Leptospirose

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Die Leptospirose ist eine weltweit verbreitete Zoonose mit über 1 Million Erkrankungen pro Jahr [1][2]. Ansteckung über Tierurin, meist über Süßwasser oder Schlamm. Typisch nach Rafting, Kajak, Überschwemmung oder Kontakt mit Nagern. Sie kommt auch in Deutschland vor, über drei Viertel der Fälle werden im Inland erworben [3].

Über 90 % der Verläufe sind mild. Gefährlich sind der Morbus Weil (Ikterus, Nierenversagen, Blutungen) und die Lungenblutung mit einer Letalität über 50 % [3][4].

Bei Verdacht sofort behandeln, ohne auf Testergebnisse zu warten [1][5]. Eine Malaria muss bei Fieber nach Reise immer ausgeschlossen werden.

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern.

Steckbrief

MerkmalLeptospirose
Erregerpathogene Leptospiren (Spirochäten), über 50 Serovare [3]
Verbreitungweltweit, höchste Inzidenz in Tropen und Subtropen. In Deutschland jährlich 37–166 gemeldete Fälle, gehäuft im Sommer und Frühherbst [3]
ÜbertragungUrin infizierter Tiere (vor allem Ratten und Mäuse, auch Hunde, Schweine, Rinder) über kleine Hautverletzungen oder Schleimhäute, meist über Wasser oder Erde [3]
ExpositionSüßwasser (Rafting, Kajak, Triathlon), Schlamm, Überschwemmung, Landwirtschaft, Kanalarbeit, Abenteuerreisen [3][1]
Inkubationmeist 7–14 Tage (2–30 Tage) [3]
Ansteckungvon Mensch zu Mensch nur selten beschrieben [3]
Isolierungkeine, Standardhygiene [3]
MeldepflichtLabormeldung nach § 7 IfSG, keine Arzt-Verdachtsmeldung [6][3]

Red Flags

Diese Zeichen sprechen für einen schweren Verlauf und erfordern stationäre, oft intensivmedizinische Behandlung [4][3][1]:

  • Atemnot, Hämoptysen oder neue Infiltrate (Lungenblutung)
  • Oligurie oder steigendes Kreatinin
  • Ikterus
  • Hypotonie oder Schock
  • Bewusstseinsstörung
  • Blutungszeichen oder ausgeprägte Thrombozytopenie
  • Herzrhythmusstörungen

Ungünstig sind besonders Bewusstseinsänderung, Oligurie, Alter über 36 Jahre und respiratorische Insuffizienz [4].

Klinik

PhaseZeitMerkmale
septikämischerste Krankheitswocheplötzliches Fieber 39–40 °C, Muskelschmerzen (typisch in den Waden), Gelenk- und Kopfschmerzen [3][4]
Immunphaseab der zweiten Wochebei einem Teil erneutes Fieber und Organbeteiligung. Aseptische Meningitis bei 5–24 % [3][4]

Morbus Weil: Ikterus mit hohem Bilirubin bei nur mäßig erhöhten Transaminasen, Nierenversagen, Blutungen [3][4]. Die Nierenbeteiligung ist oft nicht oligurisch mit Kaliumverlust [4].

Lungenblutung (schweres pulmonales Hämorrhagie-Syndrom): diffuse Alveolarblutung, Letalität über 50 % [4][1]. Weitere Komplikationen: Myokarditis, Pankreatitis, Rhabdomyolyse [3].

Die Letalität schwerer Verläufe liegt bei 5–15 % [1].

Diagnostik

Immer nach Süßwasser-, Schlamm- und Tierkontakt fragen. Die Therapie beginnt bei Verdacht, ohne auf das Ergebnis zu warten [1][5].

Nach Krankheitswoche

ZeitraumTestHinweis
erste WochePCR aus Vollblut oder Serum, bei Meningitis aus LiquorBlutkultur möglich, aber langwierig [3][1]
ab Ende der ersten WochePCR aus Urin[3][1]
ab Tag 5–7IgM-ELISAein früher negativer Befund schließt nicht aus [3][1]
ab der zweiten WocheMAT (Referenzmethode), Folgeserum nach 1–2 Wochenbeweisend ist Serokonversion oder vierfacher Titeranstieg [3][4]

Basislabor

  • Blutbild mit Thrombozyten, Kreatinin, Kalium, Bilirubin, Transaminasen, CK, Lipase, Gerinnung, Urinstatus, Blutgase. Röntgen-Thorax bei Atemsymptomen, EKG.
  • Differenzialdiagnosen: Malaria, Dengue, Rickettsiosen, Typhus, Hantavirus, Sepsis anderer Ursache.

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

SituationVorgehen
leicht, stabil, trinkt ausreichendambulant mit Doxycyclin, Wiedervorstellung bei Verschlechterung [3][5]
Red Flag, Ikterus, Nierenbeteiligung, Schwangerschaftstationär, Ceftriaxon oder Penicillin G iv, Flüssigkeit und Elektrolyte, Kalium kontrollieren [1][4]
Lungenblutung, Schock, oligurisches NierenversagenIntensivstation. Frühe Dialyse, Beatmung mit niedrigen Tidalvolumina [4][1]

Therapie

Antibiotika werden immer gegeben. Ein Mortalitätsvorteil ist in randomisierten Studien allerdings nicht sicher belegt, die Evidenz ist sehr niedrig [7].

Leichter Verlauf

  • 1. Wahl
    • Doxycyclin – 2x 100 mg po – 7 Tage [3][5]
  • Alternative (z. B. Schwangerschaft, Unverträglichkeit)
    • Azithromycin – 1x 500 mg po – 3 Tage [5][8]
    • Amoxicillin – 4x 500 mg po – 7 Tage [5]

Schwerer Verlauf

  • 1. Wahl
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv – 7 Tage
      • ABS-Empfehlung: 2 g als in der Fibel einheitliche Standarddosis. RKI und CDC nennen für Leptospirose 1x 1 g [3][5]
    • oder Penicillin G – 1,5 Mio IE alle 6 h iv – 7 Tage [3][5]
  • Hinweise
    • Ceftriaxon und Penicillin G waren in einer randomisierten Studie gleich wirksam [9]. Ceftriaxon wird wegen der einmal täglichen Gabe oft bevorzugt [3].
    • Ceftriaxon erfasst bei unklarem schwerem Fieber nach Reise auch Typhus und Meningokokken. Dazu Doxycyclin gegen Rickettsien, siehe Fieber bei Reiserückkehrern.

Jarisch-Herxheimer-Reaktion: 1–48 h nach der ersten Antibiotikagabe plötzlicher Schüttelfrost, Fieberanstieg und teils Blutdruckabfall, meist unter Penicillin. Patient:innen in den ersten Stunden nach Therapiebeginn klinisch überwachen [10][1].

Supportive Therapie

Flüssigkeit und Elektrolyte, besonders Kalium bei nicht oligurischer Nierenbeteiligung. Bei oligurischem Nierenversagen früh dialysieren. Bei Lungenblutung lungenprotektiv beatmen [4][1].

Kortikosteroide sind kein Standard. Das RKI beschreibt einen Nutzen von Methylprednisolon bei Lungenblutung, ein Cochrane-Review fand keinen gesicherten Effekt. Entscheidung im Einzelfall auf der Intensivstation [3][11].

Therapiedauer

SituationDauer
leicht, Doxycyclin oder Amoxicillin7 Tage [3][5]
leicht, Azithromycin3 Tage [5]
schwer, Ceftriaxon oder Penicillin G7 Tage [3][9]

Prävention

  • Expositionsschutz: Wunden abdecken, Stiefel tragen, nach Starkregen oder Überschwemmung nicht in Süßwasser untertauchen [3][1].
  • Für Menschen gibt es in Deutschland keinen zugelassenen Impfstoff. Hunde werden geimpft [3].

Chemoprophylaxe nur als Option

Doxycyclin 200 mg einmal wöchentlich, Beginn 1–2 Tage vor und bis zum Ende der Exposition, kann für kurze, planbare Hochrisiko-Expositionen erwogen werden, etwa Rafting nach Überschwemmung [1]. Eine Studie zeigte 95 % Schutz [12], ein Cochrane-Review aller Studien fand keinen sicheren Effekt [13]. Keine generelle Empfehlung.

Quellen & Hinweise

  • [1] Atherstone CJ, Stoddard RA. Leptospirosis. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
  • [2] Costa F, Hagan JE, Calcagno J, Kane M, Torgerson P, Martinez-Silveira MS, et al. Global morbidity and mortality of leptospirosis: a systematic review. PLoS Negl Trop Dis. 2015;9(9):e0003898. doi:10.1371/journal.pntd.0003898
  • [3] Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Leptospirose. Letzte Änderung 08/2024. rki.de
  • [4] Haake DA, Levett PN. Leptospirosis in humans. Curr Top Microbiol Immunol. 2015;387:65–97. doi:10.1007/978-3-662-45059-8_5
  • [5] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical overview of leptospirosis. Zuletzt geprüft 02.06.2026. cdc.gov
  • [6] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), § 7. gesetze-im-internet.de
  • [7] Win TZ, Han SM, Edwards T, Maung HT, Brett-Major DM, Smith C, et al. Antibiotics for treatment of leptospirosis. Cochrane Database Syst Rev. 2024;3(3):CD014960. doi:10.1002/14651858.CD014960.pub2
  • [8] Phimda K, Hoontrakul S, Suttinont C, Chareonwat S, Losuwanaluk K, Chueasuwanchai S, et al. Doxycycline versus azithromycin for treatment of leptospirosis and scrub typhus. Antimicrob Agents Chemother. 2007;51(9):3259–3263. doi:10.1128/AAC.00508-07
  • [9] Panaphut T, Domrongkitchaiporn S, Vibhagool A, Thinkamrop B, Susaengrat W. Ceftriaxone compared with sodium penicillin G for treatment of severe leptospirosis. Clin Infect Dis. 2003;36(12):1507–1513. doi:10.1086/375226
  • [10] Guerrier G, D’Ortenzio E. The Jarisch-Herxheimer reaction in leptospirosis: a systematic review. PLoS One. 2013;8(3):e59266. doi:10.1371/journal.pone.0059266
  • [11] Lee N, Han SM, Mukadi P, Edwards T, Maung HT, Smith C, et al. Corticosteroids for treatment of leptospirosis. Cochrane Database Syst Rev. 2025;7(7):CD014935. doi:10.1002/14651858.CD014935.pub2
  • [12] Takafuji ET, Kirkpatrick JW, Miller RN, Karwacki JJ, Kelley PW, Gray MR, et al. An efficacy trial of doxycycline chemoprophylaxis against leptospirosis. N Engl J Med. 1984;310(8):497–500. doi:10.1056/NEJM198402233100805
  • [13] Win TZ, Perinpanathan T, Mukadi P, Smith C, Edwards T, Han SM, et al. Antibiotic prophylaxis for leptospirosis. Cochrane Database Syst Rev. 2024;3(3):CD014959. doi:10.1002/14651858.CD014959.pub2

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