Kurzüberblick
Die Amöbiasis wird durch Entamoeba histolytica verursacht. Etwa 90 % der Infektionen verlaufen ohne Beschwerden. Invasiv sind die Amöbenkolitis (Amöbenruhr) und der Amöbenleberabszess [1].
Der Amöbenleberabszess zeigt sich meist mit Fieber und Schmerzen im rechten Oberbauch, oft ohne Durchfall, auch Monate oder Jahre nach der Reise [1][2].
Mikroskopisch ist E. histolytica nicht von harmlosen Amöben (E. dispar, E. moshkovskii, E. bangladeshi) zu unterscheiden. Beweisend sind Antigen-ELISA, PCR oder Amöben mit aufgenommenen Erythrozyten [1].
Therapie: Metronidazol über 10 Tage, danach immer ein im Darm wirksames Mittel (Paromomycin) [1][3].
Siehe auch Diarrhö bei Reiserückkehrern und Fieber bei Reiserückkehrern.
Steckbrief
| Merkmal | Amöbiasis |
|---|---|
| Erreger | Entamoeba histolytica (Protozoon). E. dispar, E. moshkovskii und E. bangladeshi sehen gleich aus, gelten aber als apathogen [1][2] |
| Verbreitung | Tropen und Subtropen mit schlechter Sanitärversorgung: Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien. Weltweit etwa 50 Millionen Erkrankungen pro Jahr [1][2] |
| Übertragung | fäkal-oral über Zysten in Wasser, Nahrung oder über Hände. Erhöhtes Risiko auch bei besonderem Hygienerisiko (z. B. Kanalarbeit) und bei Sexualpraktiken mit erhöhtem Risiko für sexuell übertragbare Infektionen [1][4] |
| Inkubation | Kolitis meist 2–4 Wochen [4]. Leberabszess Wochen bis Jahre nach der Reise [1][2] |
| Ansteckung | über Zysten im Stuhl, auch durch Menschen ohne Beschwerden. Kontaktpersonen (Haushalt, Mitreisende, Sexualpartner) untersuchen [1] |
| Isolierung | keine, Standardhygiene |
| Meldepflicht | keine Labormeldepflicht. Arztmeldung nur bei infektiöser Gastroenteritis von Beschäftigten im Lebensmittelbereich oder bei Häufung (§ 6 Abs. 1 Nr. 2), dann auch Tätigkeitsverbot nach § 42 [5] |
Red Flags
- Akut-nekrotisierende Kolitis: schwer krank, Fieber, blutige Durchfälle, akutes Abdomen [1].
- Toxisches Megakolon (etwa 0,5 %, besonders unter Kortikosteroiden): rasche Verschlechterung, gespanntes Abdomen, Schock [1].
- Perforation des Kolons (unter 1 %), oft als langsam zunehmende Peritonitis [1].
- Ruptur eines Leberabszesses in die Bauchhöhle, Pleura oder ins Perikard. Abszesse im linken Leberlappen nahe am Herzen sind besonders gefährlich [1].

Keine Kortikosteroide bei Verdacht auf Amöbiasis. Sie können eine invasive, fulminante Amöbiasis auslösen, auch bei bisher beschwerdefreien Trägern [1][2].

Bei Verdacht auf Amöbenkolitis keine Motilitätshemmer (Loperamid). Beschrieben sind fulminante Verläufe [6]. Eine Koloskopie erhöht das Perforationsrisiko, zuerst nicht-invasive Diagnostik [1].
Klinik
| Form | Merkmale |
|---|---|
| asymptomatische Ausscheidung | etwa 90 % der Infektionen. Kann nach Monaten oder Jahren invasiv werden [1] |
| Amöbenkolitis | mehr oder weniger starke Rektokolitis, blutig-schleimige Durchfälle (Amöbenruhr), Bauchschmerz, subfebrile Temperaturen oder Fieber. Kann einer Colitis ulcerosa oder einer Appendizitis ähneln [1][3] |
| Amöbenleberabszess | meist akut, Fieber, starkes Krankheitsgefühl, Schmerz im rechten Oberbauch mit Ausstrahlung in Rücken oder rechte Schulter, oft atemabhängig. Meist solitär im rechten Leberlappen. Männer zwischen 40 und 60 Jahren häufiger. Häufige Fehldiagnosen: Cholezystitis, Hepatitis, Pneumonie, Pleuritis [1] |
| Abszess im linken Leberlappen | atypisch mit retrosternalen oder präkordialen Schmerzen, Gefahr der Perikardtamponade [1] |
Eine Eosinophilie spricht nicht für Amöben, sondern für Würmer [3].
Diagnostik
Immer nach Aufenthalten in den Tropen oder Subtropen fragen, auch wenn sie Jahre zurückliegen [1].
Wann an Amöbiasis denken
- blutig-schleimige Durchfälle nach Aufenthalt in den Tropen oder Subtropen
- persistierende Durchfälle, wenn bakterielle Erreger und C. difficile ausgeschlossen sind
- Bauch- oder Thoraxschmerz mit erhöhten Entzündungswerten nach Tropenaufenthalt
- Fieber nach Tropenaufenthalt, wenn eine Malaria ausgeschlossen ist
- abszessverdächtige Raumforderung in der Leber
- Kontaktpersonen von Erkrankten [1]
Amöbenkolitis
| Methode | Hinweis |
|---|---|
| PCR aus Stuhl | empfindlichste Methode, unterscheidet die Arten. Nativstuhl einsenden [1] |
| Antigen-ELISA aus Stuhl | Empfindlichkeit etwa wie Mikroskopie. Nicht jeder Test unterscheidet E. histolytica von E. dispar [1] |
| Mikroskopie | Einzelprobe nur etwa 70 % empfindlich, deshalb 3 Proben aus verschiedenen Stuhlgängen. Beweisend nur Amöben mit aufgenommenen Erythrozyten (Magna-Formen) im frischen Stuhl [1] |
| Labor | Differenzialblutbild, CRP, bei schwerer Diarrhö Elektrolyte und Kreatinin. Bakterielle Stuhlkulturen und C. difficile zum Ausschluss einer Mischinfektion [1] |
| Sonographie | immer Abdomensonographie, um einen Leberabszess auszuschließen [1][3] |
Sind Mikroskopie und Antigen-Test negativ und besteht der Verdacht weiter, PCR veranlassen [1].
Amöbenleberabszess
- Serologie (ELISA): etwa 99 % der Erkrankten bilden innerhalb einer Woche Antikörper. Bei frühem negativem Befund und weiter bestehendem Verdacht kurzfristig wiederholen. Eine negative Serologie schließt einen Amöbenleberabszess praktisch aus. Bei Menschen aus Endemiegebieten kann sie auch eine frühere Infektion anzeigen [1].
- Sonographie: meist runde, echoarme Raumforderung ohne klare Wand. Ein bakterieller Abszess ist damit nicht sicher abzugrenzen. CT bei unauffälligem Ultraschall trotz hohem Verdacht oder bei Verdacht auf Ruptur [1].
- Blutkulturen, Leber- und Cholestasewerte, Entzündungswerte. Bei Abszessen am Zwerchfell Pleura- und Perikarderguss suchen [1].
- In der Stuhlmikroskopie finden sich beim Leberabszess oft keine Amöben [1].
Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Amöbenkolitis, stabil | ambulant möglich. Stuhldiagnostik, Sonographie der Leber, Therapie nach Karte [1] |
| großer, kapselnaher oder linksseitiger Leberabszess | stationär, zumindest initial [1] |
| Abszess im linken Leberlappen nahe am Herzen | in den ersten Tagen täglich Sonographie, bis die Therapie anspricht [1] |
| schwerer Verlauf, Komplikation, unklare Diagnose | Tropenmedizin einbeziehen (DTG-Liste tropenmedizinischer Einrichtungen) [1][7] |
| Leberabszess, Amöben oder Bakterien noch unklar | bei ausgeprägter Klinik zusätzlich zu Metronidazol kalkuliert antibiotisch wie bei bakteriellem Leberabszess, bis die Serologie vorliegt. Bei negativer Serologie Punktion mit Mikrobiologie [1] |

Punktion und Drainage
Kleine und mittlere Amöbenleberabszesse (unter 10 cm) heilen unter Metronidazol, eine Punktion ist nur ausnahmsweise nötig [1][8]. Indikationen: unklare Diagnose oder Verdacht auf bakterielle Superinfektion, fehlendes Ansprechen trotz Therapie, drohende Ruptur bei großem oder kapselnahem Abszess, vor allem im linken Leberlappen. Abszesse über 10 cm können drainiert werden, das bessert die Beschwerden schneller [1]. Shirley nennt fehlendes Ansprechen nach etwa 72 h und Abszesse ab 5–10 cm [2]. Punktion immer unter Nitroimidazol und nur nach Ausschluss einer Echinokokkus-Zyste [1].
Therapie
Jede invasive Infektion mit E. histolytica wird behandelt. Metronidazol erreicht die Amöben im Darmlumen nicht sicher, deshalb folgt immer ein Kontaktamöbizid [1].
Amöbenkolitis und Amöbenleberabszess
- 1. Wahl
- Metronidazol – 3x 10 mg/kg KG pro Tag, höchstens 3x 800 mg, iv oder po – 10 Tage [1][3]
- bei schwerer Leberinsuffizienz Dosis reduzieren
- Alkoholunverträglichkeit, verstärkt orale Antikoagulanzien [1]
- Metronidazol – 3x 10 mg/kg KG pro Tag, höchstens 3x 800 mg, iv oder po – 10 Tage [1][3]
- danach oder gleichzeitig, immer
- Paromomycin – 25–30 mg/kg KG pro Tag in 3 Einzeldosen po – 7–10 Tage [1]
- kaum resorbiert, gut verträglich [1]
- Paromomycin – 25–30 mg/kg KG pro Tag in 3 Einzeldosen po – 7–10 Tage [1]
- Hinweise
- Andere Nitroimidazole (z. B. Tinidazol) sind möglich, bieten aber keinen Vorteil [1]. Tinidazol ist in Deutschland nicht zugelassen [3]. International gilt es als gleichwertig oder besser verträglich [9][2].
- Die S2k-Leitlinie nennt für Paromomycin 25–35 mg/kg KG [3]. Die Fibel folgt der DTG-Leitlinie.
- Resistenzen gegen Nitroimidazole sind bei Amöben bisher nicht bekannt [1].
- Nicht empfohlen: Chloroquin, Dihydroemetin, Nitazoxanid (nicht zugelassen), Probiotika [1].
Ausscheider ohne Beschwerden
- E. histolytica (PCR oder spezifischer Antigen-Test)
- Paromomycin – 25–30 mg/kg KG pro Tag in 3 Einzeldosen po – 7–10 Tage [1]
- verhindert eine spätere Invasion und die Übertragung auf Kontaktpersonen [1]
- Paromomycin – 25–30 mg/kg KG pro Tag in 3 Einzeldosen po – 7–10 Tage [1]
- E. dispar, E. moshkovskii, E. bangladeshi
- keine Therapie, apathogen [1][2]
Komplikationen
- Toxisches Megakolon und Kolonperforation: zusätzlich kalkulierte Breitspektrum-Antibiotikatherapie, chirurgisches Konsil [1].
- Ruptur eines Leberabszesses: Drainage, interdisziplinär, Tropenmedizin [1].

Schwangerschaft
Bei invasiver Amöbiasis kann Metronidazol auch im 1. Trimenon nach Abwägung gegeben werden, weil die Erkrankung tödlich verlaufen kann. Ausscheider ohne Beschwerden in der Regel erst nach der Schwangerschaft behandeln. Bei milder Kolitis im 1. Trimenon kann Paromomycin statt Metronidazol erwogen werden [1].
Therapiedauer und Kontrolle
| Therapie | Dauer |
|---|---|
| Metronidazol | 10 Tage [1][3] |
| Paromomycin | 7–10 Tage, anschließend oder gleichzeitig [1] |
- Klinik und Entzündungswerte bessern sich bei Erfolg nach einigen Tagen [1].
- Stuhlkontrolle mit PCR oder Antigen-Test ab 2–4 Wochen nach Therapieende. Ist E. histolytica weiter nachweisbar, Tropenmedizin einbeziehen [1].
- Die Sonographie eignet sich nicht zur kurzfristigen Erfolgskontrolle. Ein Abszess kann bis zu 20 Monate sichtbar bleiben. Maßgeblich sind Klinik und Entzündungswerte [1].
- Die Serologie bleibt positiv und eignet sich nicht zur Verlaufskontrolle [1].
Prävention
- Trinkwasser- und Nahrungsmittelhygiene, Händewaschen [4].
- Kontaktpersonen von Erkrankten untersuchen und Ausscheider von E. histolytica behandeln [1].
Quellen & Hinweise
- [1] Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG). S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Amöbiasis. AWMF-Register 042-002. Überarbeitete Version Februar 2022, Gültigkeit verlängert. register.awmf.org
- [2] Shirley DT, Farr L, Watanabe K, Moonah S. A review of the global burden, new diagnostics, and current therapeutics for amebiasis. Open Forum Infect Dis. 2018;5(7):ofy161. doi:10.1093/ofid/ofy161
- [3] Manthey CF, Epple HJ, Keller KM, Lübbert C, Posovszky C, Ramharter M, et al. S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). AWMF-Register 021-024. Z Gastroenterol. 2024;62(7):1090–1149. doi:10.1055/a-2240-1428
- [4] Centers for Disease Control and Prevention. About amebiasis. Stand 20.06.2025. cdc.gov
- [5] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6, 7 und 42. gesetze-im-internet.de
- [6] McGregor A, Brown M, Thway K, Wright SG. Fulminant amoebic colitis following loperamide use. J Travel Med. 2007;14(1):61–62. doi:10.1111/j.1708-8305.2006.00096.x
- [7] Robert Koch-Institut. Amöben-Infektionen. Infektionskrankheiten A–Z. Abgerufen 26.10.2026. rki.de
- [8] Chavez-Tapia NC, Hernandez-Calleros J, Tellez-Avila FI, Torre A, Uribe M. Image-guided percutaneous procedure plus metronidazole versus metronidazole alone for uncomplicated amoebic liver abscess. Cochrane Database Syst Rev. 2009;(1):CD004886. doi:10.1002/14651858.CD004886.pub2
- [9] Gonzales MLM, Dans LF, Sio-Aguilar J. Antiamoebic drugs for treating amoebic colitis. Cochrane Database Syst Rev. 2019;1:CD006085. doi:10.1002/14651858.CD006085.pub3
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