Afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit)

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Die afrikanische Trypanosomiasis (Schlafkrankheit) wird durch Trypanosoma brucei verursacht und von der Tsetsefliege übertragen. T. b. gambiense (West- und Zentralafrika) macht 92 % der gemeldeten Fälle aus und verläuft chronisch. T. b. rhodesiense (östliches und südliches Afrika) macht 8 % aus und verläuft akut [1].

Reisende erkranken fast nur an der ostafrikanischen Form nach Safari in Nationalparks. Leitbild: Fieber 1–3 Wochen nach der Reise, Schanker an der Stichstelle, Thrombozytopenie und rasches Organversagen auch im Stadium 1 [2][3][4].

Selten, aber gefährlich. 2011–2020 wurden 49 Fälle in Nicht-Endemieländern diagnostiziert, davon 3 in Deutschland. Bei der ostafrikanischen Form starben 8,6 % trotz Behandlung [4].

Die Medikamente sind außer Pentamidin nicht im Handel. Die WHO liefert sie kostenlos, auch an Nicht-Endemieländer [4][1]. Deshalb früh ein Tropenzentrum einbeziehen.

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern, Malaria und Rickettsiosen.

Steckbrief

MerkmalOstafrikanische Form (T. b. rhodesiense)Westafrikanische Form (T. b. gambiense)
Verbreitung13 Länder im östlichen und südlichen Afrika, unter anderem Malawi, Kenia, Ruanda, Uganda, Tansania, Sambia, Simbabwe und seit 2022 Äthiopien [1][5]24 Länder in West- und Zentralafrika. Die DR Kongo meldet 61 % der Fälle [1]
Wer erkranktKurzzeitreisende auf Safari und Jäger, Beschäftigte in Schutzgebieten [4]Menschen aus Endemieländern (oft nach Heimatbesuch), Langzeitaufenthalte [4]
Infektionsorte bei ImportfällenNationalparks und Wildreservate: South und North Luangwa, Kasanka (Sambia), Serengeti (Tansania), Murchison Falls (Uganda), Vwaza (Malawi), Masai Mara (Kenia), Sambesi-Tal (Simbabwe) [4][3]ländliche Gebiete in West- und Zentralafrika [1]
ÜbertragungStich der Tsetsefliege. Selten Mutter-Kind, Labor, mechanisch durch andere Insekten, sexuell [1]wie links [1]
Reservoirvor allem Rinder [6]vor allem Menschen [6]
InkubationStadium 1 nach 1–3 Wochen, Stadium 2 nach wenigen Wochen bis 2 Monaten [2]Stadium 1 nach 1 Monat bis 1 Jahr, oft kaum Beschwerden. Stadium 2 nach einem Jahr oder später [2]
Stadium bei Diagnose (Importfälle)91 % Stadium 1 [4]93 % Stadium 2 [4]
Isolierungkeine. Standardhygiene (Expertenempfehlung)wie links
MeldepflichtTrypanosomen sind in § 7 IfSG nicht genannt [7]. Über den Bezug der Medikamente erfährt die WHO jeden Fall [4]wie links

Red Flags

  • Fieber nach Safari im östlichen oder südlichen Afrika mit Hautläsion an einer Stichstelle (Schanker, rot erhaben oder ulzeriert) [2][3].
  • Schwere Thrombozytopenie und rasches Organversagen bis zu Dialyse und Beatmung, auch im Stadium 1 ohne neurologische Zeichen [3].
  • Neuropsychiatrische Zeichen bei Fieber nach Afrikaaufenthalt ohne andere Erklärung: Verwirrtheit, Verhaltensänderung, Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus, Krampfanfall [1][2][4].
  • Kardiale und endokrine Beteiligung bei der ostafrikanischen Form [2].

Ein negativer Malaria-Schnelltest bei anhaltendem Fieber nach Safari genügt nicht. Dicken Tropfen und Ausstrich immer mikroskopieren lassen und das Labor auf den Verdacht auf Trypanosomen hinweisen (Expertenempfehlung, nach [6][3]).

Klinik

StadiumMerkmale
Stadium 1 (hämolymphatisch)Fieber, Kopfschmerz, Schwäche, Lymphknotenschwellung, Gelenkschmerzen. Manchmal Schanker an der Stichstelle [1][2]
Stadium 2 (meningoenzephalitisch)Verhaltensänderung, Verwirrtheit, Umkehr des Schlaf-Wach-Rhythmus, Halluzinationen, Krampfanfälle, Koma. Unbehandelt meist tödlich [1][2]

Bei Reisenden mit der ostafrikanischen Form verläuft die Erkrankung oft wie eine schwere fieberhafte Infektion mit Organversagen und ähnelt der Malaria tropica [3].

Die westafrikanische Form wird oft erst nach Monaten bis Jahren erkannt, meist im Stadium 2 [4].

Diagnostik

PhaseUntersuchungHinweis
Aufnahme, Fieber nach Afrikadicker Tropfen und dünner Ausstrich (Giemsa) wie bei MalariaTrypanosomen sind im Blut sichtbar, bei der ostafrikanischen Form oft reichlich. Im Fallbericht führte der Ausstrich zur Diagnose [6][3]
geringe ParasitämieAnreicherung (Buffy-coat-Zentrifugation)erhöht die Ausbeute [6]
Schanker, LymphknotenAspiratErregernachweis möglich [6]
SerologieKartenagglutinationstestnur für die westafrikanische Form geeignet [6]
PCR–keine validierte PCR verfügbar [6]
StadieneinteilungLumbalpunktionStadium 1: unter 5 Leukozyten/µl und keine Trypanosomen. Stadium 2: über 5 Leukozyten/µl oder Trypanosomen. Über 100 Leukozyten/µl: schweres Stadium 2 [8]
BasislaborBlutbild, Kreatinin, Leberwerte, Gerinnung, EKGThrombozytopenie und Nierenversagen sind beschrieben [3]. EKG auch vor Therapie wegen QT-Verlängerung unter Fexinidazol [9]

Lumbalpunktion

Ostafrikanische Form: Fexinidazol wirkt in beiden Stadien [8]. Die Lumbalpunktion erst nach Stabilisierung und bei ausreichenden Thrombozyten. Sie darf den Therapiebeginn nicht verzögern (Expertenempfehlung). Im Fallbericht verhinderte die Thrombozytopenie die Punktion, Fexinidazol wurde ohne Stadienklärung gegeben [3].

Westafrikanische Form: Lumbalpunktion vor der Therapie. Die Zellzahl entscheidet über Fexinidazol oder NECT [8].

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

  • Reiseanamnese: Route mit Nationalparks und Wildreservaten, Rückkehrdatum, Stiche großer, tagaktiver Fliegen, Jagd, Tätigkeit in Schutzgebieten. Bei Menschen aus West- oder Zentralafrika auch Jahre zurückliegende Aufenthalte [4][3].
  • Immer Malaria parallel ausschließen, siehe Malaria.
  • Schanker oder Eschar? Das afrikanische Zeckenstichfieber mit Eschar ist nach Safari die wichtigste Verwechslung, siehe Rickettsiosen. Doxycyclin bis zur Klärung stört die Diagnostik der Trypanosomen nicht (Expertenempfehlung).
  • Sepsis mit Organversagen: kalkuliert nach Sepsis und septischer Schock. Antibiotika ersetzen die antiparasitäre Therapie nicht und werden nach Sicherung der Trypanosomen beendet, wenn keine bakterielle Infektion vorliegt (Expertenempfehlung).
  • Früh ein Tropenzentrum einbeziehen (DTG-Liste tropenmedizinischer Einrichtungen) [10]. Die Krankenhausapotheke fordert die Medikamente bei der WHO an [4].
  • Unterbringung: bei Thrombozytopenie, Organdysfunktion oder Stadium 2 auf IMC oder ITS, auch wegen der EKG-Überwachung unter der Therapie (Expertenempfehlung).

Therapie

Die Fibel nennt bewusst keine Dosen. Dosierung, Bezug und Durchführung erfolgen über ein Tropenzentrum und die Krankenhausapotheke. Die Schemata folgen der WHO-Leitlinie 2024 in der Wiedergabe der CDC [8]. Die Leitlinie selbst war nicht abrufbar.

Form und StadiumErste WahlAlternative
ostafrikanisch, Stadium 1Fexinidazol po (ab 6 Jahren und 20 kg)Suramin iv (unter 6 Jahren oder unter 20 kg)
ostafrikanisch, Stadium 2Fexinidazol poMelarsoprol iv
westafrikanisch, Stadium 1Fexinidazol po (ab 6 Jahren und 20 kg)Pentamidin im oder iv (unter 6 Jahren oder unter 20 kg)
westafrikanisch, Stadium 2, unter 100 Leukozyten/µlFexinidazol poNECT
westafrikanisch, Stadium 2, über 100 Leukozyten/µlNECT (Nifurtimox po plus Eflornithin iv)–
Nach CDC 2024 in Wiedergabe der WHO-Leitlinie 2024 [8].

Das WHO-Faktenblatt (Stand 2023) nennt für die ostafrikanische Form noch Suramin im Stadium 1 und Melarsoprol im Stadium 2 [1]. Es ist älter als die Leitlinie 2024. Die EMA hat Fexinidazol 2024 auf die ostafrikanische Form erweitert [9]. In einer einarmigen Studie mit 45 Behandelten starb im Stadium 2 keiner der 34 Erkrankten [11].

Fexinidazol

  • einmal täglich über 10 Tage, nur nach einer festen Mahlzeit und unter Aufsicht von geschultem Personal [12][1][9].
  • QT-Verlängerung, nicht bei Rhythmusrisiko. Leberfunktionsstörung beachten [9][8].
  • psychiatrische Nebenwirkungen häufiger als unter NECT [8]. Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerz sind häufig [13].

Überbrückung bei Intensivpatienten

  • Bei der ostafrikanischen Form mit Organversagen oder fraglicher Resorption (Magensonde) Pentamidin iv als Überbrückung, bis die Medikamente der WHO eintreffen. Entscheidung mit dem Tropenzentrum. Eine Dosis nennt die Fibel nicht.
  • Pentamidin ist als einziges Mittel im Handel. Bei Importfällen 2011–2020 wurde in 9 Fällen mit Pentamidin begonnen, bis Suramin eintraf [4]. Im Fallbericht wurde wegen fraglicher Resorption zusätzlich zu Fexinidazol Pentamidin gegeben [3].

Melarsoprol

  • reaktive Enzephalopathie bei 5–10 % mit einer Letalität von etwa 50 % [8]. Nur noch als Alternative, Gabe nur im Zentrum.

Acoziborol (westafrikanische Form)

Die EMA hat am 24.02.2026 ein positives Gutachten für Acoziborol als orale Einzeldosis abgegeben, nur für die westafrikanische Form, ab 12 Jahren und 40 kg [14]. Eine Zulassung in der EU besteht nicht. Für Reiserückkehrer nach Safari (ostafrikanische Form) ist es nicht vorgesehen [14].

Nach Acoziborol frühestens nach einem Monat mit Artemether-Lumefantrin beginnen. Bei gleichzeitiger Malaria die Reihenfolge mit dem Tropenzentrum abstimmen [14].

Bezug in Deutschland

Außer Pentamidin ist kein Mittel gegen die Schlafkrankheit im Handel. Die Hersteller spenden die Medikamente der WHO, die sie kostenlos an Endemieländer und bei Bedarf an Nicht-Endemieländer abgibt [1][4]. Die Krankenhausapotheke richtet die Anfrage an die WHO, die einen Vorrat in Genf hält [4].

Behandlung im Reiseland

In Endemieländern behandeln die nationalen Programme mit den von der WHO kostenlos verteilten Medikamenten [1]. Wer auf Safari erkrankt, sollte in einem Zentrum mit Erfahrung behandelt werden (Expertenempfehlung).

Therapiedauer und Nachsorge

  • Fexinidazol über 10 Tage [12][9].
  • Nachsorge bis 24 Monate, um einen Rückfall zu erkennen [8].

Prävention

  • Es gibt keine Impfung (Expertenempfehlung).
  • Stiche der Tsetsefliege vermeiden: lange Kleidung in Nationalparks, Fahrzeugfenster geschlossen halten (Expertenempfehlung).

Quellen & Hinweise

  • [1] World Health Organization. Trypanosomiasis, human African (sleeping sickness). Faktenblatt, 02.05.2023. who.int
  • [2] Centers for Disease Control and Prevention. Symptoms of sleeping sickness. Abgerufen 26.10.2026. cdc.gov
  • [3] Wendt EM, Tobolowsky FA, Priotto G, Franco JR, Chancey R. Notes from the field: rhodesiense human African trypanosomiasis (sleeping sickness) in a traveler returning from Zimbabwe – United States, August 2024. MMWR Morb Mortal Wkly Rep. 2025;74(9):158–159. doi:10.15585/mmwr.mm7409a3
  • [4] Franco JR, Cecchi G, Priotto G, et al. Human African trypanosomiasis cases diagnosed in non-endemic countries (2011–2020). PLoS Negl Trop Dis. 2022;16(11):e0010885. doi:10.1371/journal.pntd.0010885
  • [5] Franco JR, Priotto G, Paone M, Cecchi G, et al. The elimination of human African trypanosomiasis: monitoring progress towards the 2021–2030 WHO road map targets. PLoS Negl Trop Dis. 2024;18(4):e0012111. doi:10.1371/journal.pntd.0012111
  • [6] Centers for Disease Control and Prevention. DPDx: Trypanosomiasis, African. Abgerufen 26.10.2026. cdc.gov
  • [7] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), § 7. gesetze-im-internet.de
  • [8] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of African trypanosomiasis. 16.12.2024 (gibt die WHO-Leitlinie 2024 wieder). cdc.gov
  • [9] European Medicines Agency. Fexinidazole. Opinion on medicine for use outside the EU (EU-M4all). Gutachten 15.11.2018, Erweiterung 27.02.2024. ema.europa.eu
  • [10] Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG). Liste tropenmedizinischer Institutionen. dtg.org
  • [11] Matovu E, Nyirenda W, Eriatu A, Alves D, Perdrieu C, Lemerani M, et al. Fexinidazole as a new oral treatment for human African trypanosomiasis due to Trypanosoma brucei rhodesiense: a prospective, open-label, single-arm, phase 2–3, non-randomised study. Lancet Glob Health. 2025;13(5):e910–e919. doi:10.1016/S2214-109X(25)00016-6 (nur Abstract gelesen)
  • [12] World Health Organization. WHO publishes new guidelines for the treatment of sleeping sickness. Pressemitteilung, 08.08.2019. who.int
  • [13] Mariotti F, Paggi R, Basilico M, et al. Use of fexinidazole in gambiense human African trypanosomiasis: a retrospective analysis of cases treated in Lui Hospital, South Sudan (2018–2024). Infection. 2025;53(6):2847–2857. doi:10.1007/s15010-025-02633-6
  • [14] European Medicines Agency. Acoziborole. Opinion on medicine for use outside the EU (EU-M4all). 24.02.2026. ema.europa.eu

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