Chagas-Krankheit

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Die Chagas-Krankheit wird durch Trypanosoma cruzi verursacht und ist in 21 Ländern Lateinamerikas endemisch. Weltweit sind etwa 8 Millionen Menschen infiziert [1].

In Deutschland ist sie vor allem ein Thema der Migrationsmedizin. Der typische Patient ist eine Frau aus Bolivien im gebärfähigen Alter mit chronischer Infektion ohne Beschwerden. Akute Fälle bei Reiserückkehrern sind in der deutschen Kohorte nicht beschrieben [2].

Bis zu 99 % der Fälle in Deutschland bleiben vermutlich unentdeckt (Schätzung) [2]. Ein Screening gibt es in Deutschland weder für Schwangere noch im Labor für Blutspender [3].

Bis zu ein Drittel der chronisch Infizierten entwickelt nach 10–30 Jahren eine Kardiomyopathie, bis zu jeder Zehnte Veränderungen am Verdauungstrakt [1].

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern.

Steckbrief

MerkmalChagas-Krankheit
ErregerTrypanosoma cruzi (Protozoon) [1]
Verbreitung21 Länder des amerikanischen Festlands von Mexiko bis Argentinien und Chile, heute überwiegend urban. In Europa nur importiert, eine Übertragung durch Wanzen ist dort nicht beschrieben [1][3]
ÜbertragungKot oder Urin von Raubwanzen (Triatominae) gelangt in die Stichwunde oder auf Schleimhaut, nicht der Stich selbst. Außerdem oral über verunreinigte Lebensmittel, kongenital, über Bluttransfusion, Transplantation und Laborunfall [1]
VerlaufAkutphase etwa 2 Monate, meist ohne oder mit milden Beschwerden. Organschäden 10–30 Jahre nach der Infektion [1]
Häufigkeit in Deutschland81 chronische Fälle in fünf Laboren 2000–2018, Herkunft meist Bolivien. Seroprävalenz bei Migranten aus Bolivien in Europa etwa 18 % [2][3]
Isolierungkeine, Standardhygiene. Keine Übertragung von Mensch zu Mensch ohne Blutkontakt (Expertenempfehlung)
Meldepflichtkeine nach §§ 6 und 7 IfSG [4]

Red Flags

Bei Menschen aus Lateinamerika an eine Chagas-Kardiomyopathie denken bei:

  • Synkope, Palpitationen, ventrikulären Tachykardien oder höhergradigem AV-Block. Der plötzliche Herztod ist mit 55–60 % die häufigste Todesursache [5].
  • Schlaganfall oder Embolie mit apikalem Aneurysma oder Ventrikelthrombus. Schlaganfall ist bei 10–15 % die Todesursache [5].
  • Herzinsuffizienz unklarer Ursache [5].
  • Immunsuppression, HIV oder Transplantation bei Herkunft aus Endemiegebieten: Gefahr der Reaktivierung, Nachweis mit quantitativer PCR [6].
  • Neugeborenes einer seropositiven Mutter, meist ohne Beschwerden [7].

Synkope, ventrikuläre Tachykardie oder höhergradiger AV-Block bei bekannter Chagas-Krankheit gehören an den Monitor mit kardiologischer Abklärung (Expertenempfehlung, gestützt auf [5]).

Klinik

FormMerkmale
akute Phaseetwa 2 Monate. Meist keine oder milde, unspezifische Beschwerden: Fieber, Kopfschmerz, Lymphknotenschwellung, Blässe, Muskelschmerz, Atembeschwerden, Schwellungen, Bauch- oder Brustschmerz [1]
chronisch indeterminiertseropositiv, ohne Beschwerden, EKG und Bildgebung normal. Häufigste Form [5][2]
Kardiomyopathieetwa 30 % der chronisch Infizierten. EKG: Rechtsschenkelblock, ventrikuläre Extrasystolen, nicht anhaltende ventrikuläre Tachykardien, AV-Blöcke, Sinusbradykardie, Vorhofflimmern. Echokardiographie: Wandbewegungsstörungen vor allem inferior, inferolateral und apikal, apikales Aneurysma, Thromben [5]
Verdauungstraktbis zu jeder Zehnte, Megaösophagus und Megakolon [1][5]
Reaktivierungbei HIV, Transplantation und immunsuppressiver Therapie möglich [6]

Diagnostik

PhaseMethodeHinweis
akut, kongenital, ReaktivierungErregernachweis im Blut: Ausstrich, Anreicherung, PCRPCR ist hier die Methode der Wahl [8][6]
chronischzwei Serologien mit unterschiedlichen Antigenen oder Formatenkein einzelner Test ist ausreichend empfindlich und spezifisch. Bei widersprüchlichem Ergebnis ein dritter Test. Die PCR eignet sich nicht zur Routinediagnose der chronischen Infektion [8][6]
Neugeborenes einer seropositiven MutterMikroskopie und PCR bei Geburt und mit 1 Monat, Serologie mit 8–10 Monatenbis dahin sind mütterliche Antikörper verschwunden. Forsyth nennt 9–12 Monate [7][6]
nach gesicherter DiagnoseEKG und Echokardiographie für alle, auch ohne Beschwerdenergänzend Langzeit-EKG, bei Schluckstörung Kontrastmitteldarstellung des Ösophagus [6][5]

Die Empfindlichkeit der Tests ist bei Proben aus Südamerika am höchsten und bei Proben aus Mexiko, Panama und dem südlichen Peru am niedrigsten [6]. Bei hohem Verdacht schließt ein einzelnes negatives Ergebnis die Infektion dann nicht aus (Expertenempfehlung).

In Deutschland boten 2000–2018 nur wenige Labore durchgehend zwei unabhängige Serologien an [2]. Die Diagnostik über ein tropenmedizinisches Labor anfragen.

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

Anamnese

  • Geburtsland, Aufenthalt über 6 Monate in Mexiko, Mittel- oder Südamerika [6].
  • Herkunft der Mutter, bekannte Chagas-Krankheit bei Verwandten ersten Grades [6].
  • frühere Bluttransfusion oder Transplantation im Endemiegebiet [1].
  • Bei Reisenden: Übernachtung in einfachen ländlichen Unterkünften und Wanzenstiche (Expertenempfehlung). Tierkontakte und Süßwasser spielen keine Rolle. Bei Fieber nach Tropenaufenthalt immer zuerst Malaria ausschließen.
SituationVorgehen
Verdacht auf akute InfektionMalaria ausschließen, Ausstrich mit Frage nach Trypanosomen, EDTA-Blut für die PCR, EKG und Echokardiographie. Sofort ein tropenmedizinisches Zentrum einbeziehen, weil die Medikamente beschafft werden müssen (Expertenempfehlung, gestützt auf [8][2])
chronischer Verdacht oder Zufallsbefund (Kardiomyopathie, Rechtsschenkelblock, Megaösophagus)zwei Serologien. Bei Bestätigung EKG, Echokardiographie, Langzeit-EKG und Kardiologie [6][5]
gesicherte DiagnoseIndikation zur Therapie nach Alter und Stadium prüfen, Familie testen (Kinder, Geschwister, Mutter) [7][6]
Frauen im gebärfähigen AlterSchwangerschaft ausschließen. Therapie vor einer Schwangerschaft anbieten [1][7]

ABS-Empfehlung: Wen auf Chagas testen

In Deutschland gibt es keine Screening-Regel. Die Fibel empfiehlt eine einmalige Testung mit zwei Serologien bei Menschen, die in Mexiko, Mittel- oder Südamerika geboren sind oder dort lange gelebt haben, vor allem bei Frauen im gebärfähigen Alter und Schwangeren, vor Immunsuppression oder Transplantation sowie bei Kindern seropositiver Mütter und Verwandten ersten Grades [6][7]. Deutsche Autoren fordern ein Screening von Schwangeren lateinamerikanischer Herkunft [2][9].

Therapie

Indikation

SituationBehandlung
akute Infektion, Reaktivierung, kongenitale Infektionimmer [10]
chronisch, Kinder bis 18 Jahreempfohlen. Heilung im ersten Lebensjahr über 90 % [10][7]
chronisch, Erwachsene bis 50 Jahre ohne fortgeschrittene Kardiomyopathiestark empfohlen [10][11]
chronisch, über 50 JahreEinzelentscheidung, Nutzen unsicher [10][11]
Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alterangezeigt, um eine kongenitale Übertragung zu verhindern [1]
etablierte Kardiomyopathiekein klinischer Nutzen. In BENEFIT senkte Benznidazol den kombinierten Endpunkt nicht (HR 0,93), obwohl die PCR häufiger negativ wurde [12]

Antiparasitäre Therapie

  • 1. Wahl
    • Benznidazol – 5 mg/kg KG pro Tag in 2 Dosen po, höchstens 300 mg pro Tag – 60 Tage [10][11][13]
      • über 60 kg wird die Tagesdosis gedeckelt. Eine Verlängerung bis höchstens 80 Tage zur gewichtsbezogenen Gesamtdosis nur nach Rücksprache mit dem Tropenzentrum [11]
      • Kinder 5–8 mg/kg KG pro Tag in 2 Dosen [10]
  • Alternative
    • Nifurtimox – 8–10 mg/kg KG pro Tag in 3–4 Dosen po – 60 Tage [10][11]
      • Kinder unter 41 kg 10–20 mg/kg KG pro Tag in 3 Dosen [10]
      • nicht bei neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen [1]
  • Hinweise
    • Benznidazol und Nifurtimox waren 2020 in Deutschland weder zugelassen noch im Handel und nur über Spenden der WHO erhältlich [2]. Den Bezug über ein tropenmedizinisches Zentrum und die Krankenhausapotheke klären.
    • Kürzere Schemata (BENDITA, 2–4 Wochen) zeigten in einer Phase-2-Studie eine ähnliche Wirkung auf die PCR. Sie sind ein Studienregime und noch kein Standard [14][11].
    • Antibakterielle Substanzen spielen keine Rolle.

Nebenwirkungen und Kontrollen

  • Nebenwirkungen unter Benznidazol bei etwa 30–50 % der Erwachsenen. Woche 1 Übelkeit, Kopfschmerz, leichtes Exanthem. Woche 2–4 Gipfel der Dermatitis mit Juckreiz, Urtikaria, Angioödem. Nach Woche 4 periphere Neuropathie [11].
  • Nifurtimox: Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Polyneuropathie, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit [10][11]. Kinder vertragen beide Mittel besser [15][13].
  • Etwa 30 % der Erwachsenen brechen die Therapie ab [11].
  • Kontrollen: vor Beginn Blutbild, Leber- und Nierenwerte, Haut- und Nervenstatus, Schwangerschaftstest. Danach alle 2 Wochen Haut, Blutbild und neurologische Untersuchung bis Therapieende (nach dem Protokoll bei [11]).
  • Leichte Nebenwirkungen: weiter behandeln. Mittelschwere: pausieren. Schwere und jede Neuropathie: dauerhaft absetzen [11].

Keine antiparasitäre Therapie in der Schwangerschaft. Während der Therapie ist eine sichere Verhütung nötig [7][11].

Kardiomyopathie

Die Herzinsuffizienz wird leitliniengerecht behandelt. Amiodaron gilt als Antiarrhythmikum der Wahl, ein ICD kommt zur Sekundärprävention oder bei LVEF unter 35 % in Frage. Bei Aneurysma oder Thrombus wird antikoaguliert [5].

Schwangerschaft und Neugeborene

  • Übertragung auf das Kind bei etwa 4–5 % der chronisch infizierten Mütter [7][3]. Welche Mutter überträgt, lässt sich nicht vorhersagen [7].
  • Die meisten infizierten Neugeborenen haben keine Beschwerden [7].
  • Therapie der Mutter nach Geburt und Stillzeit [7]. Eine Therapie vor der Schwangerschaft verhindert die Übertragung weitgehend (OR 0,05 in einer Metaanalyse von Beobachtungsstudien) [16].
  • Neugeborenes: Mikroskopie und PCR bei Geburt und mit 1 Monat, Serologie mit 8–10 Monaten. Bei Nachweis Benznidazol 5–7 mg/kg KG pro Tag oder Nifurtimox 10–15 mg/kg KG pro Tag über 60 Tage [7].
  • Geschwister und weitere Kinder der Mutter serologisch testen [7].
  • In der deutschen Kohorte war Schwangerschaft nie Anlass zur Testung, obwohl 44 % der Patientinnen im gebärfähigen Alter waren [2].

Therapiedauer und Verlauf

TherapieDauer
Benznidazol60 Tage [10][11]
Nifurtimox60 Tage [11]
  • Bei chronischer Infektion gibt es keinen sicheren Heilungstest. Eine über mindestens 12, besser 24–36 Monate negative PCR spricht für ein Ansprechen, eine positive PCR zeigt ein Versagen [11][13].
  • Die Serologie wird bei Erwachsenen erst nach Jahren bis Jahrzehnten negativ, bei Kindern rascher [11][13].

Prävention

  • Keine Impfung, keine Chemoprophylaxe.
  • Maßnahmen der WHO: Vektorkontrolle, bessere Wohnungen und Schlafplätze, Lebensmittelhygiene, Screening von Spendern, Neugeborenen und Kindern [1].
  • Reisende in ländlichen Gebieten: nicht in Häusern aus Lehm oder mit Strohdach übernachten oder unter einem imprägnierten Moskitonetz schlafen, Insektenschutz (Expertenempfehlung, abgeleitet aus [1]).

Quellen & Hinweise

  • [1] World Health Organization. Chagas disease (also known as American trypanosomiasis). Fact sheet. 08.04.2026. who.int
  • [2] Guggenbühl Noller JM, Froeschl G, Eisermann P, Jochum J, Theuring S, Reiter-Owona I, et al. Describing nearly two decades of Chagas disease in Germany and the lessons learned: a retrospective study on screening, detection, diagnosis, and treatment of Trypanosoma cruzi infection from 2000–2018. BMC Infect Dis. 2020;20:919. doi:10.1186/s12879-020-05600-8
  • [3] Gonzalez-Sanz M, Crespillo-Andújar C, Chamorro-Tojeiro S, Monge-Maillo B, Perez-Molina JA, Norman FF. Chagas disease in Europe. Trop Med Infect Dis. 2023;8(12):513. doi:10.3390/tropicalmed8120513
  • [4] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de
  • [5] Saraiva RM, Mediano MFF, Mendes FS, da Silva GMS, Veloso HH, Sangenis LHC, et al. Chagas heart disease: an overview of diagnosis, manifestations, treatment, and care. World J Cardiol. 2021;13(12):654–675. doi:10.4330/wjc.v13.i12.654
  • [6] Forsyth CJ, Manne-Goehler J, Bern C, Whitman J, Hochberg NS, Edwards M, et al. Recommendations for screening and diagnosis of Chagas disease in the United States. J Infect Dis. 2022;225(9):1601–1610. doi:10.1093/infdis/jiab513
  • [7] Carlier Y, Altcheh J, Angheben A, Freilij H, Luquetti AO, Schijman AG, et al. Congenital Chagas disease: updated recommendations for prevention, diagnosis, treatment, and follow-up of newborns and siblings, girls, women of childbearing age, and pregnant women. PLoS Negl Trop Dis. 2019;13(10):e0007694. doi:10.1371/journal.pntd.0007694
  • [8] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical testing and diagnosis for Chagas disease. Abgerufen 26.10.2026. cdc.gov
  • [9] Wirth M, Gálvez RI, Jochum J, et al. Knowledge, attitudes, behaviors, and serological status related to Chagas disease among Latin American migrants in Germany: a cross-sectional study in six German cities. Front Cell Infect Microbiol. 2022;12:1047281. doi:10.3389/fcimb.2022.1047281
  • [10] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of Chagas disease. Stand 02.02.2024. cdc.gov
  • [11] Hasslocher-Moreno AM, et al. Trypanocidal treatment for chronic Chagas disease: past, present, and future. Rev Soc Bras Med Trop. 2025;58:e0242-2025. doi:10.1590/0037-8682-0242-2025
  • [12] Morillo CA, Marin-Neto JA, Avezum A, Sosa-Estani S, Rassi A Jr, Rosas F, et al. Randomized trial of benznidazole for chronic Chagas‘ cardiomyopathy. N Engl J Med. 2015;373(14):1295–1306. doi:10.1056/NEJMoa1507574
  • [13] Crespillo-Andújar C, Comeche B, Hamer DH, Arevalo-Rodriguez I, Alvarez-Díaz N, Zamora J, et al. Use of benznidazole to treat chronic Chagas disease: an updated systematic review with a meta-analysis. PLoS Negl Trop Dis. 2022;16(5):e0010386. doi:10.1371/journal.pntd.0010386
  • [14] Torrico F, Gascón J, Barreira F, Blum B, Almeida IC, Alonso-Vega C, et al. New regimens of benznidazole monotherapy and in combination with fosravuconazole for treatment of Chagas disease (BENDITA): a phase 2, double-blind, randomised trial. Lancet Infect Dis. 2021;21(8):1129–1140. doi:10.1016/S1473-3099(20)30844-6
  • [15] Altcheh J, Grossmann U, Stass H, Springsklee M, Garcia-Bournissen F. Redefining the treatment of Chagas disease: a review of recent clinical and pharmacological data for a novel formulation of nifurtimox. PLoS Negl Trop Dis. 2025;19(2):e0012849. doi:10.1371/journal.pntd.0012849
  • [16] Moraes FCA, Souza MEC, Dal Moro L, Donadon IB, da Silva ER, de Souza DDSM, et al. Prevention of congenital Chagas disease by trypanocide treatment in women of reproductive age: a meta-analysis of observational studies. PLoS Negl Trop Dis. 2024;18(9):e0012407. doi:10.1371/journal.pntd.0012407

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