Kurzüberblick
Strongyloides stercoralis (Zwergfadenwurm) dringt bei Kontakt mit Erdboden durch die Haut ein. Durch Autoinfektion im Darm bleibt die Infektion über Jahrzehnte bestehen, meist ohne Beschwerden [1].
Unter Kortikosteroiden, bei HTLV-1 oder nach Transplantation kann ein Hyperinfektionssyndrom oder eine Dissemination mit gramnegativer Sepsis und Meningitis entstehen. Die Letalität liegt bei etwa 60 %, ohne Therapie nahe 100 % [2][3].
Kernbotschaft: Vor Kortikosteroiden bei Menschen aus Endemiegebieten an Strongyloides denken. Eine fehlende Eosinophilie schließt nichts aus [2]. Der Herkunftsort und lange zurückliegende Aufenthalte zählen, nicht nur die letzte Reise.
Siehe auch Hautveränderungen nach Reise, Diarrhö bei Reiserückkehrern und Schistosomiasis.
Steckbrief
| Merkmal | Strongyloidiasis |
|---|---|
| Erreger | Strongyloides stercoralis (Nematode), selten S. fuelleborni (Afrika, Papua-Neuguinea) [1] |
| Verbreitung | Tropen und Subtropen weltweit, ländlich und bei schlechter Sanitärversorgung. Geschätzt etwa 600 Millionen Infizierte [1][4] |
| Übertragung | Larven im Boden durchdringen die Haut, typisch beim Barfußlaufen oder bei Feldarbeit. Autoinfektion im Darm. Selten über Spenderorgane [1][2] |
| Latenz | Manifestation bis Jahrzehnte nach dem letzten Aufenthalt im Endemiegebiet möglich [1][5] |
| Besonders gefährdet | Migrantinnen und Migranten aus Endemiegebieten, Langzeitaufenthalte über 1 Jahr in ländlichen Endemiegebieten [5] |
| Isolierung | keine, Standardhygiene |
| Meldepflicht | keine nach IfSG |
Red Flags
- Geplante oder laufende Kortikosteroidtherapie bei Herkunft aus oder langem Aufenthalt in Endemiegebieten, auch Jahrzehnte zurückliegend. Eine Dissemination ist schon innerhalb einer Woche nach Steroidbeginn beschrieben [6]. Auch kurze Hochdosis-Stöße bei Asthma- oder COPD-Exazerbation zählen [3].
- Gramnegative Bakteriämie oder Meningitis durch Darmbakterien ohne erkennbaren Fokus, besonders wiederholt und unter Immunsuppression [3][2].
- Lungeninfiltrate, Hämoptysen oder respiratorische Insuffizienz zusammen mit Bauchschmerz, Ileus oder gastrointestinaler Blutung unter Immunsuppression [3].
- HTLV-1-Infektion bei nachgewiesener Strongyloidiasis [2].

Vor Kortikosteroiden oder anderer Immunsuppression bei Menschen aus Endemiegebieten an Strongyloides denken. Kortikosteroide sind in 67 % der schweren Verläufe der Auslöser [2]. Die Steroidgabe nicht verzögern, aber Serologie abnehmen und Ivermectin geben (siehe Vorgehen).

Eine fehlende Eosinophilie schließt eine Hyperinfektion nicht aus. Nur 16–22 % der schweren Verläufe hatten eine Eosinophilie [2].
Klinik
| Form | Merkmale |
|---|---|
| Eintritt und Lungenpassage | lokales Exanthem an der Eintrittsstelle, trockener Husten und Trachealreizung bei der Larvenwanderung [1][3] |
| chronische Infektion | oft ohne Beschwerden. Epigastrischer Schmerz, Völlegefühl, Sodbrennen, kurze Episoden von Durchfall und Verstopfung. Eosinophilie bei bis zu 75 % [3][1] |
| Larva currens | wiederkehrendes, streifenförmiges, juckendes Exanthem durch Autoinfektion, vor allem perianal, an Gesäß und Rumpf. Wandert mehrere Zentimeter pro Stunde, bis 10 cm/h [3]. Die Larva migrans cutanea wandert dagegen langsam (siehe Hautveränderungen nach Reise) |
| Hyperinfektionssyndrom | massiv gesteigerte Larvenlast in Darm und Lunge: Ileus, gastrointestinale Blutung, Pneumonitis, Hämoptysen, respiratorische Insuffizienz [3] |
| disseminierte Strongyloidiasis | Larven in weiteren Organen, auch im ZNS. Gramnegative Sepsis und Meningitis durch Darmbakterien, die mit den Larven die Darmwand durchdringen (E. coli, Streptococcus bovis, polymikrobiell) [3][2] |
Im Review von 244 schweren Verläufen lag die Letalität bei 62,7 %. Ohne Therapie verstarben alle. 24 % der Fälle wurden in Europa diagnostiziert, 12 % erst nach dem Tod [2].
Diagnostik
| Test | Stellenwert |
|---|---|
| Serologie (ELISA) | Screeningtest der Wahl. Empfindlichkeit etwa 90 %, Spezifität etwa 99 % [5]. Kreuzreaktionen mit Filarien, Schistosomen und Spulwürmern. Unter Immunsuppression falsch negativ möglich [1][2] |
| Agarplattenkultur | empfindlichste Stuhlmethode, etwa 89 % [5][1] |
| Stuhlmikroskopie | wenig empfindlich, oft mehrere Untersuchungen nötig [3] |
| PCR aus Stuhl | verfügbar, Empfindlichkeit in den gelesenen Quellen nicht beziffert [1] |
| Sputum, Bronchiallavage, Liquor | bei Hyperinfektion reichlich Larven, Direktnachweis dort meist leicht [3] |
| Differenzialblutbild | Eosinophilie häufig bei chronischer Infektion, bei schweren Verläufen meist fehlend [3][2] |
- Bei Immunsuppression Serologie und eine Stuhlmethode (Agarplatte oder PCR) kombinieren, möglichst vor Beginn der Immunsuppression [5].
- Strongyloides gehört in die Stuhldiagnostik bei persistierender Diarrhö mit Eosinophilie nach Fernreise [7].
- HTLV-1-Serologie bei schwerem Verlauf oder Rückfall (Expertenempfehlung, abgeleitet aus den Risikodaten [2]).
Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz
Anamnese
- Geburtsland, Jahre in Tropen und Subtropen, ländliche Aufenthalte, Feldarbeit, Militär- oder Entwicklungsdienst, auch lange zurückliegend [5][1].
- Bodenkontakt: Barfußlaufen, Sandalen, Liegen auf dem Boden.
- Geplante Immunsuppression: Kortikosteroide (auch Stoßtherapie), Biologika, Chemotherapie, Transplantation, hämatologische Neoplasie [5][2].
Wen untersuchen
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Herkunft aus Endemiegebieten oder langer Aufenthalt mit Bodenkontakt, Immunsuppression geplant | Serologie plus Stuhl (Agarplatte oder PCR) vor Beginn. Bei positivem Befund Ivermectin vor oder spätestens mit Beginn der Immunsuppression [5][6] |
| dieselbe Exposition, dringliche Steroidgabe (Notaufnahme, Exazerbation, Schock) | Steroid nicht verzögern. Serologie abnehmen und Ivermectin 200 µg/kg einmalig geben, ohne auf das Ergebnis zu warten (ABS-Empfehlung, gestützt auf [2][5]) |
| Migrantinnen und Migranten aus Endemiegebieten ohne Immunsuppression | Screening mit Serologie empfohlen [5] |
| Kurzreisende | nur bei Beschwerden (Larva currens, Bauchbeschwerden) oder Eosinophilie (Expertenempfehlung) |
| Organspende aus Endemiegebieten | Spender und Empfänger mit Exposition untersuchen, positive Empfänger behandeln [8] |

Vor Ivermectin bei Aufenthalt in Regenwaldgebieten West- und Zentralafrikas eine Loa-loa-Infektion ausschließen (Mikrofilarien im Tagesblut). Bei hoher Loa-loa-Mikrofilarämie drohen schwere neurologische Nebenwirkungen [9][10].
Verdacht auf Hyperinfektion oder Dissemination
- Stationär, bei Sepsis oder respiratorischer Insuffizienz ITS/IMC. Siehe Sepsis und septischer Schock.
- Ivermectin sofort, nicht auf den Befund warten [2].
- Immunsuppression reduzieren oder absetzen, wo möglich [9][6].
- Blutkulturen, Sputum oder Bronchiallavage und Stuhl auf Larven, bei neurologischen Zeichen Lumbalpunktion.
- Tropenmedizin früh einbeziehen.
Therapie
Unkomplizierte Strongyloidiasis
- 1. Wahl
- Ivermectin – 200 µg/kg KG po einmalig, nüchtern mit Wasser [5][9]
- Einmalgabe ist vier Gaben gleichwertig (86 % gegenüber 85 % Heilung) und besser verträglich [11]
- Tabletten zu 3 mg, auf ganze Tabletten aufrunden (z. B. 70 kg: 15 mg)
- nicht unter 15 kg [9][10]
- Ivermectin – 200 µg/kg KG po einmalig, nüchtern mit Wasser [5][9]
- Alternative
- Albendazol – 2x 400 mg po – 7 Tage [9]
- wirkt schlechter als Ivermectin [12]
- in Deutschland nur als „Behandlungsversuch“ mit 1x 400 mg über 3 Tage zugelassen [13]
- in der Schwangerschaft kontraindiziert [13]
- Albendazol – 2x 400 mg po – 7 Tage [9]
Hyperinfektion und disseminierte Strongyloidiasis
- 1. Wahl
- Ivermectin – 200 µg/kg KG po täglich, bis Stuhl und Sputum über 2 Wochen negativ sind [9][6]
- Off-Label, zugelassen ist nur die Einmalgabe [10]
- Ivermectin – 200 µg/kg KG po täglich, bis Stuhl und Sputum über 2 Wochen negativ sind [9][6]
- Zusätzlich
- Immunsuppression reduzieren [9][6].
- Unter Ivermectin allein lag die Letalität im Review bei 47 %, unter Albendazol allein bei 73 % [2].
- Hinweis
- Bei Ileus oder fehlender Resorption ist rektale Gabe beschrieben. Ein subkutanes Ivermectin gibt es nur als Tierarzneimittel, in Deutschland nicht für Menschen zugelassen. Nur nach Rücksprache mit einem Tropenzentrum [9][6].
Begleitende Antibiotikatherapie bei Hyperinfektion
Keine Quelle nennt ein festes Schema. Das Erregerspektrum sind Darmbakterien: Enterobacterales, Enterokokken, S. bovis, oft polymikrobiell [3][2]. Die Auswahl ist eine ABS-Empfehlung.
- Sepsis ohne Meningitis
- Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
- bei ESBL-Kolonisation oder Vortherapie Carbapenem, siehe Piperacillin/Tazobactam oder Carbapenem?
- Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
- Verdacht auf Meningitis
- Ceftriaxon – 2x 2 g iv
- Meningitis-Dosis, indikationsbedingt höher als der Fibel-Standard 1x 2 g
- plus Ampicillin – iv in Meningitis-Dosis nach der Leitlinie bakterielle Meningitis
- erfasst Enterokokken und Listerien
- Ceftriaxon – 2x 2 g iv
- Hinweise
- Bei Penicillinallergie zuerst PEN-FAST.
- Fluorchinolone sind Reserve.
- Antibiotika ersetzen Ivermectin nicht. Ohne Elimination der Larven kehrt die Bakteriämie wieder [3].

Schwangerschaft und Stillzeit
Ivermectin nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung, Albendazol ist kontraindiziert [10][13][9]. Bei Hyperinfektion hat die Lebensgefahr der Mutter Vorrang (Expertenempfehlung).

Verfügbarkeit
Ivermectin 3 mg ist in Deutschland zugelassen für gastrointestinale Strongyloidiasis, Mikrofilarämie durch Wuchereria bancrofti und Skabies. Für das Erstpräparat besteht laut Gelber Liste ein Lieferengpass (Meldung vom 07.08.2026), Generika sind gelistet [10]. Stand 26.10.2026.
Therapiedauer und Kontrolle
| Situation | Dauer |
|---|---|
| unkompliziert | Ivermectin einmalig [5][11] |
| Hyperinfektion, Dissemination | Ivermectin täglich bis 2 Wochen negative Stuhl- und Sputumbefunde [9] |
- Stuhlkontrolle 2–4 Wochen nach Therapie [9].
- Serologie zu Beginn und nach 6 und 12 Monaten. Therapieversagen, wenn der Wert nach 12 Monaten nicht um mindestens 50 % fällt [5].
- Unter Immunsuppression kann die Infektion nach Einmalgabe bestehen bleiben, dann wiederholte Gabe erwägen [10].
Prävention
- Schuhe tragen, nicht barfuß auf möglicherweise fäkal verunreinigtem Boden laufen oder liegen [1].
- Wichtigste Maßnahme ist die Sekundärprävention: Screening und Therapie vor Immunsuppression [5][2].
- Keine Impfung, keine medikamentöse Prophylaxe für Reisende.
Quellen & Hinweise
- [1] Centers for Disease Control and Prevention. DPDx – Strongyloidiasis. cdc.gov
- [2] Buonfrate D, Requena-Mendez A, Angheben A, Muñoz J, Gobbi F, Van Den Ende J, et al. Severe strongyloidiasis: a systematic review of case reports. BMC Infect Dis. 2013;13:78. doi:10.1186/1471-2334-13-78
- [3] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical overview of Strongyloides. Stand 11.02.2026. cdc.gov
- [4] Buonfrate D, Bisanzio D, Giorli G, Odermatt P, Fürst T, Greenaway C, et al. The global prevalence of Strongyloides stercoralis infection. Pathogens. 2020;9(6):468. doi:10.3390/pathogens9060468
- [5] Requena-Méndez A, Buonfrate D, Gomez-Junyent J, Zammarchi L, Bisoffi Z, Muñoz J. Evidence-based guidelines for screening and management of strongyloidiasis in non-endemic countries. Am J Trop Med Hyg. 2017;97(3):645–652. doi:10.4269/ajtmh.16-0923
- [6] Mejia R, Nutman TB. Screening, prevention, and treatment for hyperinfection syndrome and disseminated infections caused by Strongyloides stercoralis. Curr Opin Infect Dis. 2012;25(4):458–463. doi:10.1097/QCO.0b013e3283551dbd
- [7] Manthey CF, Epple HJ, Keller KM, Lübbert C, Posovszky C, Ramharter M, et al. S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). AWMF-Register 021-024. Z Gastroenterol. 2024;62(7):1090–1149. doi:10.1055/a-2240-1428
- [8] La Hoz RM, Morris MI, AST Infectious Diseases Community of Practice. Intestinal parasites including Cryptosporidium, Cyclospora, Giardia, and Microsporidia, Entamoeba histolytica, Strongyloides, Schistosomiasis, and Echinococcus: guidelines from the American Society of Transplantation Infectious Diseases Community of Practice. Clin Transplant. 2019;33(9):e13618. doi:10.1111/ctr.13618
- [9] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of Strongyloides. Stand 16.02.2024. cdc.gov
- [10] Gelbe Liste Pharmindex. Wirkstoff Ivermectin (Anwendungsgebiete, Lieferengpassmeldung). Abgerufen 26.10.2026. gelbe-liste.de
- [11] Buonfrate D, Salas-Coronas J, Muñoz J, Maruri BT, Rodari P, Castelli F, et al. Multiple-dose versus single-dose ivermectin for Strongyloides stercoralis infection (Strong Treat 1 to 4): a multicentre, open-label, phase 3, randomised controlled superiority trial. Lancet Infect Dis. 2019;19(11):1181–1190. doi:10.1016/S1473-3099(19)30289-0
- [12] Henriquez-Camacho C, Gotuzzo E, Echevarria J, White AC, Terashima A, Samalvides F, et al. Ivermectin versus albendazole or thiabendazole for Strongyloides stercoralis infection. Cochrane Database Syst Rev. 2016;(1):CD007745. doi:10.1002/14651858.CD007745.pub3
- [13] Gelbe Liste Pharmindex. Wirkstoff Albendazol. Abgerufen 26.10.2026. gelbe-liste.de
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