Kurzüberblick
Nicht-Cholera-Vibrionen leben in Meer-, Brack- und salzhaltigem Binnenwasser und vermehren sich stark, wenn das Wasser wärmer als etwa 20 °C ist. In Deutschland betrifft das vor allem die Ostsee von Juni bis September [1][2].
Sie verursachen Wundinfektionen bis zur nekrotisierenden Fasziitis und Sepsis, außerdem Gastroenteritis und Ohrinfektionen. V. vulnificus verläuft bei Lebererkrankung, Eisenüberladung oder Immunsuppression oft fulminant [1][3].
Die gemeldeten Fälle stiegen von 13 (2020) auf 95 (2024). 2024 wurden 42 davon in Deutschland erworben [4]. Bei einer Wundinfektion nach Wasserkontakt sofort an Vibrionen denken: Antibiotika ohne Verzögerung und notfallmäßige chirurgische Vorstellung.
Grundlage sind die S2k-Leitlinie der PEG [5], die IDSA-Leitlinie [6] und die Empfehlungen der CDC [3]. Die Empfehlungen gelten für Erwachsene.
Definition
Infektion durch humanpathogene Vibrio-Arten außer den Choleraerregern V. cholerae O1/O139 (Nicht-Cholera-Vibrionen): vor allem V. vulnificus, V. cholerae non-O1/non-O139, V. parahaemolyticus und V. alginolyticus [2]. Keine Übertragung von Mensch zu Mensch.
- Wundinfektion: über bestehende oder im Wasser entstandene Wunden. Bis zur nekrotisierenden Fasziitis und Sepsis.
- Primäre Sepsis: nach rohen oder ungenügend gegarten Meeresfrüchten (v. a. Austern), meist bei Leberzirrhose [3].
- Gastroenteritis: nach Meeresfrüchten. Meist selbstlimitierend.
- Ohrinfektion: meist Otitis externa nach dem Baden, häufig bei gesunden Kindern [1][7].
Red Flags
Wasserkontakt (Ostsee, Bodden, Flussmündung, Reise ans Meer) oder Umgang mit rohem Fisch bzw. Meeresfrüchten in den letzten Tagen und:
- Schmerz stärker, als der Wundbefund erklärt
- Rötung oder Schwellung breitet sich innerhalb von Stunden aus. Blasen (besonders hämorrhagische), livide Haut, Nekrose
- Fieber, Schüttelfrost, Hypotonie, Verwirrtheit – Sepsis
- Sepsis ohne erkennbaren Fokus nach rohen Austern oder Meeresfrüchten
- Risikofaktoren: Leberzirrhose, Alkoholabhängigkeit, Hämochromatose, Diabetes, Niereninsuffizienz, Immunsuppression, höheres Alter [3][1]

Sofort Blutkulturen und Wundmaterial abnehmen, Antibiotika ohne Abwarten des Befunds geben und notfallmäßig die Chirurgie hinzuziehen. Die Letalität der V.-vulnificus-Sepsis liegt bei etwa 20 % bis über 50 %, oft innerhalb von 1–2 Tagen [3][1].
Diagnostik
- Labor über den Verdacht auf Vibrionen informieren und die Exposition angeben (Ort, Datum, Meer- oder Brackwasser, Meeresfrüchte), damit ein Selektivagar angelegt wird [3][2].
- Blutkulturen bei Fieber, Blasen oder Sepsis. Wundabstrich und Gewebe vom Wundrand. Stuhl bei Gastroenteritis. Ohrabstrich bei Otitis nach dem Baden [3].
- Proben möglichst vor der ersten Gabe, die Therapie aber nicht verzögern [3].
- Typisierung über das Konsiliarlabor für Vibrionen am RKI, Einsendung nach Absprache [1].
Therapie
Chirurgie
- Sofort Chirurgie hinzuziehen. Bei Blasen, Nekrose, rascher Ausbreitung oder Sepsis notfallmäßiges Débridement bzw. Fasziotomie, Ziel innerhalb 6 h wie bei jeder nekrotisierenden Weichteilinfektion (Kapitel Nekrotisierende Weichteilinfektionen).
- Eine Operation nach mehr als 12 h war mit einer deutlich höheren Letalität verbunden (OR 2,64. Nach mehr als 24 h OR 2,99) [8][9].
- Erneute Exploration nach 12–24 h [10]. Amputation kann nötig werden.
Wundinfektion, nekrotisierende Fasziitis, Sepsis
- 1. Wahl
- Doxycyclin – 2x 100 mg iv
- plus Ceftriaxon – 1x 2 g iv
- Echte Cephalosporin-Allergie
- zuerst mit dem PEN-FAST-Rechner einschätzen. Eine Penicillinallergie schließt Ceftriaxon meist nicht aus
- Ciprofloxacin – 2x 400 mg iv
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg iv
- Schwangerschaft ab der 16. SSW
- Ceftriaxon – 1x 2 g iv
- plus Ciprofloxacin – 2x 400 mg iv
- Infektiologie einbinden
- Hinweise
- PEG und IDSA empfehlen Doxycyclin plus Ceftriaxon (IDSA: oder Cefotaxim) [5][6]. Die CDC nennt beispielhaft Ceftazidim [3].
- Kein Cephalosporin allein: Letalität 61 vs. 14 % mit Tetrazyklin- oder Fluorchinolon-Kombination [11][12][13]. Doxycyclin- und Ciprofloxacin-Kombination waren etwa gleichwertig [11][14].
- Ciprofloxacin ist ein Reserveantibiotikum. Hier ist es begründet, wenn ein Cephalosporin nicht möglich ist [15][3].
- Nach Antibiogramm anpassen. Einzelne tetrazyklinresistente Isolate sind beschrieben [2].
Gastroenteritis
- Leichter Verlauf
- keine Antibiotika. Flüssigkeit und Elektrolyte [3]
- Mittelschwerer Verlauf mit Risikofaktor (Lebererkrankung, Immunsuppression)
- Doxycyclin – 2x 100 mg po
- Expertenmeinung
- Doxycyclin – 2x 100 mg po
- Schwerer Verlauf, Bakteriämie
- wie Sepsis behandeln [3]
Ohrinfektion
- Otitis externa
- Reinigung des Gehörgangs, chinolonhaltige Ohrentropfen (Expertenmeinung). Lokale Chinolone fallen nicht unter die Einschränkungen für systemische Fluorchinolone.
- Hinweise
- Systemische Therapie nur bei Mittelohrbeteiligung, Ausbreitung oder Immunsuppression.
- Erreger in Deutschland meist V. cholerae non-O1/non-O139 [7].

Schwangerschaft
Doxycyclin ist im 1. Trimenon Mittel der 2. Wahl und ab der 16. SSW kontraindiziert. Ciprofloxacin ist ein Mittel der 2. Wahl mit großem Erfahrungsumfang [16]. Für Vibrionen in der Schwangerschaft gibt es keine eigenen Daten.

Nierenfunktion
Doxycyclin ohne Anpassung. Ceftriaxon ohne Anpassung. Bei einer GFR unter 10 ml/min höchstens 2 g/Tag, bei gleichzeitiger Leber- und Niereninsuffizienz überwachen – bei Leberzirrhose häufig [17]. Kapitel Dosierung bei Niereninsuffizienz.

Kinder
Diese Fibel gibt keine eigenen Empfehlungen für Kinder. Ohrinfektionen betreffen vor allem Kinder [7]. Bei lebensbedrohlicher Infektion ist Doxycyclin auch bei Kindern vertretbar [6]. Dosierung mit der pädiatrischen Infektiologie festlegen.
Therapiedauer
| Situation | Dauer |
|---|---|
| Otitis externa | lokal bis zur Abheilung |
| Gastroenteritis mit Risikofaktor | 5–7 Tage (Expertenmeinung) |
| Wundinfektion, nekrotisierende Fasziitis, Sepsis | 7–14 Tage, mindestens 7–10 Tage nach vollständiger Fokussanierung |
Nach CDC und PEG [3][5]. Nach Fokussanierung, Kreislaufstabilität und rückläufiger Entzündung Doxycyclin 2x 100 mg po weiter, Ceftriaxon endet (Expertenmeinung. Die CDC gibt Doxycyclin po oder iv an).
Erreger und Verbreitung
- Gramnegative, gekrümmte, polar begeißelte Stäbchen, salzliebend [2].
- Vorkommen in Meer-, Brack- und salzhaltigem Binnenwasser, in Flussmündungen und Lagunen. Vermehrung ab etwa 20 °C und bei 0,5–2,5 % Salzgehalt. Kein Zeichen fäkaler Verunreinigung [1][18].
- In Deutschland vor allem an der Ostsee: 118 von 120 Fällen 2003–2020 [2]. Seltener an Flussmündungen der Nordsee. Hauptsaison Ende Juni bis September. Hitzewellen erhöhen die Fallzahl [7].
- Etwa die Hälfte der gemeldeten Fälle wird in Deutschland erworben, die andere Hälfte auf Reisen [4].
- Der ECDC Vibrio Viewer zeigt täglich, wo Wassertemperatur und Salzgehalt das Vibrionenwachstum begünstigen. Er ist kein Modell für das Infektionsrisiko [19].
Infektionswege und Inkubation
- Wunden mit Kontakt zu Meer- oder Brackwasser, auch frische Tattoos oder Piercings. Verletzungen beim Verarbeiten von Fisch und Meeresfrüchten [1][3].
- Verzehr roher oder ungenügend gegarter Meeresfrüchte.
- Inkubation 4–96 h. V. vulnificus 12–72 h, V. parahaemolyticus 12–24 h [1].
Risikofaktoren für einen schweren Verlauf
- Leberzirrhose, chronische Lebererkrankung, Alkoholabhängigkeit
- Hämochromatose, Eisenüberladung [20]
- Diabetes, Niereninsuffizienz, Herzerkrankung, Malignom, Immunsuppression, höheres Alter, Säureblocker [3]
- Etwa 70 % der Erkrankten sind Männer [7].
Prävention und Patientenberatung
- Mit offenen oder schlecht heilenden Wunden, frischen Tattoos oder Piercings nicht in warmes Meer- oder Brackwasser gehen, auch nicht waten. Besonders Risikopersonen [3][1].
- Fisch und Meeresfrüchte nur durchgegart essen. Bei der Zubereitung Verletzungen vermeiden, Risikopersonen tragen Handschuhe [3].
- Wunden, die sich nach Wasserkontakt entzünden, sofort ärztlich ansehen lassen und den Wasserkontakt angeben.
- Warnungen der Gesundheitsbehörden beachten. Eine Impfung gibt es nicht.
Meldepflicht
- Labormeldepflicht für den Nachweis humanpathogener Vibrio spp. nach § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 48 IfSG, seit März 2020. Liegt ausschließlich eine Ohrinfektion vor, nur für V. cholerae [21].
- Cholera: ärztliche Meldung bei Verdacht, Erkrankung und Tod nach § 6 IfSG [21].
Quellen & Hinweise
- [1] Robert Koch-Institut. Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Nicht-Cholera-Vibrionen. Stand 01.08.2025. rki.de
- [2] Brehm TT, Dupke S, Hauk G, et al. Nicht-Cholera-Vibrionen – derzeit noch seltene, aber wachsende Infektionsgefahr in Nord- und Ostsee. Internist. 2021;62(8):876–886. doi:10.1007/s00108-021-01086-x
- [3] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Overview of Vibriosis (Stand 13.05.2024); Preventing Vibrio Infection (Stand 07.07.2025). cdc.gov/vibrio
- [4] Robert Koch-Institut. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024. Berlin 2026, Kap. Vibrionen. doi:10.25646/13601
- [5] Sunderkötter C, Becker K, Eckmann C, et al. Calculated initial parenteral treatment of bacterial infections: Skin and soft tissue infections. GMS Infect Dis. 2020;8:Doc11. doi:10.3205/id000055 (S2k-Leitlinie der PEG, Update 2018).
- [6] Stevens DL, Bisno AL, Chambers HF, et al. Practice guidelines for the diagnosis and management of skin and soft tissue infections: 2014 update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2014;59(2):e10–e52. doi:10.1093/cid/ciu444
- [7] Brehm TT, Berneking L, Sena Martins M, et al. Heatwave-associated Vibrio infections in Germany, 2018 and 2019. Euro Surveill. 2021;26(41):2002041. doi:10.2807/1560-7917.ES.2021.26.41.2002041
- [8] Elnahla A, Attia AS, Toraih E, et al. Prognostic factors of mortality in Vibrio vulnificus sepsis and soft tissue infections: meta-analysis. Surg Infect. 2021;22(9):928–939. doi:10.1089/sur.2020.243
- [9] Chao WN, Tsai CF, Chang HR, et al. Impact of timing of surgery on outcome of Vibrio vulnificus-related necrotizing fasciitis. Am J Surg. 2013;206(1):32–39. doi:10.1016/j.amjsurg.2012.08.008
- [10] Sartelli M, Guirao X, Hardcastle TC, et al. 2018 WSES/SIS-E consensus conference: recommendations for the management of skin and soft-tissue infections. World J Emerg Surg. 2018;13:58. doi:10.1186/s13017-018-0219-9
- [11] Chen SC, Lee YT, Tsai SJ, et al. Antibiotic therapy for necrotizing fasciitis caused by Vibrio vulnificus: retrospective analysis of an 8 year period. J Antimicrob Chemother. 2012;67(2):488–493. doi:10.1093/jac/dkr476
- [12] Wong KC, Brown AM, Luscombe GM, Wong SJ, Mendis K. Antibiotic use for Vibrio infections: important insights from surveillance data. BMC Infect Dis. 2015;15:226. doi:10.1186/s12879-015-0959-z
- [13] Liu JW, Lee IK, Tang HJ, et al. Prognostic factors and antibiotics in Vibrio vulnificus septicemia. Arch Intern Med. 2006;166(19):2117–2123. doi:10.1001/archinte.166.19.2117
- [14] Kim SE, Shin SU, Oh TH, et al. Outcomes of third-generation cephalosporin plus ciprofloxacin or doxycycline therapy in patients with Vibrio vulnificus septicemia: a propensity score-matched analysis. PLoS Negl Trop Dis. 2019;13(6):e0007478. doi:10.1371/journal.pntd.0007478
- [15] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Rote-Hand-Brief zu Fluorchinolon-Antibiotika, 08.04.2019. bfarm.de
- [16] Embryotox, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Berlin. Einträge zu Doxycyclin und Ciprofloxacin. embryotox.de (abgerufen 23.10.2026).
- [17] European Medicines Agency. Rocephin and associated names (ceftriaxone), Article 30 referral, Annex III (Fachinformation), 2014. ema.europa.eu
- [18] Dupke S, Walther B, Hammerl JA, Jacob D. Vibrionen in Gewässern Deutschlands. Epid Bull. 2025;27:3–9. doi:10.25646/13264.2
- [19] European Centre for Disease Prevention and Control. Vibrio Viewer. vibrio-viewer.ecdc.europa.eu (abgerufen 23.10.2026).
- [20] Barton JC, Acton RT. Hemochromatosis and Vibrio vulnificus wound infections. J Clin Gastroenterol. 2009;43(9):890–893. doi:10.1097/MCG.0b013e31819069c1
- [21] Infektionsschutzgesetz (IfSG), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de (abgerufen 23.10.2026).
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