 2021 (S3-Leitlinie). Pneumologie. 2021;75(9):665–729. doi:10.1055/a-1497-0693
  • [3] Thermo Fisher Scientific. B·R·A·H·M·S PCT – Interpretation (Herstellerangaben). thermofisher.com/procalcitonin (abgerufen 24.10.2026). Packungsbeilage des im Hauslabor verwendeten Tests.
  • [4] Evans L, Rhodes A, Alhazzani W, et al. Surviving Sepsis Campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2021. Intensive Care Med. 2021;47(11):1181–1247. doi:10.1007/s00134-021-06506-y
  • [5] Schuetz P, Christ-Crain M, Thomann R, et al. Effect of procalcitonin-based guidelines vs standard guidelines on antibiotic use in lower respiratory tract infections: the ProHOSP randomized controlled trial. JAMA. 2009;302(10):1059–1066. doi:10.1001/jama.2009.1297
  • [6] Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease. GOLD Report 2026. goldcopd.org
  • [7] de Jong E, van Oers JA, Beishuizen A, et al. Efficacy and safety of procalcitonin guidance in reducing the duration of antibiotic treatment in critically ill patients: a randomised, controlled, open-label trial (SAPS). Lancet Infect Dis. 2016;16(7):819–827. doi:10.1016/S1473-3099(16)00053-0
  • [8] Bouadma L, Luyt CE, Tubach F, et al. Use of procalcitonin to reduce patients’ exposure to antibiotics in intensive care units (PRORATA trial): a multicentre randomised controlled trial. Lancet. 2010;375(9713):463–474. doi:10.1016/S0140-6736(09)61879-1
  • [9] Dark P, Hossain A, McAuley DF, et al. Biomarker-guided antibiotic duration for hospitalized patients with suspected sepsis (ADAPT-Sepsis). JAMA. 2025;333(8):682–693. doi:10.1001/jama.2024.26458
  • [10] Kubo K, Sakuraya M, Sugimoto H, et al. Benefits and harms of procalcitonin- or C-reactive protein-guided antimicrobial discontinuation in critically ill adults with sepsis: a systematic review and network meta-analysis. Crit Care Med. 2024;52(10):e522–e534. doi:10.1097/CCM.0000000000006366
  • [11] Popa SL, Incze V, Ismaiel A, et al. Non-infectious causes for elevated procalcitonin. Medicina (Kaunas). 2026;62(3):464. doi:10.3390/medicina62030464

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