Vibrionen-Infektion

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 23.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Nicht-Cholera-Vibrionen leben in Meer-, Brack- und salzhaltigem Binnenwasser und vermehren sich stark, wenn das Wasser wärmer als etwa 20 °C ist. In Deutschland betrifft das vor allem die Ostsee von Juni bis September [1][2].

Sie verursachen Wundinfektionen bis zur nekrotisierenden Fasziitis und Sepsis, außerdem Gastroenteritis und Ohrinfektionen. V. vulnificus verläuft bei Lebererkrankung, Eisenüberladung oder Immunsuppression oft fulminant [1][3].

Die gemeldeten Fälle stiegen von 13 (2020) auf 95 (2024). 2024 wurden 42 davon in Deutschland erworben [4]. Bei einer Wundinfektion nach Wasserkontakt sofort an Vibrionen denken: Antibiotika ohne Verzögerung und notfallmäßige chirurgische Vorstellung.

Grundlage sind die S2k-Leitlinie der PEG [5], die IDSA-Leitlinie [6] und die Empfehlungen der CDC [3]. Die Empfehlungen gelten für Erwachsene.

Definition

Infektion durch humanpathogene Vibrio-Arten außer den Choleraerregern V. cholerae O1/O139 (Nicht-Cholera-Vibrionen): vor allem V. vulnificus, V. cholerae non-O1/non-O139, V. parahaemolyticus und V. alginolyticus [2]. Keine Übertragung von Mensch zu Mensch.

  • Wundinfektion: über bestehende oder im Wasser entstandene Wunden. Bis zur nekrotisierenden Fasziitis und Sepsis.
  • Primäre Sepsis: nach rohen oder ungenügend gegarten Meeresfrüchten (v. a. Austern), meist bei Leberzirrhose [3].
  • Gastroenteritis: nach Meeresfrüchten. Meist selbstlimitierend.
  • Ohrinfektion: meist Otitis externa nach dem Baden, häufig bei gesunden Kindern [1][7].

Red Flags

Wasserkontakt (Ostsee, Bodden, Flussmündung, Reise ans Meer) oder Umgang mit rohem Fisch bzw. Meeresfrüchten in den letzten Tagen und:

  • Schmerz stärker, als der Wundbefund erklärt
  • Rötung oder Schwellung breitet sich innerhalb von Stunden aus. Blasen (besonders hämorrhagische), livide Haut, Nekrose
  • Fieber, Schüttelfrost, Hypotonie, Verwirrtheit – Sepsis
  • Sepsis ohne erkennbaren Fokus nach rohen Austern oder Meeresfrüchten
  • Risikofaktoren: Leberzirrhose, Alkoholabhängigkeit, Hämochromatose, Diabetes, Niereninsuffizienz, Immunsuppression, höheres Alter [3][1]

Sofort Blutkulturen und Wundmaterial abnehmen, Antibiotika ohne Abwarten des Befunds geben und notfallmäßig die Chirurgie hinzuziehen. Die Letalität der V.-vulnificus-Sepsis liegt bei etwa 20 % bis über 50 %, oft innerhalb von 1–2 Tagen [3][1].

Diagnostik

  • Labor über den Verdacht auf Vibrionen informieren und die Exposition angeben (Ort, Datum, Meer- oder Brackwasser, Meeresfrüchte), damit ein Selektivagar angelegt wird [3][2].
  • Blutkulturen bei Fieber, Blasen oder Sepsis. Wundabstrich und Gewebe vom Wundrand. Stuhl bei Gastroenteritis. Ohrabstrich bei Otitis nach dem Baden [3].
  • Proben möglichst vor der ersten Gabe, die Therapie aber nicht verzögern [3].
  • Typisierung über das Konsiliarlabor für Vibrionen am RKI, Einsendung nach Absprache [1].

Therapie

Chirurgie

  • Sofort Chirurgie hinzuziehen. Bei Blasen, Nekrose, rascher Ausbreitung oder Sepsis notfallmäßiges Débridement bzw. Fasziotomie, Ziel innerhalb 6 h wie bei jeder nekrotisierenden Weichteilinfektion (Kapitel Nekrotisierende Weichteilinfektionen).
  • Eine Operation nach mehr als 12 h war mit einer deutlich höheren Letalität verbunden (OR 2,64. Nach mehr als 24 h OR 2,99) [8][9].
  • Erneute Exploration nach 12–24 h [10]. Amputation kann nötig werden.

Wundinfektion, nekrotisierende Fasziitis, Sepsis

  • 1. Wahl
    • Doxycyclin – 2x 100 mg iv
    • plus Ceftriaxon – 1x 2 g iv
  • Echte Cephalosporin-Allergie
    • zuerst mit dem PEN-FAST-Rechner einschätzen. Eine Penicillinallergie schließt Ceftriaxon meist nicht aus
    • Ciprofloxacin – 2x 400 mg iv
    • plus Doxycyclin – 2x 100 mg iv
  • Schwangerschaft ab der 16. SSW
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv
    • plus Ciprofloxacin – 2x 400 mg iv
    • Infektiologie einbinden
  • Hinweise
    • PEG und IDSA empfehlen Doxycyclin plus Ceftriaxon (IDSA: oder Cefotaxim) [5][6]. Die CDC nennt beispielhaft Ceftazidim [3].
    • Kein Cephalosporin allein: Letalität 61 vs. 14 % mit Tetrazyklin- oder Fluorchinolon-Kombination [11][12][13]. Doxycyclin- und Ciprofloxacin-Kombination waren etwa gleichwertig [11][14].
    • Ciprofloxacin ist ein Reserveantibiotikum. Hier ist es begründet, wenn ein Cephalosporin nicht möglich ist [15][3].
    • Nach Antibiogramm anpassen. Einzelne tetrazyklinresistente Isolate sind beschrieben [2].

Gastroenteritis

  • Leichter Verlauf
    • keine Antibiotika. Flüssigkeit und Elektrolyte [3]
  • Mittelschwerer Verlauf mit Risikofaktor (Lebererkrankung, Immunsuppression)
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po
      • Expertenmeinung
  • Schwerer Verlauf, Bakteriämie
    • wie Sepsis behandeln [3]

Ohrinfektion

  • Otitis externa
    • Reinigung des Gehörgangs, chinolonhaltige Ohrentropfen (Expertenmeinung). Lokale Chinolone fallen nicht unter die Einschränkungen für systemische Fluorchinolone.
  • Hinweise
    • Systemische Therapie nur bei Mittelohrbeteiligung, Ausbreitung oder Immunsuppression.
    • Erreger in Deutschland meist V. cholerae non-O1/non-O139 [7].

Schwangerschaft

Doxycyclin ist im 1. Trimenon Mittel der 2. Wahl und ab der 16. SSW kontraindiziert. Ciprofloxacin ist ein Mittel der 2. Wahl mit großem Erfahrungsumfang [16]. Für Vibrionen in der Schwangerschaft gibt es keine eigenen Daten.

Nierenfunktion

Doxycyclin ohne Anpassung. Ceftriaxon ohne Anpassung. Bei einer GFR unter 10 ml/min höchstens 2 g/Tag, bei gleichzeitiger Leber- und Niereninsuffizienz überwachen – bei Leberzirrhose häufig [17]. Kapitel Dosierung bei Niereninsuffizienz.

Kinder

Diese Fibel gibt keine eigenen Empfehlungen für Kinder. Ohrinfektionen betreffen vor allem Kinder [7]. Bei lebensbedrohlicher Infektion ist Doxycyclin auch bei Kindern vertretbar [6]. Dosierung mit der pädiatrischen Infektiologie festlegen.

Therapiedauer

SituationDauer
Otitis externalokal bis zur Abheilung
Gastroenteritis mit Risikofaktor5–7 Tage (Expertenmeinung)
Wundinfektion, nekrotisierende Fasziitis, Sepsis7–14 Tage, mindestens 7–10 Tage nach vollständiger Fokussanierung

Nach CDC und PEG [3][5]. Nach Fokussanierung, Kreislaufstabilität und rückläufiger Entzündung Doxycyclin 2x 100 mg po weiter, Ceftriaxon endet (Expertenmeinung. Die CDC gibt Doxycyclin po oder iv an).

Erreger und Verbreitung

  • Gramnegative, gekrümmte, polar begeißelte Stäbchen, salzliebend [2].
  • Vorkommen in Meer-, Brack- und salzhaltigem Binnenwasser, in Flussmündungen und Lagunen. Vermehrung ab etwa 20 °C und bei 0,5–2,5 % Salzgehalt. Kein Zeichen fäkaler Verunreinigung [1][18].
  • In Deutschland vor allem an der Ostsee: 118 von 120 Fällen 2003–2020 [2]. Seltener an Flussmündungen der Nordsee. Hauptsaison Ende Juni bis September. Hitzewellen erhöhen die Fallzahl [7].
  • Etwa die Hälfte der gemeldeten Fälle wird in Deutschland erworben, die andere Hälfte auf Reisen [4].
  • Der ECDC Vibrio Viewer zeigt täglich, wo Wassertemperatur und Salzgehalt das Vibrionenwachstum begünstigen. Er ist kein Modell für das Infektionsrisiko [19].

Infektionswege und Inkubation

  • Wunden mit Kontakt zu Meer- oder Brackwasser, auch frische Tattoos oder Piercings. Verletzungen beim Verarbeiten von Fisch und Meeresfrüchten [1][3].
  • Verzehr roher oder ungenügend gegarter Meeresfrüchte.
  • Inkubation 4–96 h. V. vulnificus 12–72 h, V. parahaemolyticus 12–24 h [1].

Risikofaktoren für einen schweren Verlauf

  • Leberzirrhose, chronische Lebererkrankung, Alkoholabhängigkeit
  • Hämochromatose, Eisenüberladung [20]
  • Diabetes, Niereninsuffizienz, Herzerkrankung, Malignom, Immunsuppression, höheres Alter, Säureblocker [3]
  • Etwa 70 % der Erkrankten sind Männer [7].

Prävention und Patientenberatung

  • Mit offenen oder schlecht heilenden Wunden, frischen Tattoos oder Piercings nicht in warmes Meer- oder Brackwasser gehen, auch nicht waten. Besonders Risikopersonen [3][1].
  • Fisch und Meeresfrüchte nur durchgegart essen. Bei der Zubereitung Verletzungen vermeiden, Risikopersonen tragen Handschuhe [3].
  • Wunden, die sich nach Wasserkontakt entzünden, sofort ärztlich ansehen lassen und den Wasserkontakt angeben.
  • Warnungen der Gesundheitsbehörden beachten. Eine Impfung gibt es nicht.

Meldepflicht

  • Labormeldepflicht für den Nachweis humanpathogener Vibrio spp. nach § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 48 IfSG, seit März 2020. Liegt ausschließlich eine Ohrinfektion vor, nur für V. cholerae [21].
  • Cholera: ärztliche Meldung bei Verdacht, Erkrankung und Tod nach § 6 IfSG [21].

Quellen & Hinweise

  • [1] Robert Koch-Institut. Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Nicht-Cholera-Vibrionen. Stand 01.08.2025. rki.de
  • [2] Brehm TT, Dupke S, Hauk G, et al. Nicht-Cholera-Vibrionen – derzeit noch seltene, aber wachsende Infektionsgefahr in Nord- und Ostsee. Internist. 2021;62(8):876–886. doi:10.1007/s00108-021-01086-x
  • [3] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Overview of Vibriosis (Stand 13.05.2024); Preventing Vibrio Infection (Stand 07.07.2025). cdc.gov/vibrio
  • [4] Robert Koch-Institut. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2024. Berlin 2026, Kap. Vibrionen. doi:10.25646/13601
  • [5] Sunderkötter C, Becker K, Eckmann C, et al. Calculated initial parenteral treatment of bacterial infections: Skin and soft tissue infections. GMS Infect Dis. 2020;8:Doc11. doi:10.3205/id000055 (S2k-Leitlinie der PEG, Update 2018).
  • [6] Stevens DL, Bisno AL, Chambers HF, et al. Practice guidelines for the diagnosis and management of skin and soft tissue infections: 2014 update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2014;59(2):e10–e52. doi:10.1093/cid/ciu444
  • [7] Brehm TT, Berneking L, Sena Martins M, et al. Heatwave-associated Vibrio infections in Germany, 2018 and 2019. Euro Surveill. 2021;26(41):2002041. doi:10.2807/1560-7917.ES.2021.26.41.2002041
  • [8] Elnahla A, Attia AS, Toraih E, et al. Prognostic factors of mortality in Vibrio vulnificus sepsis and soft tissue infections: meta-analysis. Surg Infect. 2021;22(9):928–939. doi:10.1089/sur.2020.243
  • [9] Chao WN, Tsai CF, Chang HR, et al. Impact of timing of surgery on outcome of Vibrio vulnificus-related necrotizing fasciitis. Am J Surg. 2013;206(1):32–39. doi:10.1016/j.amjsurg.2012.08.008
  • [10] Sartelli M, Guirao X, Hardcastle TC, et al. 2018 WSES/SIS-E consensus conference: recommendations for the management of skin and soft-tissue infections. World J Emerg Surg. 2018;13:58. doi:10.1186/s13017-018-0219-9
  • [11] Chen SC, Lee YT, Tsai SJ, et al. Antibiotic therapy for necrotizing fasciitis caused by Vibrio vulnificus: retrospective analysis of an 8 year period. J Antimicrob Chemother. 2012;67(2):488–493. doi:10.1093/jac/dkr476
  • [12] Wong KC, Brown AM, Luscombe GM, Wong SJ, Mendis K. Antibiotic use for Vibrio infections: important insights from surveillance data. BMC Infect Dis. 2015;15:226. doi:10.1186/s12879-015-0959-z
  • [13] Liu JW, Lee IK, Tang HJ, et al. Prognostic factors and antibiotics in Vibrio vulnificus septicemia. Arch Intern Med. 2006;166(19):2117–2123. doi:10.1001/archinte.166.19.2117
  • [14] Kim SE, Shin SU, Oh TH, et al. Outcomes of third-generation cephalosporin plus ciprofloxacin or doxycycline therapy in patients with Vibrio vulnificus septicemia: a propensity score-matched analysis. PLoS Negl Trop Dis. 2019;13(6):e0007478. doi:10.1371/journal.pntd.0007478
  • [15] Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Rote-Hand-Brief zu Fluorchinolon-Antibiotika, 08.04.2019. bfarm.de
  • [16] Embryotox, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie, Charité Berlin. Einträge zu Doxycyclin und Ciprofloxacin. embryotox.de (abgerufen 23.10.2026).
  • [17] European Medicines Agency. Rocephin and associated names (ceftriaxone), Article 30 referral, Annex III (Fachinformation), 2014. ema.europa.eu
  • [18] Dupke S, Walther B, Hammerl JA, Jacob D. Vibrionen in Gewässern Deutschlands. Epid Bull. 2025;27:3–9. doi:10.25646/13264.2
  • [19] European Centre for Disease Prevention and Control. Vibrio Viewer. vibrio-viewer.ecdc.europa.eu (abgerufen 23.10.2026).
  • [20] Barton JC, Acton RT. Hemochromatosis and Vibrio vulnificus wound infections. J Clin Gastroenterol. 2009;43(9):890–893. doi:10.1097/MCG.0b013e31819069c1
  • [21] Infektionsschutzgesetz (IfSG), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de (abgerufen 23.10.2026).

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