Strongyloidiasis

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Strongyloides stercoralis (Zwergfadenwurm) dringt bei Kontakt mit Erdboden durch die Haut ein. Durch Autoinfektion im Darm bleibt die Infektion über Jahrzehnte bestehen, meist ohne Beschwerden [1].

Unter Kortikosteroiden, bei HTLV-1 oder nach Transplantation kann ein Hyperinfektionssyndrom oder eine Dissemination mit gramnegativer Sepsis und Meningitis entstehen. Die Letalität liegt bei etwa 60 %, ohne Therapie nahe 100 % [2][3].

Kernbotschaft: Vor Kortikosteroiden bei Menschen aus Endemiegebieten an Strongyloides denken. Eine fehlende Eosinophilie schließt nichts aus [2]. Der Herkunftsort und lange zurückliegende Aufenthalte zählen, nicht nur die letzte Reise.

Siehe auch Hautveränderungen nach Reise, Diarrhö bei Reiserückkehrern und Schistosomiasis.

Steckbrief

MerkmalStrongyloidiasis
ErregerStrongyloides stercoralis (Nematode), selten S. fuelleborni (Afrika, Papua-Neuguinea) [1]
VerbreitungTropen und Subtropen weltweit, ländlich und bei schlechter Sanitärversorgung. Geschätzt etwa 600 Millionen Infizierte [1][4]
ÜbertragungLarven im Boden durchdringen die Haut, typisch beim Barfußlaufen oder bei Feldarbeit. Autoinfektion im Darm. Selten über Spenderorgane [1][2]
LatenzManifestation bis Jahrzehnte nach dem letzten Aufenthalt im Endemiegebiet möglich [1][5]
Besonders gefährdetMigrantinnen und Migranten aus Endemiegebieten, Langzeitaufenthalte über 1 Jahr in ländlichen Endemiegebieten [5]
Isolierungkeine, Standardhygiene
Meldepflichtkeine nach IfSG

Red Flags

  • Geplante oder laufende Kortikosteroidtherapie bei Herkunft aus oder langem Aufenthalt in Endemiegebieten, auch Jahrzehnte zurückliegend. Eine Dissemination ist schon innerhalb einer Woche nach Steroidbeginn beschrieben [6]. Auch kurze Hochdosis-Stöße bei Asthma- oder COPD-Exazerbation zählen [3].
  • Gramnegative Bakteriämie oder Meningitis durch Darmbakterien ohne erkennbaren Fokus, besonders wiederholt und unter Immunsuppression [3][2].
  • Lungeninfiltrate, Hämoptysen oder respiratorische Insuffizienz zusammen mit Bauchschmerz, Ileus oder gastrointestinaler Blutung unter Immunsuppression [3].
  • HTLV-1-Infektion bei nachgewiesener Strongyloidiasis [2].

Vor Kortikosteroiden oder anderer Immunsuppression bei Menschen aus Endemiegebieten an Strongyloides denken. Kortikosteroide sind in 67 % der schweren Verläufe der Auslöser [2]. Die Steroidgabe nicht verzögern, aber Serologie abnehmen und Ivermectin geben (siehe Vorgehen).

Eine fehlende Eosinophilie schließt eine Hyperinfektion nicht aus. Nur 16–22 % der schweren Verläufe hatten eine Eosinophilie [2].

Klinik

FormMerkmale
Eintritt und Lungenpassagelokales Exanthem an der Eintrittsstelle, trockener Husten und Trachealreizung bei der Larvenwanderung [1][3]
chronische Infektionoft ohne Beschwerden. Epigastrischer Schmerz, Völlegefühl, Sodbrennen, kurze Episoden von Durchfall und Verstopfung. Eosinophilie bei bis zu 75 % [3][1]
Larva currenswiederkehrendes, streifenförmiges, juckendes Exanthem durch Autoinfektion, vor allem perianal, an Gesäß und Rumpf. Wandert mehrere Zentimeter pro Stunde, bis 10 cm/h [3]. Die Larva migrans cutanea wandert dagegen langsam (siehe Hautveränderungen nach Reise)
Hyperinfektionssyndrommassiv gesteigerte Larvenlast in Darm und Lunge: Ileus, gastrointestinale Blutung, Pneumonitis, Hämoptysen, respiratorische Insuffizienz [3]
disseminierte StrongyloidiasisLarven in weiteren Organen, auch im ZNS. Gramnegative Sepsis und Meningitis durch Darmbakterien, die mit den Larven die Darmwand durchdringen (E. coli, Streptococcus bovis, polymikrobiell) [3][2]

Im Review von 244 schweren Verläufen lag die Letalität bei 62,7 %. Ohne Therapie verstarben alle. 24 % der Fälle wurden in Europa diagnostiziert, 12 % erst nach dem Tod [2].

Diagnostik

TestStellenwert
Serologie (ELISA)Screeningtest der Wahl. Empfindlichkeit etwa 90 %, Spezifität etwa 99 % [5]. Kreuzreaktionen mit Filarien, Schistosomen und Spulwürmern. Unter Immunsuppression falsch negativ möglich [1][2]
Agarplattenkulturempfindlichste Stuhlmethode, etwa 89 % [5][1]
Stuhlmikroskopiewenig empfindlich, oft mehrere Untersuchungen nötig [3]
PCR aus Stuhlverfügbar, Empfindlichkeit in den gelesenen Quellen nicht beziffert [1]
Sputum, Bronchiallavage, Liquorbei Hyperinfektion reichlich Larven, Direktnachweis dort meist leicht [3]
DifferenzialblutbildEosinophilie häufig bei chronischer Infektion, bei schweren Verläufen meist fehlend [3][2]
  • Bei Immunsuppression Serologie und eine Stuhlmethode (Agarplatte oder PCR) kombinieren, möglichst vor Beginn der Immunsuppression [5].
  • Strongyloides gehört in die Stuhldiagnostik bei persistierender Diarrhö mit Eosinophilie nach Fernreise [7].
  • HTLV-1-Serologie bei schwerem Verlauf oder Rückfall (Expertenempfehlung, abgeleitet aus den Risikodaten [2]).

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

Anamnese

  • Geburtsland, Jahre in Tropen und Subtropen, ländliche Aufenthalte, Feldarbeit, Militär- oder Entwicklungsdienst, auch lange zurückliegend [5][1].
  • Bodenkontakt: Barfußlaufen, Sandalen, Liegen auf dem Boden.
  • Geplante Immunsuppression: Kortikosteroide (auch Stoßtherapie), Biologika, Chemotherapie, Transplantation, hämatologische Neoplasie [5][2].

Wen untersuchen

SituationVorgehen
Herkunft aus Endemiegebieten oder langer Aufenthalt mit Bodenkontakt, Immunsuppression geplantSerologie plus Stuhl (Agarplatte oder PCR) vor Beginn. Bei positivem Befund Ivermectin vor oder spätestens mit Beginn der Immunsuppression [5][6]
dieselbe Exposition, dringliche Steroidgabe (Notaufnahme, Exazerbation, Schock)Steroid nicht verzögern. Serologie abnehmen und Ivermectin 200 µg/kg einmalig geben, ohne auf das Ergebnis zu warten (ABS-Empfehlung, gestützt auf [2][5])
Migrantinnen und Migranten aus Endemiegebieten ohne ImmunsuppressionScreening mit Serologie empfohlen [5]
Kurzreisendenur bei Beschwerden (Larva currens, Bauchbeschwerden) oder Eosinophilie (Expertenempfehlung)
Organspende aus EndemiegebietenSpender und Empfänger mit Exposition untersuchen, positive Empfänger behandeln [8]

Vor Ivermectin bei Aufenthalt in Regenwaldgebieten West- und Zentralafrikas eine Loa-loa-Infektion ausschließen (Mikrofilarien im Tagesblut). Bei hoher Loa-loa-Mikrofilarämie drohen schwere neurologische Nebenwirkungen [9][10].

Verdacht auf Hyperinfektion oder Dissemination

  • Stationär, bei Sepsis oder respiratorischer Insuffizienz ITS/IMC. Siehe Sepsis und septischer Schock.
  • Ivermectin sofort, nicht auf den Befund warten [2].
  • Immunsuppression reduzieren oder absetzen, wo möglich [9][6].
  • Blutkulturen, Sputum oder Bronchiallavage und Stuhl auf Larven, bei neurologischen Zeichen Lumbalpunktion.
  • Tropenmedizin früh einbeziehen.

Therapie

Unkomplizierte Strongyloidiasis

  • 1. Wahl
    • Ivermectin – 200 µg/kg KG po einmalig, nüchtern mit Wasser [5][9]
      • Einmalgabe ist vier Gaben gleichwertig (86 % gegenüber 85 % Heilung) und besser verträglich [11]
      • Tabletten zu 3 mg, auf ganze Tabletten aufrunden (z. B. 70 kg: 15 mg)
      • nicht unter 15 kg [9][10]
  • Alternative
    • Albendazol – 2x 400 mg po – 7 Tage [9]
      • wirkt schlechter als Ivermectin [12]
      • in Deutschland nur als „Behandlungsversuch“ mit 1x 400 mg über 3 Tage zugelassen [13]
      • in der Schwangerschaft kontraindiziert [13]

Hyperinfektion und disseminierte Strongyloidiasis

  • 1. Wahl
    • Ivermectin – 200 µg/kg KG po täglich, bis Stuhl und Sputum über 2 Wochen negativ sind [9][6]
      • Off-Label, zugelassen ist nur die Einmalgabe [10]
  • Zusätzlich
    • Immunsuppression reduzieren [9][6].
    • Unter Ivermectin allein lag die Letalität im Review bei 47 %, unter Albendazol allein bei 73 % [2].
  • Hinweis
    • Bei Ileus oder fehlender Resorption ist rektale Gabe beschrieben. Ein subkutanes Ivermectin gibt es nur als Tierarzneimittel, in Deutschland nicht für Menschen zugelassen. Nur nach Rücksprache mit einem Tropenzentrum [9][6].

Begleitende Antibiotikatherapie bei Hyperinfektion

Keine Quelle nennt ein festes Schema. Das Erregerspektrum sind Darmbakterien: Enterobacterales, Enterokokken, S. bovis, oft polymikrobiell [3][2]. Die Auswahl ist eine ABS-Empfehlung.

  • Sepsis ohne Meningitis
    • Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
  • Verdacht auf Meningitis
    • Ceftriaxon – 2x 2 g iv
      • Meningitis-Dosis, indikationsbedingt höher als der Fibel-Standard 1x 2 g
    • plus Ampicillin – iv in Meningitis-Dosis nach der Leitlinie bakterielle Meningitis
      • erfasst Enterokokken und Listerien
  • Hinweise
    • Bei Penicillinallergie zuerst PEN-FAST.
    • Fluorchinolone sind Reserve.
    • Antibiotika ersetzen Ivermectin nicht. Ohne Elimination der Larven kehrt die Bakteriämie wieder [3].

Schwangerschaft und Stillzeit

Ivermectin nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung, Albendazol ist kontraindiziert [10][13][9]. Bei Hyperinfektion hat die Lebensgefahr der Mutter Vorrang (Expertenempfehlung).

Verfügbarkeit

Ivermectin 3 mg ist in Deutschland zugelassen für gastrointestinale Strongyloidiasis, Mikrofilarämie durch Wuchereria bancrofti und Skabies. Für das Erstpräparat besteht laut Gelber Liste ein Lieferengpass (Meldung vom 07.08.2026), Generika sind gelistet [10]. Stand 26.10.2026.

Therapiedauer und Kontrolle

SituationDauer
unkompliziertIvermectin einmalig [5][11]
Hyperinfektion, DisseminationIvermectin täglich bis 2 Wochen negative Stuhl- und Sputumbefunde [9]
  • Stuhlkontrolle 2–4 Wochen nach Therapie [9].
  • Serologie zu Beginn und nach 6 und 12 Monaten. Therapieversagen, wenn der Wert nach 12 Monaten nicht um mindestens 50 % fällt [5].
  • Unter Immunsuppression kann die Infektion nach Einmalgabe bestehen bleiben, dann wiederholte Gabe erwägen [10].

Prävention

  • Schuhe tragen, nicht barfuß auf möglicherweise fäkal verunreinigtem Boden laufen oder liegen [1].
  • Wichtigste Maßnahme ist die Sekundärprävention: Screening und Therapie vor Immunsuppression [5][2].
  • Keine Impfung, keine medikamentöse Prophylaxe für Reisende.

Quellen & Hinweise

  • [1] Centers for Disease Control and Prevention. DPDx – Strongyloidiasis. cdc.gov
  • [2] Buonfrate D, Requena-Mendez A, Angheben A, Muñoz J, Gobbi F, Van Den Ende J, et al. Severe strongyloidiasis: a systematic review of case reports. BMC Infect Dis. 2013;13:78. doi:10.1186/1471-2334-13-78
  • [3] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical overview of Strongyloides. Stand 11.02.2026. cdc.gov
  • [4] Buonfrate D, Bisanzio D, Giorli G, Odermatt P, Fürst T, Greenaway C, et al. The global prevalence of Strongyloides stercoralis infection. Pathogens. 2020;9(6):468. doi:10.3390/pathogens9060468
  • [5] Requena-Méndez A, Buonfrate D, Gomez-Junyent J, Zammarchi L, Bisoffi Z, Muñoz J. Evidence-based guidelines for screening and management of strongyloidiasis in non-endemic countries. Am J Trop Med Hyg. 2017;97(3):645–652. doi:10.4269/ajtmh.16-0923
  • [6] Mejia R, Nutman TB. Screening, prevention, and treatment for hyperinfection syndrome and disseminated infections caused by Strongyloides stercoralis. Curr Opin Infect Dis. 2012;25(4):458–463. doi:10.1097/QCO.0b013e3283551dbd
  • [7] Manthey CF, Epple HJ, Keller KM, Lübbert C, Posovszky C, Ramharter M, et al. S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). AWMF-Register 021-024. Z Gastroenterol. 2024;62(7):1090–1149. doi:10.1055/a-2240-1428
  • [8] La Hoz RM, Morris MI, AST Infectious Diseases Community of Practice. Intestinal parasites including Cryptosporidium, Cyclospora, Giardia, and Microsporidia, Entamoeba histolytica, Strongyloides, Schistosomiasis, and Echinococcus: guidelines from the American Society of Transplantation Infectious Diseases Community of Practice. Clin Transplant. 2019;33(9):e13618. doi:10.1111/ctr.13618
  • [9] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of Strongyloides. Stand 16.02.2024. cdc.gov
  • [10] Gelbe Liste Pharmindex. Wirkstoff Ivermectin (Anwendungsgebiete, Lieferengpassmeldung). Abgerufen 26.10.2026. gelbe-liste.de
  • [11] Buonfrate D, Salas-Coronas J, Muñoz J, Maruri BT, Rodari P, Castelli F, et al. Multiple-dose versus single-dose ivermectin for Strongyloides stercoralis infection (Strong Treat 1 to 4): a multicentre, open-label, phase 3, randomised controlled superiority trial. Lancet Infect Dis. 2019;19(11):1181–1190. doi:10.1016/S1473-3099(19)30289-0
  • [12] Henriquez-Camacho C, Gotuzzo E, Echevarria J, White AC, Terashima A, Samalvides F, et al. Ivermectin versus albendazole or thiabendazole for Strongyloides stercoralis infection. Cochrane Database Syst Rev. 2016;(1):CD007745. doi:10.1002/14651858.CD007745.pub3
  • [13] Gelbe Liste Pharmindex. Wirkstoff Albendazol. Abgerufen 26.10.2026. gelbe-liste.de

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