Melioidose

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Die Melioidose wird durch das Bodenbakterium Burkholderia pseudomallei verursacht. Sie wird in Südostasien und Nordaustralien über Boden und Süßwasser erworben, meist in der Regenzeit [1][2].

Leitbilder sind Pneumonie, Sepsis und Abszesse in Prostata, Milz und Leber [3][2]. Der Erreger wird im Labor leicht verkannt oder fehlbestimmt [1][4].

Die übliche empirische Sepsistherapie mit Ceftriaxon, oft zusammen mit Gentamicin, erfasst den Erreger nicht sicher. Wirksam sind Ceftazidim und Meropenem [5][1][6].

In Deutschland ist die Melioidose selten und tritt fast nur bei Reiserückkehrern auf. Importierte Fälle sind beschrieben, zum Teil zunächst als Tuberkulose verkannt [7][8].

Die Therapie hat zwei Phasen: Intensivphase iv über 2–8 Wochen je nach Fokus, danach Eradikation mit Cotrimoxazol über 3–6 Monate [6].

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern, Sepsis und septischer Schock und Tuberkulose.

Steckbrief

MerkmalMelioidose
ErregerBurkholderia pseudomallei, gramnegatives Stäbchen aus Boden und Oberflächenwasser [1]
VerbreitungSüdostasien (vor allem Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, Malaysia), Nordaustralien, Südasien. Zunehmend erkannt in Afrika, auf Pazifikinseln und in Amerika [1][2]. Reisefälle stammen zu 39 % aus Thailand [9]
ÜbertragungInokulation über Hautverletzungen (Boden, Schlamm, Reisfeld, Hochwasser), Inhalation bei Sturm und Starkregen, Aufnahme von verunreinigtem Wasser. Von Mensch zu Mensch extrem selten [2][10]
Inkubationmeist 1–21 Tage, im Mittel 9 Tage. Etwa 10 % verlaufen chronisch über mehr als 2 Monate. Reaktivierung nach Jahren bis Jahrzehnten möglich [3][1][2]
RisikofaktorenDiabetes, riskanter Alkoholkonsum, chronische Nieren- und Lungenerkrankung, Thalassämie, Immunsuppression [11][2]. Bei Reisenden hatten nur 28 % einen Diabetes [9]
Letalitätbei Reisenden 12,6 %, bei Sepsis 23,1 % [9]. Mit früher Diagnose, gezielter Therapie und Intensivmedizin unter 10 % [11]
Isolierungkeine, Standardhygiene. Übertragung von Mensch zu Mensch extrem selten [10]
Meldepflichtkeine erregerspezifische Meldepflicht. Nur die Generalklauseln § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 und § 7 Abs. 2, etwa bei Häufung [12]

Red Flags

  • Sepsis oder septischer Schock nach Aufenthalt in Südostasien oder Nordaustralien, besonders mit Diabetes, Alkohol oder Niereninsuffizienz. Schock bei 21 %, davon starb die Hälfte [3].
  • Kavernöse Pneumonie mit negativer Tuberkulose-Diagnostik [7].
  • Mehrere Abszesse in Prostata, Milz oder Leber. Ein Prostataabszess fand sich bei 20 % der Männer [3].
  • Neurologische Zeichen (Meningoenzephalitis, Hirnstammbefall, Myelitis) [3][1].
  • Blutkulturen an Tag 7 noch positiv: Intensivphase verlängern [6].
  • Labor meldet Pseudomonas, Burkholderia cepacia oder eine Kontaminante bei passender Reiseanamnese: an eine Fehlbestimmung denken [1][4].

Bei Verdacht auf Melioidose kein Ceftriaxon. Die übliche empirische Sepsistherapie erfasst B. pseudomallei nicht sicher. Begründung im Abschnitt „Warum kein Ceftriaxon“.

Labor vor dem Versand von Blutkultur, Urin, Sputum, Eiter oder Punktat telefonisch vorwarnen. Laborinfektionen sind beschrieben, unter anderem nach Fehlbestimmung als B. cepacia [4].

Klinik

FormMerkmale
Pneumoniehäufigste Form (51 %), von leichter Bronchitis bis zur schweren Pneumonie mit Sepsis. Im Röntgenbild oft wie Tuberkulose mit Oberlappeninfiltrat und Kaverne [3][2][7]
Bakteriämiebei etwa 55 % der Erkrankten, auch ohne erkennbaren Fokus (11 %) [3]
Urogenital14 %, Prostataabszess bei 20 % der Männer, meist mit Drainage [3]
Haut13 %, Ulkus, Knoten oder Hautabszess [3][2]
Abszesse in Milz, Leber, Niereoft ohne lokale Beschwerden, deshalb gezielt suchen [3][2]
Knochen und Gelenke4 %, Osteomyelitis und septische Arthritis [3]
Neurologisch3 %, Meningoenzephalitis, Hirnstammenzephalitis, Myelitis, Hirnabszess [3]
Chronisch und latentVerlauf über mehr als 2 Monate bei etwa 10 %. Erkrankung Jahre nach der Reise möglich, oft ausgelöst durch neuen Diabetes, Steroide oder Immunsuppression [2][1]

Diagnostik

MethodeHinweis
Blutkulturenimmer mehrere Paare vor Therapiebeginn. Bakteriämie bei 40–60 % [1]
Kultur aus weiteren MaterialienUrin, Sputum, Rachenabstrich, Eiter, Gelenkpunktat, Liquor. Die Kultur ist der Goldstandard, ihre Sensitivität liegt bei etwa 60 % [2][1]
Identifizierungautomatisierte Systeme bestimmen den Erreger nicht selten falsch, etwa als Pseudomonas oder Bacillus. Verdacht auf dem Anforderungsschein vermerken [1][4]
PCRaus Gewebe bei negativer Kultur möglich, Spezialdiagnostik über ein Referenzlabor [7]
Serologienur ergänzend. In Endemiegebieten wegen hoher Hintergrund-Seroprävalenz unzuverlässig [1]
CT Abdomen und Beckenbei allen Erkrankten, um Abszesse in Prostata, Milz, Leber und Niere zu finden. Der Befund bestimmt die Therapiedauer [3][6]
ThoraxbildgebungRöntgen, bei Kaverne oder Verdacht auf vergrößerte Lymphknoten CT. Hiläre oder mediastinale Lymphknoten über 10 mm verlängern die Intensivphase [6]

Bei Fieber nach Tropenaufenthalt immer parallel eine Malaria ausschließen, bei Kaverne parallel Tuberkulose-Diagnostik [7].

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

SchrittVorgehen
ReiseanamneseRoute (ländliches Südostasien, Nordaustralien, Südasien), Dauer, Regenzeit, Kontakt zu Boden und Süßwasser (Reisfeld, Trekking, Hochwasser, Barfußlaufen), Hautverletzungen, Unwetter. Auch Aufenthalte vor Jahren erfragen [2][1]
Inkubationmeist 1–21 Tage. Ein längerer Abstand schließt die Melioidose nicht aus [3][2]
SofortBlutkulturen vor dem Antibiotikum, Labor vorwarnen, Malaria ausschließen [4]
Sepsis oder schwere Pneumonieempirisch Meropenem, siehe Therapie. Infektiologie hinzuziehen
StationCT Abdomen und Becken. Abszesse drainieren, ein Prostataabszess braucht meist eine Drainage [3]

Behandlung im Reiseland

In Thailand folgen auf mindestens 10 Tage iv-Therapie oft 20 Wochen Cotrimoxazol [5][13]. Nach der Rückkehr die Dauer der Intensivphase nach Fokus prüfen und das CT Abdomen und Becken nachholen (Expertenempfehlung, ohne direkte Quelle).

Warum kein Ceftriaxon

  • B. pseudomallei ist intrinsisch resistent gegen Aminoglykoside (Gentamicin), Polymyxine (Colistin), Penicilline, Makrolide und Cephalosporine der 1. und 2. Generation [5][1].
  • Unter den Cephalosporinen empfehlen alle Leitlinien und Übersichten nur Ceftazidim. Für Ceftriaxon und Cefotaxim fand sich keine Empfehlung [5][1][6].
  • Die übliche empirische Sepsistherapie mit Ceftriaxon, oft mit Gentamicin kombiniert, erfasst den Erreger deshalb nicht sicher.
  • Piperacillin/Tazobactam und Amoxicillin-Clavulansäure wirken in vitro oft [14]. Für die Intensivphase empfiehlt sie keine Leitlinie [5][1].
  • Fluorchinolone haben nur eine begrenzte In-vitro-Wirkung und werden nicht empfohlen [1].

Folgerung: Bei Sepsis nach Aufenthalt in Südostasien oder Nordaustralien von Beginn an Meropenem oder Ceftazidim geben, nicht erst nach dem Erregernachweis (Expertenempfehlung, ohne direkte Quelle).

Therapie

Empirisch bei Sepsis oder schwerer Pneumonie

  • 1. Wahl
    • Meropenem – 3x 1 g iv [1][5]
      • erfasst zugleich ESBL-Bildner und andere Erreger nach Reisen in Südostasien
      • Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
      • ZNS-Befall: 3x 2 g iv [1]
  • Hinweise

Intensivphase gezielt

  • 1. Wahl
    • Ceftazidim – 4x 2 g iv [1]
      • Auf Normalstation als Kurzinfusion. Auf ITS/IMC auch kontinuierlich 6 g/24 h nach 2 g Bolus möglich [5]
      • Dance nennt alternativ 3x 2 g [5]
  • Alternative
    • Meropenem – 3x 1 g iv, bei ZNS-Befall 3x 2 g iv [1]
      • bei Intensivpflicht, persistierender Bakteriämie oder neurologischer Melioidose [1][5]
  • zusätzlich
    • Cotrimoxazol oral – gewichtsadaptiert wie in der Eradikation (Expertenempfehlung, ohne direkte Quelle)
      • bei Haut, Osteomyelitis, septischer Arthritis, ZNS-Befall und tiefen Abszessen [6][2]
  • Hinweise
    • Dosis an die Nierenfunktion anpassen, siehe Dosierung bei Niereninsuffizienz.
    • Bei Penicillinallergie immer PEN-FAST. Ein Nicht-Betalaktam für die Intensivphase gibt es nicht. Entscheidung mit der Infektiologie (Expertenempfehlung, ohne direkte Quelle).

Eradikation (oral)

  • 1. Wahl
    • Cotrimoxazol – nach Körpergewicht, jeweils alle 12 h [5][1]
      • über 60 kg: 2x 320/1600 mg
      • 40–60 kg: 2x 240/1200 mg
      • unter 40 kg: 2x 160/800 mg
      • plus Folsäure 5 mg 1x täglich [1]
      • Cotrimoxazol allein reicht. Die Kombination mit Doxycyclin senkte die Rezidive nicht und hatte mehr Nebenwirkungen [13]
  • Alternativen bei Unverträglichkeit, Resistenz oder Schwangerschaft
    • Amoxicillin-Clavulansäure, mit höherer Rezidivrate [5]. Die Dosis unterscheidet sich zwischen den Quellen, Festlegung mit der Infektiologie.
    • Doxycyclin ist eine weitere Alternative [2][1].

Cotrimoxazol in dieser Dosis ist häufig schlecht verträglich. Nebenwirkungen bei 51 %, akute Nierenschädigung bei 25 %, schwere Hautreaktionen bei 2 % [15]. Neutropene Sepsis ist beschrieben [16].

Kontrollen unter Cotrimoxazol: Blutbild, Kreatinin, Kalium und Natrium im ersten Monat wöchentlich, danach alle 4 Wochen (Expertenempfehlung, ohne direkte Quelle). Wöchentliche Blutbildkontrollen empfehlen auch Jayaweera und Ranasinghe [16].

Therapiedauer

Mindestdauer nach der Darwin-Leitlinie 2020 [6]:

FokusIntensivphase ivEradikation
Haut, Bakteriämie ohne Fokus, Pneumonie in einem Lappen mit negativer Blutkultur2 Wochen3 Monate
Pneumonie in mehreren Lappen oder in einem Lappen mit positiver Blutkultur3 Wochen3 Monate
Pneumonie mit vergrößerten Lymphknoten, mit Intensivpflicht oder mehrlappig mit positiver Blutkultur4 Wochen3 Monate
tiefer Abszess (z. B. Prostata, Leber, Milz, Niere), septische Arthritis4 Wochen ab der letzten kulturpositiven Drainage3 Monate
Osteomyelitis6 Wochen6 Monate
ZNS-Infektion8 Wochen6 Monate
arterielle Infektion8 Wochen6 Monate, nach Gefäßprothese evtl. lebenslang
  • Intensivphase verlängern, wenn die Besserung langsam ist oder die Blutkultur an Tag 7 noch positiv ist [6].
  • Die Eradikation zählt ab dem Tag nach der letzten iv-Gabe [6].
  • Ältere Quellen nennen 10–14 Tage iv [5]. Die Fibel folgt der fokusbezogenen Darwin-Leitlinie.
  • Eine unvollständige Therapie führt zu Rückfällen, meist innerhalb von 1–2 Jahren [2].

Prävention

  • Kein Impfstoff zugelassen [1].
  • Stiefel bei Kontakt mit Boden und Wasser. Menschen mit offenen Wunden, Diabetes oder Nierenerkrankung meiden Erde und stehendes Wasser [10].
  • Nach Laborexposition Postexpositionsprophylaxe mit Cotrimoxazol über 21 Tage [4][5][2]. Eine Chemoprophylaxe für Reisende gibt es nicht.

Quellen & Hinweise

  • [1] Wiersinga WJ, Virk HS, Torres AG, Currie BJ, Peacock SJ, Dance DAB, et al. Melioidosis. Nat Rev Dis Primers. 2018;4:17107. doi:10.1038/nrdp.2017.107
  • [2] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical overview of melioidosis. Stand 30.09.2025. cdc.gov
  • [3] Currie BJ, Ward L, Cheng AC. The epidemiology and clinical spectrum of melioidosis: 540 cases from the 20 year Darwin prospective study. PLoS Negl Trop Dis. 2010;4(11):e900. doi:10.1371/journal.pntd.0000900
  • [4] Peacock SJ, Schweizer HP, Dance DAB, Smith TL, Gee JE, Wuthiekanun V, et al. Management of accidental laboratory exposure to Burkholderia pseudomallei and B. mallei. Emerg Infect Dis. 2008;14(7):e2. doi:10.3201/eid1407.071501
  • [5] Dance D. Treatment and prophylaxis of melioidosis. Int J Antimicrob Agents. 2014;43(4):310–318. doi:10.1016/j.ijantimicag.2014.01.005
  • [6] Sullivan RP, Marshall CS, Anstey NM, Ward L, Currie BJ. 2020 Review and revision of the 2015 Darwin melioidosis treatment guideline, paradigm drift not shift. PLoS Negl Trop Dis. 2020;14(9):e0008659. doi:10.1371/journal.pntd.0008659
  • [7] Gottschalk C, Stojković M, Zange S, Wolf P, Klein JAF. A case of pulmonary melioidosis in Germany: a rare differential diagnosis in returning travelers from South-East Asia. Infection. 2024;52(5):1671–1676. doi:10.1007/s15010-024-02253-6
  • [8] Ekoka Mbassi D, Abdelrahim AG, Grewe I, et al. Melioidosis imported to Northern Germany: a case report series. Infection. 2026;54(2):991–1000. doi:10.1007/s15010-025-02692-9
  • [9] Thanasai J, Phongphithakchai A, Chatatikun M, et al. Travel-associated melioidosis in non-endemic regions: a systematic review and meta-analysis. Int J Environ Res Public Health. 2025;23(1):36. doi:10.3390/ijerph23010036
  • [10] Centers for Disease Control and Prevention. About melioidosis. Stand 28.08.2025. cdc.gov
  • [11] Currie BJ, Mayo M, Ward LM, Kaestli M, Meumann EM, Webb JR, et al. The Darwin Prospective Melioidosis Study: a 30-year prospective, observational investigation. Lancet Infect Dis. 2021;21(12):1737–1746. doi:10.1016/S1473-3099(21)00022-0
  • [12] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de
  • [13] Chetchotisakd P, Chierakul W, Chaowagul W, Anunnatsiri S, Phimda K, Mootsikapun P, et al. Trimethoprim-sulfamethoxazole versus trimethoprim-sulfamethoxazole plus doxycycline as oral eradicative treatment for melioidosis (MERTH): a multicentre, double-blind, non-inferiority, randomised controlled trial. Lancet. 2014;383(9919):807–814. doi:10.1016/S0140-6736(13)61951-0
  • [14] Hsueh PR, Teng LJ, Lee LN, Yu CJ, Yang PC, Ho SW, et al. Melioidosis: an emerging infection in Taiwan? Emerg Infect Dis. 2001;7(3):428–433. doi:10.3201/eid0703.010310
  • [15] Martin GE, Bramwell J, et al. Adverse reactions to trimethoprim/sulfamethoxazole for melioidosis eradication therapy: an evaluation of frequency and risk factors. Int J Infect Dis. 2025;150:107283. doi:10.1016/j.ijid.2024.107283
  • [16] Jayaweera JAAS, Ranasinghe G. Development of neutropenic sepsis during the eradication phase with co-trimoxazole in patients with melioidosis: two case reports. Germs. 2023;13(3):266–272. doi:10.18683/germs.2023.1393

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