Kurzüberblick
Bisse, Kratzer und Lecken durch Säugetiere sind auf Reisen häufig, vor allem durch Hunde in Asien und Afrika und durch Affen an Tempeln und in Parks [1][2]. Nach Symptombeginn verläuft Tollwut fast immer tödlich [3].
Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) ist ein Notfall. Sie wird ohne Zeitlimit nachgeholt, auch Wochen nach der Exposition, und hat keine Kontraindikation, auch nicht in Schwangerschaft und Stillzeit [3][4]. Bei Immungesunden schützt sie nahezu vollständig [3].
Dieses Kapitel folgt dem RKI-Ratgeber und den Empfehlungen von STIKO und DTG. Abweichungen der WHO sind als Hinweis genannt.
Siehe auch Hautveränderungen nach Reise und Haut- und Weichteilinfektionen (Bisswunden).
Steckbrief
| Merkmal | Tollwut |
|---|---|
| Erreger | Lyssaviren (Rhabdoviridae). Klassisches Tollwutvirus bei Hunden und Wildtieren, in Europa Fledermaus-Lyssaviren [3] |
| Verbreitung | Zehntausende Todesfälle pro Jahr, fast alle in Asien und Afrika, meist durch Hunde [5][1]. Deutschland ist seit 2008 frei von terrestrischer Tollwut. Fledermaus-Lyssaviren kommen weltweit vor, auch in Deutschland [3] |
| Übertragung | Speichel über Biss, Kratzer oder Kontakt mit Schleimhaut oder Wunde. Blut, Urin und Kot gelten nicht als infektiös. Nagetiere übertragen keine Tollwut [3] |
| Inkubation | meist 2–3 Monate, 5 Tage bis mehrere Jahre. Kürzer bei Bissen am Kopf [3][1] |
| Ansteckung | von Mensch zu Mensch nur über Organtransplantation beschrieben [1] |
| Meldepflicht | namentlich nach § 6 IfSG: Verdacht, Erkrankung und Tod an Tollwut sowie die Verletzung durch ein tollwutkrankes oder -verdächtiges Tier, binnen 24 h an das Gesundheitsamt [6][3] |
Red Flags
- Fledermauskontakt (Biss, Kratzer, Schleimhautkontakt, auch in Deutschland): immer Grad III [3].
- Bisse an Kopf, Hals oder Händen, mehrere oder tiefe Bisse: kürzere Inkubation, PEP ohne Verzug [3][4].
- Immundefizienz: andere Schemata, Immunglobulin schon ab Grad II [1][3].
- Makakenbiss mit Hautdurchtritt: zusätzlich an B-Virus denken [7].
- Klinischer Verdacht auf Tollwut (Parästhesien an der Bissstelle, Hydrophobie, Unruhe, Lähmungen): sofort stationär, intensivmedizinisch, Gesundheitsamt [3][1].

Die PEP nicht wegen fehlender Laborbefunde, Beobachtung des Tieres oder Unsicherheit über den Impfstatus verzögern. Sie wird auch Wochen nach der Exposition noch begonnen [3][4].
Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz
| Schritt | Vorgehen |
|---|---|
| 1. Wunde versorgen | sofort mindestens 15 min mit Seife oder Detergens reinigen, gründlich mit Wasser spülen, dann mit 70 % Alkohol oder einem Jodpräparat behandeln [1]. Tiefe Wunden vorsichtig mit Katheter spülen. Nicht primär nähen [3] |
| 2. Exposition einordnen | Tier, Land, Art des Kontakts, Datum. Expositionsgrad nach Tabelle unten [3] |
| 3. Impfstatus klären | frühere Präexpositionsprophylaxe oder PEP mit Daten und Impfstoff. Im Ausland begonnene PEP: Dokumente sichten [8] |
| 4. PEP beginnen oder fortsetzen | nach Grad und Impfstatus (Karten unten) [3][1] |
| 5. Tetanus und Antibiotika | nach Haut- und Weichteilinfektionen |
| 6. Melden | Gesundheitsamt nach § 6 IfSG, bei Tieren in Deutschland zusätzlich Veterinäramt [6][3] |

Impfstoff und Immunglobulin
Tollwutimpfstoff und -immunglobulin sind nicht überall vorrätig. Sie lassen sich im Notfall über Notfalldepots beziehen. Zuständiges Gesundheitsamt und Notfalldepot vorab klären [3].
Expositionsgrade
| Grad | Art der Exposition | nicht oder unvollständig geimpft | vollständig vorgeimpft, immungesund |
|---|---|---|---|
| I | Berühren oder Füttern von Tieren, Belecken der intakten Haut | keine PEP, Haut waschen | keine PEP |
| II | nicht blutende, oberflächliche Kratzer oder Abschürfungen, Lecken oder Knabbern an nicht intakter Haut | Wundversorgung und Impfserie, kein Immunglobulin | Wundversorgung, 2 Impfdosen (Tag 0 und 3) |
| III | Bisse oder Kratzwunden, Kontakt von Schleimhaut oder Wunde mit Speichel, jeder Fledermauskontakt | Wundversorgung, Impfserie und Tollwut-Immunglobulin | Wundversorgung, 2 Impfdosen (Tag 0 und 3), kein Immunglobulin |
Hinweis zu Grad II: Das RKI ordnet Lecken an nicht intakter Haut dem Grad II zu. Die WHO wertet Speichelkontakt mit verletzter Haut als Kategorie III mit Immunglobulin [3][4]. Bei Immundefizienz, Fledermauskontakt oder unklarer Grenze zur Wunde eher wie Grad III vorgehen (Expertenempfehlung).
Die PEP kann abgebrochen werden, wenn ein Hund, eine Katze oder ein Frettchen 10 Tage nach dem Biss gesund bleibt oder das Tier labordiagnostisch tollwutfrei ist. Auf Reisen ist das bei streunenden Tieren und Affen meist nicht möglich [3][8].
Postexpositionsprophylaxe
Impfung, nicht oder unvollständig geimpft
- Standard
- Essen-Schema – 5 Dosen i.m. an Tag 0, 3, 7, 14 und 28 (M. deltoideus, nicht gluteal) [3][1]
- Alternative bei Immungesunden
- Zagreb-Schema – Tag 0 zwei Dosen (zwei Orte), dann je eine Dosis an Tag 7 und 21 [3][4]
- Hinweise
- Ein verkürztes Essen-Schema mit 4 Dosen (Tag 0, 3, 7, 14) ist nur in einer Fachinformation zugelassen, dort mit Immunglobulin auch bei Grad II [1].
- Verzögerte Dosen: Schema fortsetzen, nicht neu beginnen [4].
Tollwut-Immunglobulin bei Grad III
- Dosis
- humanes Tollwut-Immunglobulin – 20 IE/kg KG einmalig, zusammen mit der ersten Impfdosis [3][4]
- so viel wie anatomisch möglich in und um die Wunde, Rest i.m. an einer vom Impfort entfernten Stelle [3]
- nie in dieselbe Stelle oder Spritze wie der Impfstoff [8]
- humanes Tollwut-Immunglobulin – 20 IE/kg KG einmalig, zusammen mit der ersten Impfdosis [3][4]
- Hinweise
- Nachholbar bis spätestens Tag 7 nach der ersten Impfdosis, danach nicht mehr [3][4].
- Die WHO empfiehlt, die gesamte Menge in und um die Wunde zu geben und keinen Rest mehr fern der Wunde zu spritzen [4].
- Fehlt Immunglobulin, die Impfung nie zurückhalten [4].
Vorgeimpfte und Immundefizienz
- vollständig vorgeimpft, immungesund
- ab Grad II 2 Dosen an Tag 0 und 3, kein Immunglobulin [3][1]
- Immundefizienz
- ab Grad II immer 5 Dosen nach Essen plus Immunglobulin, auch nach vollständiger Präexpositionsprophylaxe. Antikörperkontrolle 2–4 Wochen nach Beginn. Zagreb nicht anwenden [1][3]
- Hinweis
- Nach WHO braucht eine erneute Exposition innerhalb von 3 Monaten nach vollständiger PEP nur eine Wundversorgung. Die Fibel folgt RKI und STIKO (2 Dosen) [4][1].

PEP im Ausland begonnen
Impfpass oder Belege sichten (Impfstoff, Daten, Applikationsweg, Immunglobulin ja oder nein). Wurde ein moderner Zellkulturimpfstoff gegeben, das Schema fortsetzen, nicht neu beginnen. Bei Wechsel von Produkt oder Applikationsweg nach dem Schema des neuen Wegs weiter [4][8].
Impfstoffe aus Nervengewebe gelten nicht als PEP. Dann wie ungeimpft neu beginnen [8][4].
Fehlendes Immunglobulin bis Tag 7 nach der ersten Impfdosis nachholen [3][4]. Im Ausland gegebenes Pferde-Immunglobulin oder monoklonale Antikörper gelten als gegeben [4][8]. Dazu gibt es keine deutsche Quelle. Bei Unklarheit Tropen- oder Reisemedizin und Gesundheitsamt einbeziehen.
Bisswunde, Tetanus und Affenbiss
Antibiotische Prophylaxe nach Biss
- 1. Wahl
- Amoxicillin/Clavulansäure – 3x 875/125 mg po für 3 Tage
- Penicillinallergie
- Doxycyclin – 1x 200 mg po plus Metronidazol 3x 500 mg po
- Hinweise
- Indikationen, infizierte Bisswunden und Tetanus nach Haut- und Weichteilinfektionen [9][10].
- Tetanus nach STIKO: Bisse gelten als „alle anderen Wunden“. Auffrischung bei letzter Dosis vor 5 Jahren oder länger, Immunglobulin bei weniger als 3 dokumentierten Impfungen (Details und Quelle im Kapitel Haut- und Weichteilinfektionen).
Makakenbiss: B-Virus
- Wann
- Makaken (Asien, Nordafrika, Gibraltar) mit Hautdurchtritt, besonders an Kopf, Hals oder Rumpf, tiefe Stichbisse, unzureichend gereinigte Wunden, Schleimhautkontakt [7][2]
- Postexpositionsprophylaxe
- Valaciclovir – 1 g po alle 8 h für 14 Tage, möglichst früh [7]
- oder Aciclovir – 800 mg po 5x täglich für 14 Tage [7]
- Hinweise
- Erste Hilfe: Haut 15 min mit Povidon-Jod, Chlorhexidin oder Seife waschen, Schleimhaut 15 min spülen [7].
- Zusätzlich Tollwut-PEP nach Expositionsgrad [8].
- Dosis bei Niereninsuffizienz nach Fachinformation anpassen.
Therapiedauer
| Maßnahme | Dauer |
|---|---|
| Tollwut-Impfung, Essen-Schema | 5 Dosen über 28 Tage |
| Tollwut-Impfung, Zagreb-Schema | 4 Dosen über 21 Tage |
| Vorgeimpfte | 2 Dosen (Tag 0 und 3) |
| Bissprophylaxe Amoxicillin/Clavulansäure | 3 Tage |
| B-Virus-Prophylaxe | 14 Tage |
Prävention
Tiere auf Reisen nicht anfassen oder füttern, auch keine Affen. Die Impfung vor der Reise (Präexpositionsprophylaxe) vereinfacht die PEP. Indikation und Schema nach STIKO und DTG [1].
Quellen & Hinweise
- [1] Ständige Impfkommission, Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit. Empfehlungen der STIKO und der DTG zu Reiseimpfungen. Epid Bull. 2026;(27):1–112, Kap. 5.12 Tollwut. doi:10.25646/14248
- [2] Cossaboom CM, Wallace RM, Barton Behravesh C. Zoonotic exposures: bites, scratches, and other hazards. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
- [3] Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Tollwut. Stand 05.02.2026. rki.de
- [4] World Health Organization. Rabies vaccines: WHO position paper – April 2018. Wkly Epidemiol Rec. 2018;93(16):201–220. who.int
- [5] World Health Organization. Rabies. Fact sheet. Stand 17.09.2026. who.int
- [6] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), § 6. gesetze-im-internet.de
- [7] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of B virus. Stand 14.08.2026. cdc.gov
- [8] Wallace RM, Shlim DR. Rabies. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
- [9] Stevens DL, Bisno AL, Chambers HF, Dellinger EP, Goldstein EJ, Gorbach SL, et al. Practice guidelines for the diagnosis and management of skin and soft tissue infections: 2014 update by the Infectious Diseases Society of America. Clin Infect Dis. 2014;59(2):e10–e52. doi:10.1093/cid/ciu444
- [10] Rothe K, Tsokos M, Handrick W. Animal and human bite wounds. Dtsch Arztebl Int. 2015;112(25):433–442. doi:10.3238/arztebl.2015.0433
Frage zu diesem oder einem anderen Thema? In allen Kapiteln suchen oder eine Frage stellen →