Larva migrans, Tungiasis und Myiasis

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Larva migrans cutanea, Tungiasis und Myiasis sind Hautparasitosen nach Aufenthalten in den Tropen. Sie werden mechanisch oder antiparasitär behandelt [1].

Antibiotika sind nur bei einer manifesten bakteriellen Superinfektion nötig, nicht zur Vorbeugung [2][3].

Für keine der drei Krankheiten gibt es eine deutsche Leitlinie. Der Steckbrief stützt sich auf CDC und Übersichtsarbeiten.

Leitbefunde, Expositionen und Differenzialdiagnosen stehen im Leitkapitel Hautveränderungen nach Reise. Dieser Steckbrief vertieft Diagnostik und Therapie.

Steckbrief

MerkmalLarva migrans cutaneaTungiasisMyiasis
ErregerLarven tierischer Hakenwürmer, meist Ancylostoma spp. von Hund und Katze. Der Mensch ist Fehlwirt, die Larve bleibt in der Epidermis [1][4]befruchtetes Weibchen des Sandflohs Tunga penetrans. Es wächst in der Haut auf etwa 5 mm und stirbt nach 4–6 Wochen [5][1]Fliegenlarven. Furunkulär: Dermatobia hominis (Dasselfliege, Mittel- und Südamerika), Cordylobia anthropophaga (Tumbufliege, Afrika südlich der Sahara). Wunden: u. a. Cochliomyia hominivorax (Neuweltschraubenwurm, Amerika) [1][2]
Verbreitungtropische und subtropische Gebiete [4]Karibik, Südamerika außer Chile, Afrika südlich der Sahara einschließlich Madagaskar [5]Lateinamerika und Afrika, bei Reisenden vor allem Regenwald in Lateinamerika [3]
ÜbertragungHautkontakt mit Sand oder Boden, der mit Hunde- oder Katzenkot verunreinigt ist [4]barfuß auf sandigem Boden, besonders in Dörfern mit Tierhaltung [5]D. hominis: Eier über Stechmücken. C. anthropophaga: Eier auf Boden oder im Freien getrockneter Wäsche. Wundmyiasis: Eiablage in offene Wunden [2]
ZeitverlaufLarven sterben nach 5–6 Wochen ab [6], Abheilung meist nach 4–6 Wochen [1]Läsion wächst in den ersten Tagen mit der Eireifung [5]C. anthropophaga: Beschwerden meist in den ersten 2 Tagen. D. hominis: Larve entwickelt sich über 5–10 Wochen [2]
Übertragung von Mensch zu Menschneinneinnein
Meldepflichtkeinekeinekeine

Red Flags

  • Fieber, Lymphangitis, Lymphknotenschwellung, rasch zunehmende Rötung um Floh oder Larve: bakterielle Superinfektion [5][2]. Fieber nach Tropenaufenthalt immer auch an Malaria denken (Fieber bei Reiserückkehrern).
  • Wunde mit vielen Larven und Gewebezerstörung, besonders nach Mittel- oder Südamerika: Wundmyiasis durch den Neuweltschraubenwurm [2][7].
  • Myiasis in Nase, Ohr, Auge oder Mund: Gefahr der Zerstörung von Trommelfell, Septum oder Gaumen und der Meningitis [2].
  • Nekrose, Gangrän oder Abszess bei Tungiasis, vor allem bei Mehrfachbefall [5].
  • Rasch wandernde, urtikarielle Linie an Gesäß oder Rumpf (Zentimeter pro Stunde): keine Larva migrans cutanea, sondern Larva currens bei Strongyloidiasis, siehe Leitkapitel Hautveränderungen nach Reise.

Tungiasis und Myiasis sind Eintrittspforten für Tetanus. Den Impfstatus immer prüfen [5][1].

Klinik

FormMerkmale
Larva migrans cutaneastark juckende, lineare oder serpiginöse, leicht erhabene Spur, die langsam wandert. Meist an Füßen, Gesäß oder Händen [1][4]
Larva migrans mit Follikulitis20–100 Papeln und Pusteln in einem umschriebenen Areal, meist am Gesäß, oft mit einigen kurzen Gängen. Schwerer zu behandeln als die klassische Form [8]
Tungiasisrunde, etwa 5 mm große, weißliche Papel mit zentralem schwarzem Punkt, juckend und schmerzhaft. Fast immer an den Füßen, besonders an Zehen, Nagelwall und Fußsohle [1][5]. Bei Reiserückkehrern meist ein bis zwei Läsionen [9]
Furunkuläre Myiasisschmerzhafter, furunkelähnlicher Knoten mit kleiner zentraler Öffnung, durch die die Larve atmet. D. hominis meist einzeln an unbedeckter Haut, nächtliche Schmerzen. C. anthropophaga oft mehrere Knoten an bedeckter Haut mit starker Entzündung, die eine Phlegmone vortäuschen kann [1][2]
Wundmyiasissichtbare Larven in einer offenen Wunde, sehr schmerzhaft, bei C. hominivorax mit Gewebezerstörung [2]
Migratorische Myiasiswandernde, schmerzhafte Schwellung (z. B. Hypoderma) [2]

Diagnostik

Alle drei Krankheiten werden klinisch diagnostiziert [4][5][2].

SchrittLarva migrans cutaneaTungiasisMyiasis
Erstvorstellungwandernde Spur, Juckreiz, Strand oder Sand. Keine Labordiagnostik nötig [4]weißer Knoten mit schwarzem Zentrum. Dermatoskopie unterstützt [5]Knoten mit Öffnung, Larvenbewegung. Im Ultraschall echoreiche Struktur, im Doppler Bewegung [2]
bei SuperinfektionAbstrich nur bei eitriger SuperinfektionAbstrich bei Eiter oder Phlegmone. Erwartbar S. aureus, Enterobakterien, Anaerobier [10]Abstrich bei Lymphknotenschwellung oder systemischen Zeichen [2]
nach Entfernung–Floh vollständig entfernt? Reste sichern [9]Larve asservieren und zur Artbestimmung an ein Tropeninstitut senden, besonders bei Wundmyiasis aus Amerika (Expertenempfehlung)

Bei Hautbefund mit Eosinophilie, Husten oder urtikariellem Exanthem an Strongyloidiasis und Schistosomiasis denken. Bei Myiasis ist eine Eosinophilie möglich [2].

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

  • Allgemeinzustand und Fieber zuerst. Fieber mit Hautbefund nach Tropenaufenthalt: Malaria ausschließen, siehe Fieber bei Reiserückkehrern.
  • Reiseanamnese: Route, Strand oder Dorf, barfuß, Liegen im Sand, Tierkontakte (Hunde, Katzen, Schweine), Wäsche im Freien getrocknet, offene Wunden auf der Reise, Selbstbehandlung im Reiseland. Expositionen und Leitbefunde im Leitkapitel Hautveränderungen nach Reise.
  • Inspektion der ganzen Haut einschließlich Zehenzwischenräumen, Nagelwall, Gesäß und Kopfhaut. Zahl der Läsionen dokumentieren.
  • Antibiotikum nur bei Superinfektion, siehe Therapie [2][3].
  • Tetanusschutz prüfen und nach STIKO auffrischen [11][1].
  • Stationär bei Wundmyiasis mit Gewebezerstörung, Myiasis in Nase, Ohr, Auge oder Mund (HNO, Augenheilkunde), Phlegmone mit systemischen Zeichen oder Gangrän. Sonst ambulant (Expertenempfehlung).

Behandlung im Reiseland

Sandflöhe nicht mit unsterilen Nadeln selbst entfernen. Das führt häufig zu Komplikationen [1].

Therapie

Larva migrans cutanea

  • 1. Wahl
    • Ivermectin – 200 µg/kg KG po einmalig [6]
      • einer Einzeldosis Albendazol überlegen [12][13]
  • Alternative
    • Albendazol – 400 mg po einmal täglich für 3 Tage [6], bei Follikulitis oder vielen Gängen 5–7 Tage (Expertenempfehlung)
      • nicht als Einzeldosis, die heilt schlechter [13]
      • die CDC nennt 3–7 Tage [6]
  • Hinweise
    • Ohne Therapie heilt die Larva migrans in 4–6 Wochen ab. Behandelt wird wegen des starken Juckreizes [1][6].
    • Follikulitis-Form: oft mehrere Therapiezyklen nötig [8][6].
    • Gegen den Juckreiz topisches Kortikosteroid [1].
    • Ob Larva migrans cutanea zu den zugelassenen Anwendungsgebieten von Ivermectin und Albendazol gehört, ist in der Fachinformation zu prüfen. Wahrscheinlich ist die Anwendung Off-Label.
    • Schwangere und Kinder unter 15 kg: Topisches Albendazol (z. B. 10 % Salbe als Rezeptur) ist in Fallberichten wirksam [6][14]. Systemische Therapie in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache mit der Tropenmedizin.

Tungiasis

  • 1. Wahl
    • Sterile Extraktion des ganzen Flohs mit steriler Nadel oder Kürette, danach desinfizieren [1][5]. Bei Reiserückkehrern heilten 19 von 19 nach Exzision ohne Komplikationen [9].
  • Alternative
    • Dimeticon (niedrigviskos, topisch) – dreimal innerhalb von 10 Minuten auftragen [15]
      • nach 7 Tagen waren 78 % der Flöhe abgestorben, gegenüber 39 % in der Kontrollgruppe [15]
      • im systematischen Review die vielversprechendste Therapie [16]
      • Option bei vielen Läsionen oder wenn die Extraktion nicht möglich ist
  • Hinweise
    • Keine wirksame systemische Therapie. Orales Ivermectin war in einer Studie unwirksam [5].

Myiasis

  • Furunkuläre Myiasis
    • Atemöffnung für mehrere Stunden mit Vaseline verschließen. Die Larve tritt aus oder lässt sich fassen [1][2].
    • C. anthropophaga lässt sich durch seitlichen Druck herausdrücken. Bei D. hominis Druck vermeiden, die Larve hat Dornen und kann reißen [2].
    • Lidocain 1 % (etwa 2 ml je Knoten) in die Basis kann die Larve herausdrücken. Sonst kleine Inzision [2].
    • Manuelle Entfernung reichte bei 76 %, ein chirurgischer Eingriff bei 24 % [3].
  • Wundmyiasis
    • Alle Larven mechanisch entfernen, nekrotisches Gewebe chirurgisch débridieren [2].
  • Ivermectin
    • Bei furunkulärer Myiasis oral nicht empfohlen [2].
    • Bei Wundmyiasis mit nicht entfernbaren Larven nur nach Rücksprache mit der Tropenmedizin [2][7].
    • Bei migratorischer Myiasis (Hypoderma) oral erfolgreich [17].

Die Larve nicht verletzen und den Floh nicht zerreißen. Reste führen zu Fremdkörperreaktion und Superinfektion [1][3].

Neuweltschraubenwurm (Cochliomyia hominivorax)

Seit 2023 breitet sich der Neuweltschraubenwurm von Panama nach Norden aus. Mexiko meldete von April 2025 bis März 2026 202 Erkrankte, auch in Yucatán und Quintana Roo. Betroffen waren vor allem ältere Einheimische mit chronischen Wunden [7].

Bei Wunden mit Larven nach Reise nach Mexiko oder Mittelamerika: chirurgisches Débridement, Larve asservieren und ein Tropeninstitut informieren [2][7]. Orales Ivermectin nur nach Rücksprache mit der Tropenmedizin.

Superinfektion und Antibiotika

  • Keine Antibiotika zur Vorbeugung. Nach vollständiger Entfernung von Larve oder Floh ist kein Antibiotikum nötig [2][3].
  • Lokale Entzündung allein ist bei Tungiasis und bei C. anthropophaga typisch und noch keine Infektion [2].
  • Zeichen einer Superinfektion: Rötung deutlich über den Rand der Läsion hinaus, Überwärmung, Eiter, Lymphangitis, Lymphknotenschwellung, Fieber.

ABS-Empfehlung

Keine Quelle nennt Substanzen für Superinfektionen bei diesen Krankheiten. Die Empfehlung leitet sich aus dem Erregerspektrum und dem Kapitel Haut- und Weichteilinfektionen ab.

  • Zuerst Larve oder Floh entfernen, dann behandeln.
  • Oberflächliche Superinfektion oder Phlegmone (S. aureus, Streptokokken): wie im Kapitel Haut- und Weichteilinfektionen. Bei MSSA iv Cefazolin 3x 2 g.
  • Tiefe oder ausgedehnte Infektion bei Tungiasis: polymikrobiell mit S. aureus, Enterobakterien und Anaerobiern [10]. Amoxicillin/Clavulansäure 3x 875/125 mg po oder Ampicillin/Sulbactam 3x 3 g iv, dazu Débridement und Kultur.
  • Wundmyiasis mit Nekrose: zuerst chirurgische Sanierung, Antibiotikum nach Kultur.
  • Keine Fluorchinolone. Bei Penicillinallergie das Risiko mit PEN-FAST einschätzen.

Prävention

  • Larva migrans cutanea: keine unbedeckte Haut auf möglicherweise kotverunreinigtem Sand. Schuhe am Strand, auf Liege oder Handtuch liegen [4].
  • Tungiasis: geschlossene Schuhe schützen teilweise [5].
  • Myiasis: Wäsche in Afrika nicht auf dem Boden trocknen. Mückenschutz in Lateinamerika, weil Stechmücken die Eier der Dasselfliege tragen [2]. Offene Wunden abdecken.
  • Tetanusimpfung vor der Reise prüfen.

Quellen & Hinweise

  • [1] Wanat KA, Norton SA. Post-travel dermatologic conditions. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, Stand 23.04.2025. cdc.gov
  • [2] Francesconi F, Lupi O. Myiasis. Clin Microbiol Rev. 2012;25(1):79–105. doi:10.1128/CMR.00010-11
  • [3] Lachish T, Marhoom E, Mumcuoglu KY, Tandlich M, Schwartz E. Myiasis in travelers. J Travel Med. 2015;22(4):232–236. doi:10.1111/jtm.12203
  • [4] Heukelbach J, Feldmeier H. Epidemiological and clinical characteristics of hookworm-related cutaneous larva migrans. Lancet Infect Dis. 2008;8(5):302–309. doi:10.1016/S1473-3099(08)70098-7
  • [5] Feldmeier H, Heukelbach J, Ugbomoiko US, Sentongo E, Mbabazi P, von Samson-Himmelstjerna G, et al. Tungiasis – a neglected disease with many challenges for global public health. PLoS Negl Trop Dis. 2014;8(10):e3133. doi:10.1371/journal.pntd.0003133
  • [6] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of zoonotic hookworm. Stand 21.02.2024. cdc.gov
  • [7] Delgado-Cuellar OM, et al. Human myiasis resulting from reemergence of Cochliomyia hominivorax screwworm, Mexico, 2025–2026. Emerg Infect Dis. 2026;32(10). doi:10.3201/eid3210.261235
  • [8] Caumes E, Ly F, Bricaire F. Cutaneous larva migrans with folliculitis: report of seven cases and review of the literature. Br J Dermatol. 2002;146(2):314–316. doi:10.1046/j.0007-0963.2001.04531.x
  • [9] Veraldi S, Valsecchi M. Imported tungiasis: a report of 19 cases and review of the literature. Int J Dermatol. 2007;46(10):1061–1066. doi:10.1111/j.1365-4632.2007.03280.x
  • [10] Feldmeier H, Heukelbach J, Eisele M, Sousa AQ, Barbosa LM, Carvalho CB. Bacterial superinfection in human tungiasis. Trop Med Int Health. 2002;7(7):559–564. doi:10.1046/j.1365-3156.2002.00904.x
  • [11] Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Tetanus. Stand 27.11.2018. rki.de
  • [12] Caumes E, Carrière J, Datry A, Gaxotte P, Danis M, Gentilini M. A randomized trial of ivermectin versus albendazole for the treatment of cutaneous larva migrans. Am J Trop Med Hyg. 1993;49(5):641–644. doi:10.4269/ajtmh.1993.49.641
  • [13] Caumes E. Treatment of cutaneous larva migrans. Clin Infect Dis. 2000;30(5):811–814. doi:10.1086/313787
  • [14] Gotor-Rivera A, Porres-López E, Ortiz-Romero PL, Asín MAP. Albendazole ointment: a potentially safe, painless, and effective therapy for cutaneous larva migrans during pregnancy. Trans R Soc Trop Med Hyg. 2026. doi:10.1093/trstmh/trag117
  • [15] Thielecke M, Nordin P, Ngomi N, Feldmeier H. Treatment of tungiasis with dimeticone: a proof-of-principle study in rural Kenya. PLoS Negl Trop Dis. 2014;8(7):e3058. doi:10.1371/journal.pntd.0003058
  • [16] Abrha S, Heukelbach J, Peterson GM, Christenson JK, Carroll S, Kosari S, et al. Clinical interventions for tungiasis (sand flea disease): a systematic review. Lancet Infect Dis. 2021;21(8):e234–e245. doi:10.1016/S1473-3099(20)30853-7
  • [17] Jelinek T, Nothdurft HD, Rieder N, Löscher T. Cutaneous myiasis: review of 13 cases in travelers returning from tropical countries. Int J Dermatol. 1995;34(9):624–626. doi:10.1111/j.1365-4362.1995.tb01088.x

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