Harnwegsinfektionen

Autor:innen Masen SueifanFachliche Prüfung ausstehendZuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Harnwegsinfektionen zählen zu den häufigsten Diagnosen im ambulanten und klinischen Setting. Trotz ihrer hohen Prävalenz ist das klinische Spektrum heterogen und reicht von unkomplizierten Verläufen bis hin zu komplexen Infektionen. Dabei erfolgt die Diagnosestellung überwiegend klinisch. Eine rationale Therapie erfordert daher eine sorgfältige klinische Einordnung und die Berücksichtigung von patientenspezifischen Risikofaktoren.

Siehe auch Sepsis und septischer Schock.

Definition

Eine akute Zystitis ist eine klinisch symptomatische, bakterielle Infektion des unteren Harntrakts, die sich typischerweise durch Dysurie, Pollakisurie und suprapubische Beschwerden äußert. Die Diagnosestellung erfolgt primär anhand der klinischen Symptomatik und erfordert die Abgrenzung sowohl gegenüber der asymptomatischen Bakteriurie als auch gegenüber einer oberen Harnwegsinfektion (Pyelonephritis).

Die Zuordnung zu einer dieser Gruppen ist entscheidend für die Indikationsstellung, die Wahl der Therapie und die Vermeidung unnötiger Antibiotikagaben.

  • Nicht-schwangere Frauen in der Prämenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
  • Schwangere ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
  • Frauen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
  • Jüngere Männer ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
  • Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen
  • Geriatrische Patienten mit mehr als zwei behandlungsbedürftigen Systemerkrankungen 

Therapie

(nicht-)schwangere Frauen in der Prä-/und Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen

  • 1. Wahl
    • Pivmecillinam 400 mg p.o. 3× täglich für 3 Tage (Eradikationsrate > 90 %)
  • Alternative:
    • Fosfomycin-Trometamol 3 g p.o. einmalig (Einnahme bevorzugt abends) (Eradikationsrate ca. 80–90 %)
  • Hinweise:
    • Bei Beschwerdefreiheit keine Therapiekontrolle erforderlich
    • Bei Therapieversagen (keine Symptomfreiheit innerhalb von 14 Tagen): Adhärenz, resistente Erreger, bisher nicht erkannte Risikofaktoren prüfen
    • Vor erneutem Therapieversuch: klinische Reevaluation, Urinstatus inkl. Kultur, ggf. Antibiotikawechsel

Pyelonephritis, leichte bis moderate Verlaufsform

  • 1. Wahl:
    • Ciprofloxacin 500 – 750 mg p.o. 3x tgl. für 7 bis 10 Tage
  • Alternativen:
    • Levofloxacin 500 – 750 mg p.o. 1x tgl. für 5 Tage
    • Cefpodoxim-Proxetil 200 mg 2 x tgl. p.o. für 10 Tage

Pyelonephritis, schwere Verlaufsform

  • 1. Wahl:
    • Ciprofloxacin 400 mg iv 2 x tgl. für 10 bis 14 Tage
  • Alternativen:
    • Levofloxacin 750 mg iv 1 x tgl. für 10 bis 14 Tage
    • Ceftriaxon 2 g iv 1 x tgl. für 10 bis 14 Tage
    • Piperacillin/Tazobactam 4,5 g 3. tgl. für 10 bis 14 Tage
  • Hinweis:
    • Nach klinischer Besserung kann eine orale Sequenztherapie eingeleitet werden, siehe leichte bis moderate Form
    • Bei Pseudomonas aeruginoasa Infektionen gilt es die höhere MHK zu beachten, wenn Piperacilliin/Tazobactam, dann in höherer Dosierung. Pip/Taz oder Carbapenem: Kapitel Piperacillin/Tazobactam oder Carbapenem?.
    • einige klinische Studien zeigen bei P. aeruginoas Infektionen eine Überlegenheit von Piperacillin/Tazobactam gegenüber Meropenem
    • Ciprofloxacin hat höhere Wirksamkeit gegenüber P. aeruginosa als Levofloxacin

Pyelonephritis bei Schwangeren

  • 1. Wahl:
    • Ceftriaxon 2 g i.v. 1 x tgl.
    • Organisierung mit Cefpodoxim-Proxetil 200 mg 2 x tgl.
    • Gesamttherapiedauer 10 – 14 Tage
  • Hinweis:
    • eine stationäre Behandlung sollte grundsätzlich erwogen werden
    • nach Behandlungsende sollte eine Urinkultur durchgeführt werden

Jüngere Männer ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen

  • 1. Wahl:
    • Pivmecillinam 400 mg p.o. 3× täglich für 3 Tage
  • Alternative:
    • Nitrofurantoin 100 mg p.o. 3 x tgl für 5 Tage

Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen

  • Patienten ohne Neigung zu Hypo- oder Hyperglykämie, keine diabetische Nephropathie und/oder Neuropathie, sollten behandelt werden wie Patienten ohne Diabetes mellitus
  • Bei ausgeprägter Insulinresistenz und drohenden Organkomplikationen sowie bei Neigung zu Stoffwechseldekompensation soll eine stationäre Behandlung des Patienten erwogen werden. 
  • 1. Wahl:
    • Ceftriaxon 2g i.v. 1 x tgl. für 5 bis 7 Tage
  • Alternativ:
    • Piperacillin/Tazobactam 4,5 g i.v. 3 x tgl. für 5 bis 7 Tage
    • Ciprofloxacin 400 mg i.v. 2 x tgl. für 5 bis 7 Tage
    • Ciprofloxacin 500 mg p.o. 2 x tgl. für 5 bis 7 Tage

Geriatrische Patienten mit mehr als zwei behandlungsbedürftigen Systemerkrankungen

  • Eine akute unkomplizierte Zystitis kann bei geriatrischen Patienten in gleicher Weise behandelt werden, wie Harnwegsinfektionen bei anderen Patientengruppen, wenn keine weiteren komplizierenden Aspekte hinzukommen. 
  • Bei geriatrischen Patienten soll eine asymptomatische Bakteriurie nicht behandelt werden. 

Dauerkatheterinfektionen

  • Bei Patienten mit einem Harnwegskatheter und Indikation zur Antibiotikatherapie, sollte vor Therapiebeginn eine Urinkultur aus einem frisch gewechselten Harnwegskatheter abgenommen werden. 
  • Therapie nach Möglichkeit nach Ergebnis Urinkultur
  • falls kalkulierte Therapie notwendig je nach Indikationsstellung kompliziert (Urosepsis) vs. unkompliziert
  • unkompliziert:
    • Pivmecillinam 400 mg p.o. 3× täglich
  • kompliziert:
    • Piperacillin/Tazobactam 4,5 g i.v. 3 x tgl., alternativ
    • Ceftriaxon 2 g i.v. 1 x tgl.

Einteilung der Harnwegsinfektionen

Unkomplizierte Harnwegsinfektion

Eine Harnwegsinfektion wird als unkompliziert eingestuft, wenn

  • im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien vorliegen
  • keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen/Differenzialdiagnosen vorliegen

Zystits

Eine Zystitis (untere Harnwegsinfektion) wird angenommen, wenn sich die akuten Symptome nur auf den unteren Harntrakt beziehen.

  • neu aufgetretene Schmerzen beim Wasserlassen (Algurie)
  • imperativer Harndrang
  • Pollakisurie
  • Schmerzen oberhalb der Symphyse

Pyelonephritis

Eine Pyelonephritis (obere Harnwegsinfektion) sollte angenommen werden, wenn sich bei den akuten Symptomen, ein klopfschmerzhaftes Nierenlager und/oder Fieber (> 38 °C) finden.

asymptomatische Bakteriurie

Asymptomatische Bakteriurie bezeichnet den Nachweis von ≥ 10⁵ KBE/ml im Urin ohne klinische Symptome. Eine antibiotische Therapie ist in der Regel nicht erforderlich, mit Ausnahme von Schwangerschaft und geplanten urologischen Eingriffen mit Schleimhautverletzung.

Die Abgrenzung zwischen asymptomatischer Bakteriurie und klinisch relevanter Harnwegsinfektion kann insbesondere bei unspezifischer Symptomatik schwierig sein. Ein positiver Urinbefund allein erlaubt keine Diagnosestellung und sollte stets im klinischen Kontext interpretiert werden.

Schwangerschaft

symptomatische Harnwegsinfektion

Symptomatische Harnwegsinfektionen (Zystitis) in der Schwangerschaft sind mit einem erhöhten Risiko für Pyelonephritis und Frühgeburt assoziiert und sollten antibiotisch behandelt werden. [1]

asymptomatische Bakteriurie

Eine asymptomatische Bakteriurie in der Schwangerschaft erhöht das Risiko für die Entstehung einer Harnwegsinfektion. In einer Kohorte von Niedrigrisiko-Schwangerschaften entwickelten Frauen mit unbehandelter asymptomatischer Bakteriurie häufiger eine Pyelonephritis als Frauen ohne Bakteriurie (2,4 % vs. 0,6 %). Ein Zusammenhang mit Frühgeburt fand sich nicht. [2]

Screening

Bei Schwangeren mit auffälligen Symptomen, rezidivierenden Harnwegsinfektionen in der Anamnese, Z. n. Frühgeburt und/oder einem erhöhtem Risiko für Infektionen der ableitenden Harnwege ist eine bakteriologische Urinuntersuchungen erforderlich. Ein generelles Screening wird dabei aber nicht empfohlen. [3]

Diagnostik

  • Grundsätzlich sollte die Diagnose klinisch gestellt werden. Typische Symptome einer akuten Zystitis sind:
    • Schmerzen beim Wasserlassen
    • Pollakisurie
    • imperativer Harndrang
    • kein Fieber und kein Flankenschmerz
    • bei Frauen: keine vaginalen Beschwerden (Juckreiz, veränderter Ausfluss)
  • Bei nicht schwangeren Frauen in der Prämenopause und postmendopausalen Frauen mit einer unkomplizierten, nicht rezidivierenden und nicht therapierefraktären Zystitis soll bei eindeutiger klinischer Symptomatik keine mikrobiologische Untersuchung durchgeführt werden. 
  • bei schwangeren sollte eine Urinkultur nach Ende der Antibiotikatherapie durchgeführt werden.
  • Bei symptomatischen nicht schwangeren Frauen spricht der Nachweis von E. coli im Mittelstrahlurin unabhängig von der Erregerzahl für eine bakterielle Harnwegsinfektion. Im Gegensatz dazu ist der Nachweis von Enterokokken und Gruppe B-Streptokokken im Mittelstrahlurin nicht prädiktiv. 
  • Zusätzlich bei akuter unkomplizierter Pyelonephritis Blutuntersuchung (Blutbild, Kreatinin/eGFR, CRP) und eine Urinuntersuchung einschließlich Kultur
  • Zusätzlich bei akuter unkomplizierter Pyelonephritis soll zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und Harnwege erfolgen
  • geriatrischen Patienten soll die Diagnose einer Harnwegsinfektion nicht alleine auf der Basis eines positiven Teststreifens gestellt werden. 

Entscheidungshilfe (geriatrische Patient*innen)

Hinweis: Bitte alle Felder auswählen.

Hinwies zu Nitrit
Der Test auf Nitrit im U-Status ist an das Vorhandensein bestimmter Erreger gebunden. Gram-negative Bakterien wie Escherichia coli, Klebsiellen, etc. reduzieren Nitrat zu Nitrit mit Hilfe des Enzyms Nitrat-Reduktase. Ein positives Ergebnis setzt dabei eine bestimmte Bakterienkonzentration voraus. Diese ist erst nach einer entsprechenden Verweilzeit in der Blase (>4 Stunden) gegeben. Eine Urinuntersuchung bei kürzerer Blasenverweilzeit (z. B. durch Pollakisurie) erhöht damit das Risiko eines falsch negativen Befundes.
Pseudomonaden und Gram positive Erreger (Enterokokken und Staphylokokken) bilden keine nachweisbare Nitrat-Reduktase, werden also durch diesen Test auch nicht erfasst. Der Nitrit-Test ist bei frisch untersuchtem Urin insgesamt sehr spezifisch, aber wenig sensitiv [1]

Interpretation der Keimzahl

Mittelstrahlurin

  • ≥ 105 KBE/ml → HWI wahrscheinlich
  • ≥ 104 KBE/ml → HWI wahrscheinlich bei Männern
  • ≥ 103 – 104 KBE/ml → HWI möglich, v. a. bei Leukozyturie
  • ≤ 103 KBE/ml → meist kein HWI
    • v.a. bei fehlender Leukozyturie und neg. Hemmstofftest aber:
      • bei Niereninsuffizienz Stad. III und IV HWI möglich
      • bei Frauen HWI möglich, wenn in zwei aufeinander folgenden Proben Leukozyturie und Dysurie

Katheterurin

≥103 KBE/ml → HWI möglich

Blasenpunktionsurin

  • Jeder Keimnachweis (auch geringe Keimzahl) → klinisch relevant / HWI wahrscheinlich
  • Kontamination ist hier selten
  • Interpretation immer zusammen mit Klinik/Entzündungszeichen

Erregerspektrum

  • in ca. 80% gram-negative Erreger, wie: E. coli, Klebsiella spp., Enterobacteriaceae (Bsp. Citrobacter freundii)
  • in ca. 20% gram-positive Erreger, wie: Staphylokokken, Enterokokken, B-Streptokokken

Red Flags

  • bei Verdacht auf eine Urosepsis vorgehen nach Spezis-Bundle
  • bei Therapieversagen Durchführung einer Urinkultur sowie Ultraschall der Nieren und Harnblase
  • bei rezidivierenden Harnwegsinfekten und/oder Therapieversagen müssen weitere mögliche Ursachen in Erwägung gezogen werden.

Quellen & Hinweise

  • [1] S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI), Aktualisierung 2024
  • [2] Prävention und Therapie der Frühgeburt. Leitlinie der DGGG, OEGGG und SGGG (S2k-Niveau, AWMF-Registernummer 015/025, September 2022)
  • [3] Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Geburt (Mutterschafts-Richtlinie/Mu-RL). Fassung vom 21.09.2023 (BAnz AT 14.12.2023 B6), zuletzt geändert am 16.07.2026, in Kraft getreten am 25.08.2026. 

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