Typhus und Paratyphus

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Typhus und Paratyphus sind systemische Salmonellen-Infektionen. Sie werden fast immer auf Reisen erworben, vor allem in Südasien [1][2]. 2024 wurden in Deutschland 74 Typhus- und 54 Paratyphus-Erkrankungen gemeldet, die meisten nach Aufenthalt in Indien und Pakistan. 94 % der Typhus-Fälle waren nicht geimpft [3].

Leitsymptom ist anhaltendes Fieber, oft ohne Durchfall. Diagnostik sind mehrere Blutkulturen vor der ersten Antibiotikagabe. Antibiotika sind immer indiziert [1].

Die Resistenzlage bestimmt die Therapie. Fluorchinolone wirken in Südasien meist nicht mehr. Aus Pakistan kommen extensiv resistente Stämme (XDR), aus Indien seit 2024 Stämme, die auch gegen Carbapeneme resistent sind. Azithromycin wirkt bisher gegen beide [1][4][5].

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern und Diarrhö bei Reiserückkehrern.

Steckbrief

MerkmalTyphus und Paratyphus
ErregerSalmonella enterica Serovar Typhi (Typhus), Paratyphi A, B (systemische Form) und C (Paratyphus). Einziges Reservoir ist der Mensch [1]
VerbreitungSüdasien mit Abstand am wichtigsten (Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal), außerdem Südostasien, Subsahara-Afrika, Pazifikinseln und Lateinamerika. Paratyphus A fast nur in Asien [6][3]
Übertragungfäkal-oral über Trinkwasser, Eis und Lebensmittel, die mit Stuhl oder Urin von Erkrankten oder Ausscheidern verunreinigt sind. Selten direkt von Mensch zu Mensch, auch sexuell [1]
InkubationTyphus meist 8–14 Tage (3–60 Tage), Paratyphus 1–10 Tage [1][6]
Ansteckungsolange Erreger in Stuhl oder Urin ausgeschieden werden. 2–5 % werden Dauerausscheider (mindestens 1 Jahr), vor allem bei Gallensteinen [1]
HygieneBasishygiene, Händewaschen und alkoholische Händedesinfektion. Einzelzimmer mit eigener Toilette bei Durchfall oder unsicherer Händehygiene [1]
MeldepflichtArzt: Verdacht, Erkrankung und Tod (§ 6). Labor: Nachweis von S. Typhi und S. Paratyphi (§ 7). Jeweils namentlich innerhalb von 24 h [1][7]
TätigkeitsverbotLebensmittelbereich (§ 42) und Gemeinschaftseinrichtungen (§ 34). Wiederzulassung nach 3 negativen Stuhlproben im Abstand von mindestens 2 Tagen, die erste frühestens 48 h nach Therapieende, nach Azithromycin frühestens 7 Tage. Zustimmung des Gesundheitsamts [1][7]

Red Flags

  • Darmperforation mit Peritonitis (akutes Abdomen) und gastrointestinale Blutung, meist ab der 2. bis 3. Krankheitswoche [1][8]
  • Bewusstseinsstörung, Delir, Enzephalopathie [1]
  • Schock, Myokarditis [1][6]
  • Fieber nach Pakistan, Irak oder Afghanistan mit schwerem Krankheitsbild: resistente Erreger wahrscheinlich [9][1]

Je später die Therapie beginnt, desto häufiger sind Komplikationen [1].

Bei Fieber nach Aufenthalt in einem Malariagebiet muss auch bei Verdacht auf Typhus sofort eine Malaria ausgeschlossen werden. Siehe Fieber bei Reiserückkehrern.

Klinik

  • Schleichender Beginn mit über Tage ansteigendem Fieber bis 39–40 °C, dann anhaltendes Fieber. Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, Benommenheit, trockener Husten, Bauchschmerzen [1][6].
  • Anfangs eher Obstipation, Durchfall erst im weiteren Verlauf [1].
  • Nur bei einem Teil: relative Bradykardie, Hepatosplenomegalie, belegte Zunge, Roseolen (lachsfarbene, nicht juckende Flecken am Stamm) [1].
  • Labor: Leukozyten meist normal oder erniedrigt, Eosinopenie, Thrombozytopenie, Anämie, Transaminasen erhöht [1].
  • Paratyphus A ist klinisch nicht von Typhus zu unterscheiden. Paratyphus B verläuft meist milder [1].
  • Rückfall bei bis zu 10 %, meist 2–3 Wochen nach Abklingen, mit dem gleichen Stamm [1][8].

Ohne Antibiotika sterben 10–20 %, mit früher wirksamer Therapie unter 1 % [1].

Diagnostik

An Typhus denken bei jedem Fieber nach Aufenthalt in einem Endemiegebiet und bei länger anhaltendem Fieber ohne Erklärung [1]. Immer nach Reiseroute, Impfung und Antibiotika im Ausland fragen.

  • Blutkulturen vor der ersten Antibiotikagabe, mehrere Sets mit ausreichendem Volumen, bei negativem Befund wiederholen. Eine einzelne Blutkultur ist nur in etwa der Hälfte positiv, insgesamt in 40–80 % [1][8].
  • Knochenmark ist am empfindlichsten (über 80 %), auch nach Antibiotikagabe. Bei Vorbehandlung, später Vorstellung oder Therapieversagen [1][9].
  • Stuhl und Urin ergänzend, ab der 2. Woche häufiger positiv [1].
  • Antibiogramm bei jedem Isolat, auch für Azithromycin, Carbapeneme und Cotrimoxazol. Isolat an das Nationale Referenzzentrum für Salmonellen [1][5].
  • Widal-Test und andere Serologien sind ungeeignet. Eine positive PCR braucht zusätzlich eine Kultur mit Resistenztestung [1][9].

Resistenztypen

Typresistent gegenHerkunftmeist wirksam
Fluorchinolon-unempfindlichCiprofloxacinSüdasien, in Deutschland 50 von 59 S.-Typhi-Isolaten seit 2017Ceftriaxon, Azithromycin [2]
ESBLCephalosporine der 3. GenerationIrak, Indien, Afghanistan, BangladeschAzithromycin, Carbapenem [8][1]
XDRzusätzlich Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. GenerationPakistanAzithromycin, Carbapenem [1][10]
NDM-5Cephalosporine, Carbapeneme, CiprofloxacinIndien seit 2024bisher Azithromycin, Cotrimoxazol [4][5]
Azithromycin-resistentMakrolideEinzelfälle aus Südasien, auch mit Carbapenem-Resistenznach Antibiogramm, Infektiologie [1][11]

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

  • Bei Verdacht in der Regel stationär aufnehmen. In Deutschland wurden 78 % der Erkrankten im Krankenhaus behandelt [2].
  • Malaria-Diagnostik, Blutkulturen und Basislabor sofort, dann ohne Verzögerung kalkuliert behandeln [1].
  • Einzelzimmer mit eigener Toilette bei Durchfall. Meldung an das Gesundheitsamt schon bei Verdacht [1].
  • Infektiologie oder Tropenmedizin einbeziehen bei kompliziertem Verlauf, Resistenz, fehlender Entfieberung nach 5 Tagen und bei Dauerausscheidern [1][8].

Therapie

Antibiotika immer, nach Blutkulturen und ohne Verzögerung. Nach dem Antibiogramm gezielt weiterbehandeln. Fluorchinolone nicht kalkuliert, sie sind Reserve und in Südasien meist unwirksam [1][2].

Unkompliziert

  • Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Irak, Afghanistan
    • Azithromycin – 1x 1 g po – 7 Tage [12][9]
      • wirkt gegen XDR-Stämme aus Pakistan und bisher gegen NDM-Stämme aus Indien [10][4]
  • übrige Länder
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv – 10–14 Tage bzw. bis 2–3 Tage nach Entfieberung [12]
    • oder Azithromycin – 1x 1 g po – 7 Tage [12][9]
  • Hinweise
    • Ceftriaxon nach Südasien nur, wenn das Antibiogramm Empfindlichkeit zeigt [5][4].
    • Unter Ceftriaxon nach Entfieberung auf Azithromycin oral wechseln, wenn der Stamm empfindlich ist.
    • Penicillinallergie: Risiko mit dem PEN-FAST-Rechner einschätzen. Azithromycin ist ohnehin kein Betalaktam.

Kompliziert oder septisch

  • nach Südasien, Irak oder Afghanistan
    • Meropenem – 3x 1 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion – 10–14 Tage [10][9]
    • plus Azithromycin – 1x 1 g iv oder po, bis das Antibiogramm vorliegt [10]
  • übrige Länder
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv – 10–14 Tage [12]
  • Hinweise
    • Nach dem Antibiogramm deeskalieren. Bei Carbapenem-Resistenz (NDM) nach Antibiogramm, z. B. Azithromycin oder Cotrimoxazol, Infektiologie einbeziehen [5][4].
    • Darmperforation: sofort chirurgisches Konsil.
    • Dexamethason kann bei schwerem Typhus mit Delir, Koma oder Schock erwogen werden. Rücksprache mit der Infektiologie.

Fieber unter Therapie

Unter wirksamer Therapie hält das Fieber oft noch 3–5 Tage an, bei XDR-Stämmen auch länger. Ohne Besserung nach 5 Tagen Antibiogramm prüfen und nach einem Fokus suchen (Abszess, Cholezystitis, Osteomyelitis) [8][10].

Therapiedauer

SituationDauer
unkompliziert, Azithromycin7 Tage [12][9]
unkompliziert, Ceftriaxon10–14 Tage bzw. bis 2–3 Tage nach Entfieberung, oder Wechsel auf Azithromycin oral [12]
kompliziert10–14 Tage [9][10]
Rückfallerneute Blutkultur und Antibiogramm, Therapie wie bei Ersterkrankung

Dauerausscheider: Sanierung nach Antibiogramm mit der Infektiologie oder Mikrobiologie, bei Gallensteinen Cholezystektomie unter Antibiotikatherapie [1].

Prävention

  • Lebensmittel- und Trinkwasserhygiene: „cook it, peel it or forget it“ [1].
  • Impfung nach STIKO und DTG bei Reisen nach Pakistan, Indien, Nepal, Afghanistan und Bangladesch, unabhängig vom Reisestil, sonst bei einfachen Reisebedingungen, Langzeitaufenthalt und Besuch von Familie und Freunden [6].
  • Polysaccharid-Impfstoff intramuskulär (ab 2 Jahren, mindestens 2 Wochen vor der Reise) oder oraler Lebendimpfstoff (Tag 1, 3 und 5). Schutz etwa 50–70 %, nicht gegen Paratyphus A [6][1].
  • Die Impfung schließt Typhus nicht aus. Hygiene bleibt nötig [1][13].

Quellen & Hinweise

  • [1] Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Typhus abdominalis, Paratyphus. Stand 16.10.2025. rki.de
  • [2] Enkelmann J, Simon S, Trost E, Stark K, Frank C. Epidemiological characteristics and trends of notified enteric fevers in Germany, 2001 to 2023. Euro Surveill. 2025;30(14):2400314. doi:10.2807/1560-7917.ES.2025.30.14.2400314
  • [3] Bös L, Enkelmann J. Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten – Importierte Infektionskrankheiten 2024. Epid Bull. 2025;(48):3–22. doi:10.25646/13568
  • [4] Thirumoorthy TP, Jacob JJ, Teekaraman MP, Mahantesh S, Jagannatha B, Manasa S, et al. Emergence of carbapenem-resistant Salmonella Typhi harboring blaNDM-5 in India: genomic evidence from a multicenter study. Front Microbiol. 2025;16:1685068. doi:10.3389/fmicb.2025.1685068
  • [5] Simon S, Trost E, Lennings J, Enkelmann J, Kuhn J, Pietsch M, et al. Carbapenem-resistant Salmonella Typhi infection in traveler returning to Germany from India, 2024. Emerg Infect Dis. 2025;31(12):2335–2338. doi:10.3201/eid3112.251234
  • [6] Ständige Impfkommission, Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit. Empfehlungen der STIKO und der DTG zu Reiseimpfungen. Epid Bull. 2026;(27):1–112. doi:10.25646/14248
  • [7] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6, 7, 34, 42. gesetze-im-internet.de
  • [8] Francois Watkins LK, Shih DC, Dorough L. Typhoid and paratyphoid fever. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
  • [9] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical guidance for typhoid fever and paratyphoid fever. Stand 24.04.2024. cdc.gov
  • [10] Qureshi S, Naveed AB, Yousafzai MT, Ahmad K, Ansari S, Lohana H, et al. Response of extensively drug resistant Salmonella Typhi to treatment with meropenem and azithromycin, in Pakistan. PLoS Negl Trop Dis. 2020;14(10):e0008682. doi:10.1371/journal.pntd.0008682
  • [11] Nizamuddin S, Khan EA, Chattaway MA, Godbole G. Case of carbapenem-resistant Salmonella Typhi infection, Pakistan, 2022. Emerg Infect Dis. 2023;29(11):2395–2397. doi:10.3201/eid2911.230499
  • [12] Kuehn R, Stoesser N, Eyre D, Darton TC, Basnyat B, Parry CM. Treatment of enteric fever (typhoid and paratyphoid fever) with cephalosporins. Cochrane Database Syst Rev. 2022;11(11):CD010452. doi:10.1002/14651858.CD010452.pub2
  • [13] World Health Organization. Typhoid. Fact sheet. 30.03.2023. who.int

Frage zu diesem oder einem anderen Thema? In allen Kapiteln suchen oder eine Frage stellen →

Nach oben scrollen