Kurzüberblick
Das Kapitel behandelt die aufsteigenden Infektionen des oberen Genitaltrakts (PID mit Endometritis, Salpingitis und Tuboovarialabszess), den Bartholin-Abszess sowie Vaginitis und Zervizitis (Kandidose, bakterielle Vaginose, Trichomoniasis, Gonorrhoe, Chlamydien).
Grundlage für die PID sind die Leitlinien von CDC 2021, IUSTI 2017 und BASHH 2019 [1][2][3]. Eine deutsche Leitlinie zur PID gibt es nicht. Die deutschen Leitlinien zu Gonorrhoe und Chlamydien sind in Überarbeitung. Die neueste deutsche Bewertung der Substanzwahl enthält die S3-Leitlinie Urethritis [4]. Für Vaginitis gelten die S2k-Leitlinien zur bakteriellen Vaginose und zur Vulvovaginalkandidose [5][6].
Die Farben der Therapiekarten stehen für den Behandlungsrahmen: ambulant, stationär und Tuboovarialabszess. Sie finden sich bei der Therapiedauer wieder.
Infektiologische Rücksprache mit dem ABS-Team bzw. dem infektiologischen Konsildienst bei Tuboovarialabszess, Sepsis, Schwangerschaft, schwerer Betalaktamallergie oder fehlendem Ansprechen nach 72 h. Bei Penicillinallergie zuerst das Risiko mit dem PEN-FAST-Rechner einschätzen.
Red Flags
- Sepsis oder septischer Schock, Peritonitis: stationär, i.v., Fokus suchen
- Tuboovarialabszess oder Verdacht auf Ruptur: stationär, Bildgebung, Drainage prüfen [1][7]
- Schwangerschaft: Extrauteringravidität ausschließen (Schwangerschaftstest bei allen). Schwangere mit PID stationär und i.v. behandeln [1]
- Fieber, Sepsis oder starke Schmerzen post partum: an A-Streptokokken denken. In den ersten 28 Tagen nach der Geburt ist das Risiko etwa 80-fach erhöht [8]. Notfall. Kapitel Geburtshilfliche Infektionen
- Keine Besserung nach 72 h: Diagnose, Abszess und Erreger prüfen. Laparoskopie erwägen [1][2]
- Chirurgischer Notfall (z. B. Appendizitis) nicht sicher ausgeschlossen: stationär [1]
Definition
- Pelvic inflammatory disease (PID): aufsteigende Infektion des oberen Genitaltrakts von der Endozervix aus. Sie umfasst jede Kombination aus Endometritis, Salpingitis, Tuboovarialabszess und Pelveoperitonitis [1]. Altersgipfel 15–25 Jahre.
- Endometritis nach Eingriff, Abort oder IUD-Einlage gehört zum Spektrum der PID und wird wie diese behandelt. Bei manchen Frauen ist sie das einzige Zeichen der PID [1].
- Endometritis puerperalis (nach der Geburt, vor allem nach Sectio): eigenes Schema, Kapitel Geburtshilfliche Infektionen.
- Bartholin-Abszess: Verschluss des Ausführungsgangs der Glandula vestibularis major mit Abszess, meist Mischinfektion aus Darm- und Hautflora [9].
Diagnostik
PID
- Mindestkriterium für die empirische Therapie bei Unterbauchschmerz ohne andere Ursache: Portioschiebeschmerz, Uterus- oder Adnexdruckschmerz [1].
- Stützend: Temperatur über 38,3 °C, mukopurulenter Zervixfluor, reichlich Leukozyten im Nativpräparat, erhöhtes CRP. Fehlen Leukozyten im Nativpräparat, ist eine PID unwahrscheinlich [1][2].
- Schwangerschaftstest bei allen [2][3].
- NAAT auf C. trachomatis, N. gonorrhoeae und M. genitalium [2][10]. Ein negativer Zervixbefund schließt eine PID nicht aus.
- Gonokokkenkultur mit Resistenztest, vor allem vor einem Schema ohne Ceftriaxon [1][11].
- HIV- und Syphilistest bei allen mit PID [1].
- Vaginalsonographie bei Verdacht auf Tuboovarialabszess. CT oder MRT bei unklarer Diagnose [2].
- Blutkulturen bei Fieber oder Sepsis.
Vaginitis
- Nativpräparat und pH: Pseudohyphen bei Kandidose, Schlüsselzellen bei bakterieller Vaginose (Amsel-Kriterien: 3 von 4 aus homogenem Fluor, pH über 4,5, Amingeruch, Schlüsselzellen) [6][5].
- Trichomoniasis: Nativmikroskopie wenig empfindlich, bei Verdacht NAAT.
- Bei rezidivierender Kandidose Kultur mit Speziesbestimmung [6].
Therapie PID
Grundsätze
- Jedes PID-Schema muss N. gonorrhoeae, C. trachomatis und Anaerobier erfassen [1].
- Ceftriaxon ist hier bewusst 1. Wahl, trotz der Zurückhaltung bei Cephalosporinen der 3. Generation: Es ist das einzige Betalaktam, das Gonokokken sicher erfasst (Resistenz in Deutschland 0,1 %, Ciprofloxacin 71 %) [11].
- Chlamydienpartner ist Doxycyclin, nicht Azithromycin [1][4]. Metronidazol senkt Anaerobier im Endometrium und Beckenschmerzen [12].
- IUD muss nicht entfernt werden. Ohne Besserung nach 48–72 h Entfernung erwägen [1].
- Partner der letzten 60 Tage bis 6 Monate untersuchen und auf Chlamydien und Gonorrhoe behandeln. Kein Geschlechtsverkehr bis zum Therapieende [1][3].
PID ambulant
- 1. Wahl
- Ceftriaxon – 1 g iv oder im einmalig
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg po für 14 Tage
- plus Metronidazol – 2x 500 mg po für 14 Tage
- Hinweise
- Leichte bis mittelschwere PID ohne Aufnahmekriterium [1][2][3].
- Kontrolle nach 72 h. Ohne Besserung stationär.
PID stationär
- Aufnahme bei Tuboovarialabszess, Schwangerschaft, schwerer Erkrankung, Fieber über 38,5 °C, Erbrechen, nicht möglicher oder erfolgloser oraler Therapie, unklarem chirurgischem Notfall [1]
- 1. Wahl
- Ceftriaxon – 1x 2 g iv
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg po oder iv
- plus Metronidazol – 2x 500 mg po oder iv
- Alternative, wenn eine Gonorrhoe ausgeschlossen ist
- Ampicillin/Sulbactam – 4x 3 g iv
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg po oder iv
- Hinweise
- i.v. bis 24–48 h nach klinischer Besserung, dann oral bis Tag 14: Doxycyclin 2x 100 mg + Metronidazol 2x 500 mg po [1].
- Piperacillin/Tazobactam ist kein Leitlinienschema und erfasst Chlamydien nicht [13].
Tuboovarialabszess
- 1. Wahl
- Ceftriaxon – 1x 2 g iv
- plus Metronidazol – 2x 500 mg iv
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg po oder iv
- Alternative
- Ampicillin/Sulbactam – 4x 3 g iv
- plus Doxycyclin – 2x 100 mg po oder iv
- Hinweise
- Mindestens 24 h stationär überwachen [1].
- Drainage, bevorzugt bildgesteuert, bei Abszess über 3 cm [7][14], bei fehlender Besserung nach 48–72 h, Sepsis oder Verdacht auf Ruptur. Punktat zur Kultur. Operation bei generalisierter Peritonitis oder septischem Schock.
- Größere Abszesse, höheres Alter und hohes CRP sagen ein Versagen der alleinigen Antibiotikatherapie voraus [15][16].
- Oral weiter mit Doxycyclin plus Metronidazol 2x 500 mg (oder Clindamycin 4x 450 mg) [1].
PID bei Betalaktamallergie

Zuerst die Allergie klären
Mit dem PEN-FAST-Rechner das Risiko einschätzen. Bei Penicillinallergie ohne schwere Sofortreaktion bleibt das Ceftriaxon-Schema: Die Kreuzreaktivität mit Ceftriaxon ist vernachlässigbar [1][17]. Ein Exanthem wird oft als Allergie geführt und nie hinterfragt.
- schwere Sofortreaktion oder Cephalosporinallergie
- Clindamycin – 3x 900 mg iv
- plus Gentamicin – 1x 5 mg/kg iv. Spiegel und Nierenfunktion kontrollieren
- oral weiter mit Clindamycin 4x 450 mg oder Doxycyclin plus Metronidazol bis Tag 14 [1][2]
- Reserve, nur bei ausgeschlossener Gonorrhoe und gesicherter Nachsorge
- Levofloxacin – 1x 500 mg po oder iv für 14 Tage
- plus Metronidazol – 2x 500 mg po für 14 Tage

Fluorchinolone erfassen Gonokokken in Deutschland nicht (Ciprofloxacin-Resistenz 71 % [11]). Levofloxacin ist wegen des Nebenwirkungsprofils (Rote-Hand-Brief 2019) nur Reserve. Höchstdosis 2x 500 mg. Anpassung ab CrCl ≤ 50 ml/min (Dosierung bei Niereninsuffizienz). In der Stillzeit laut Fachinformation kontraindiziert [18].
Mycoplasma genitalium nachgewiesen
- gezielt
- Moxifloxacin – 1x 400 mg po für 14 Tage
- nicht in der Schwangerschaft. Dann Rücksprache
- Moxifloxacin – 1x 400 mg po für 14 Tage
- Hinweise
- M. genitalium verursacht 9–13 % der PID. Die Standardschemata erfassen den Erreger nicht [10][1].
- Makrolidresistenz in Deutschland 42–69 %, Moxifloxacinresistenz 12–25 %: möglichst mit Resistenztest [19].
- Gezielte Fluorchinolon-Indikation [20][3].

Endometritis puerperalis
Die Endometritis nach der Geburt wird anders behandelt als die PID (Clindamycin plus Gentamicin) [21][22]. Sie steht im Kapitel Geburtshilfliche Infektionen.
Bartholin-Abszess
Bartholin-Abszess
- Fokussanierung zuerst
- Word-Katheter oder Marsupialisation. Beide gleichwertig (Rezidiv nach 1 Jahr 12 vs. 10 %) [23][24].
- Alleinige Inzision oder Nadelaspiration: mehr Rezidive [25].
- Ab 40 Jahren Histologie (Malignom ausschließen) [25].
- Antibiotika nur bei Begleitphlegmone, systemischen Zeichen, Immunsuppression oder STI-Nachweis [25]
- stationär
- Ampicillin/Sulbactam – 3x 3 g iv
- oral
- Amoxicillin/Clavulansäure – 3x 875/125 mg po
- bei Penicillinallergie ohne schwere Sofortreaktion (PEN-FAST-Rechner)
- Cefuroxim – 3x 1,5 g iv
- plus Metronidazol – 3x 500 mg iv
- bei schwerer Sofortreaktion: Rücksprache
- Hinweise
- Häufigster Erreger ist E. coli, dazu Streptokokken, S. aureus und Anaerobier [9]. Ampicillin allein erfasst S. aureus und viele E. coli nicht (β-Laktamase).
- Eiter zur Kultur. NAAT auf Gonokokken und Chlamydien je nach Risiko.
- Eine Therapiedauer ist nicht durch Studien belegt: nach Klinik, absetzen nach Rückbildung der Phlegmone.
Vaginitis und Zervizitis
Vulvovaginalkandidose
- Therapie nur bei Beschwerden und Nachweis (Pseudohyphen) [6]
- 1. Wahl
- Clotrimazol – 200 mg vaginal 1x tgl. für 3 Tage oder 500 mg einmalig
- bei Vulvabefall zusätzlich Clotrimazol-Creme 2x tgl. für 7 Tage
- Alternative bei starken Beschwerden, nicht in der Schwangerschaft
- Fluconazol – 150 mg po einmalig
- rezidivierend (mindestens 4 Episoden pro Jahr)
- Kultur mit Spezies. Fluconazol 200 mg po: Woche 1 3x, dann 1x pro Woche für 2 Monate, alle 2 Wochen für 4 Monate, 1x pro Monat für 6 Monate [6]
- C. glabrata, C. krusei: Nystatin oder Ciclopiroxolamin lokal
- Hinweise
- Schwangerschaft: lokal Clotrimazol. In den letzten 6 Wochen auch eine Besiedlung behandeln [6].
- Partner nur bei Beschwerden behandeln.
Bakterielle Vaginose
- 1. Wahl
- Metronidazol – 2x 500 mg po für 7 Tage
- oder Clindamycin-Creme 2 % – 1x tgl. vaginal für 7 Tage
- Alternative
- Clindamycin – 2–3x 300 mg po für 7 Tage
- oder Dequaliniumchlorid – 10 mg vaginal 1x tgl. für 6 Tage
- Hinweise
- Schwangerschaft: symptomatische BV behandeln, primär mit vaginalem Clindamycin [5].
- Rezidivierend: Metronidazol vaginal 2x pro Woche für 16 Wochen [5].
- Bei festem männlichem Partner kann eine Mitbehandlung erwogen werden (Metronidazol 2x 400 mg po plus Clindamycin-Creme 2 % auf die Penishaut 2x tgl., je 7 Tage): Rezidive nach 12 Wochen 35 vs. 63 % [26]. In den deutschen Leitlinien noch nicht berücksichtigt.
Trichomoniasis
- 1. Wahl
- Metronidazol – 2x 500 mg po für 7 Tage
- auch in der Schwangerschaft
- Metronidazol – 2x 500 mg po für 7 Tage
- Hinweise
- 7 Tage sind der Einmalgabe von 2 g überlegen (Erregernachweis 11 vs. 19 %) [27].
- Alle Partner gleichzeitig behandeln. Kontrolle nach etwa 3 Monaten [1].
Zervizitis: Gonorrhoe
- 1. Wahl
- Ceftriaxon – 1 g iv oder im einmalig
- Chlamydien nicht ausgeschlossen: plus Doxycyclin – 2x 100 mg po für 7 Tage [4]
- Hinweise
- Vor der Therapie Kultur mit Resistenztest. Therapiekontrolle [11].
- Ciprofloxacin nur bei nachgewiesener Empfindlichkeit (Resistenz 71 %). 2025 erstmals Übertragung ceftriaxonresistenter Gonokokken in Deutschland [11][28].
- Partner informieren und behandeln.
Zervizitis: Chlamydien
- 1. Wahl
- Doxycyclin – 2x 100 mg po für 7 Tage
- Schwangerschaft oder Kontraindikation
- Azithromycin – 1 g po einmalig
- Hinweise
- Doxycyclin ist Mittel der Wahl [4][1].
- In der Schwangerschaft Kontrolle nach 4 Wochen. Partner der letzten 6 Monate behandeln.
Meldepflicht: Jeder Nachweis von N. gonorrhoeae und von C. trachomatis der Serotypen L1–L3 ist nichtnamentlich meldepflichtig. Melden muss das Labor, die einsendende Ärztin bzw. der einsendende Arzt unterstützt [29].
Therapiedauer
| Situation | Dauer |
|---|---|
| PID ambulant | 14 Tage |
| PID stationär | gesamt 14 Tage. I.v. bis 24–48 h nach klinischer Besserung, dann oral |
| Tuboovarialabszess | mindestens 14 Tage, nach Klinik, CRP und Bildgebung |
| M. genitalium | Moxifloxacin 14 Tage |
| Bartholin-Abszess | nach Klinik. Keine Dauer durch Studien belegt |
| Gonorrhoe | Ceftriaxon einmalig. Doxycyclin 7 Tage |
| Chlamydien, bakterielle Vaginose, Trichomoniasis | 7 Tage |
Nach CDC 2021, IUSTI 2017 und BASHH 2019 [1][2][3].
Kontrolle nach 72 h bei allen mit PID [1][2]. Nach PID durch Chlamydien oder Gonokokken nach 3 Monaten erneut testen [1].
Schwangerschaft und Stillzeit
| Wirkstoff | Schwangerschaft | Stillzeit |
|---|---|---|
| Ceftriaxon | in allen Phasen möglich | möglich |
| Azithromycin | in allen Phasen möglich | möglich |
| Metronidazol | bei kritisch geprüfter Indikation möglich | möglich. Mehrtägige oder i.v.-Gabe kritisch stellen |
| Clindamycin | 2. Wahl | möglich |
| Gentamicin | parenteral nur bei vital bedrohlicher Infektion | möglich. Bei Neugeborenen kritisch prüfen |
| Doxycyclin | 1. Trimenon 2. Wahl. Ab spätestens 16. SSW kontraindiziert | nur, wenn Alternativen ungeeignet |
| Levofloxacin, Moxifloxacin | Reserve | meiden (Levofloxacin laut Fachinformation kontraindiziert) |

Doxycyclin ist ab spätestens der 16. Schwangerschaftswoche kontraindiziert. Schwangere mit PID stationär und i.v. behandeln, mit Geburtshilfe und Infektiologie: Ceftriaxon plus Metronidazol plus Azithromycin statt Doxycyclin [1][30].
Erreger
| Krankheitsbild | Erreger |
|---|---|
| PID | C. trachomatis, N. gonorrhoeae (zusammen nur in etwa 50 % nachweisbar), M. genitalium. Anaerobier der bakteriellen Vaginose (Prevotella, Fannyhessea vaginae, früher Atopobium, Leptotrichia), Gardnerella. Seltener Enterobacterales und Streptokokken [1][3][31] |
| Bartholin-Abszess | E. coli am häufigsten, Streptokokken, S. aureus, Anaerobier (Bacteroides, Prevotella). Selten Gonokokken [9] |
Resistenz der Gonokokken in Deutschland (2024)
- Ceftriaxon 0,1 %, Cefixim 0,3 %, Azithromycin 16,7 %, Ciprofloxacin 71 %, Tetracyclin über 90 % [11]
Quellen & Hinweise
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