Kurzüberblick
Chikungunya ist nach Dengue die zweite wichtige durch Aedes-Mücken übertragene Viruserkrankung bei Reiserückkehrern. Leitsymptome sind hohes Fieber und starke, symmetrische Gelenkschmerzen [1][2].
2025 gab es in Frankreich (809) und Italien (384) so viele autochthone Fälle wie nie, auch nahe der deutschen Grenze bei Straßburg. Ausgelöst wurden sie vor allem durch Rückkehrer von La Réunion und Mauritius [3][4]. In Deutschland wurden 2024 51 importierte Fälle gemeldet, autochthone Fälle gab es bisher nicht [5][6].
Akut nur Paracetamol. Keine NSAR, solange Dengue nicht ausgeschlossen ist, keine Steroide. Bei einem Drittel bis über der Hälfte bleiben Gelenkbeschwerden länger als 3 Monate [2][7].
Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern, Dengue und Malaria.
Steckbrief
| Merkmal | Chikungunya |
|---|---|
| Erreger | Chikungunya-Virus (Alphavirus, Familie Togaviridae). Nach der Infektion vermutlich lebenslange Immunität [1][2] |
| Verbreitung | Tropen und Subtropen weltweit. Häufigste Infektionsländer deutscher Fälle 2024: Indien, Malediven, Mexiko, Brasilien [5]. 2025 große Ausbrüche auf La Réunion und Mauritius, autochthone Fälle in Frankreich und Italien [3][6] |
| Übertragung | Stich von Aedes aegypti und Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke), vor allem tagsüber. Von der virämischen Mutter um die Geburt auf das Neugeborene. Selten über Blut [1][8] |
| Inkubation | meist 3–7 Tage (1–12 Tage) [1][9] |
| Ansteckung | nicht von Mensch zu Mensch (außer um die Geburt und über Blut). In der ersten Krankheitswoche können heimische Tigermücken infiziert werden [1][10] |
| Isolierung | keine, Standardhygiene. In der Mückensaison Mückenschutz während der ersten Krankheitswoche und bis 14 Tage nach der Reise [1] |
| Meldepflicht | Labormeldung nach § 7 Abs. 1 Nr. 6b IfSG [11][9] |
Red Flags
Für Chikungunya gibt es keine validierten Warnzeichen wie bei Dengue. Die WHO verlangt eine individuelle Einschätzung [2]. Folgende Zeichen sprechen für eine stationäre Abklärung [7][12][13]:
- Kreislaufinstabilität, Hypotonie, Dehydratation, Oligurie
- neurologische Zeichen: Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung, Krampfanfall, Meningismus, Lähmungen (Enzephalitis, Guillain-Barré-Syndrom)
- Brustschmerz, Rhythmusstörung, Herzinsuffizienz (Myokarditis, Perikarditis)
- Blutung (an Dengue denken)
- Schmerzen, die auf Analgetika nicht ansprechen
- Ikterus, Nierenversagen, bullöse Hautveränderungen, Dekompensation einer Grunderkrankung
- Schwangerschaft im letzten Trimenon oder kurz vor der Geburt, Neugeborene

Keine NSAR und keine Acetylsalicylsäure, bis Dengue ausgeschlossen ist. Chikungunya und Dengue sind klinisch zu Beginn nicht sicher zu unterscheiden [2][7][10].
Klinik
| Phase | Zeit | Merkmale |
|---|---|---|
| akut | Tag 1–21 (Fieber meist bis 7 Tage) | plötzliches hohes Fieber über 39 °C, starke symmetrische Gelenkschmerzen (Hände, Handgelenke, Knöchel, Füße), Arthritis, Muskel- und Kopfschmerzen, Konjunktivitis, juckendes Exanthem, Ödeme. Labor: Lymphopenie, teils Thrombozytopenie, Transaminasen und Kreatinin erhöht [1][12][13] |
| post-akut | Woche 4–12 | anhaltende oder wiederkehrende Gelenkschmerzen, Arthritis, Tenosynovitis, Bursitis, Karpaltunnelsyndrom, ausgeprägte Müdigkeit [12] |
| chronisch | ab Monat 4 | Gelenkbeschwerden über Monate bis Jahre, teils wie eine rheumatoide Arthritis oder Spondyloarthritis. Häufiger ab 45 Jahren, bei starker Akutsymptomatik und vorbestehender Arthrose [12][7] |
Schwere und atypische Verläufe (etwa 0,3–0,5 %): Enzephalitis, Guillain-Barré-Syndrom, Myokarditis, Hepatitis, Nephritis, bullöse Dermatose, Uveitis. Besonders betroffen sind Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen [1][13].
Neugeborene: Infektion um die Geburt bei mütterlicher Virämie, etwa ein Viertel verläuft schwer (Enzephalopathie, Sepsisbild, Blutung). Eine Sectio schützt nicht, Stillen ist erlaubt [12][8].
Diagnostik
Immer zuerst die Reiseroute erfragen. Malaria und Dengue müssen parallel ausgeschlossen werden, Koinfektionen kommen vor [14][15].
Nach Krankheitstag
| Krankheitstag | Test | Hinweis |
|---|---|---|
| 1–5 | PCR aus Serum oder EDTA-Blut | hohe Virämie, PCR zuverlässig. Schnell- und Antigentests nicht ausreichend zuverlässig [7] |
| 5–7 | PCR und IgM/IgG | IgM meist ab Tag 3, bei fast allen ab Tag 5. Nach Tag 7 ist die PCR meist negativ [7][15] |
| ab Tag 7 | IgM und IgG, Folgeprobe nach 1–2 Wochen | IgM kann Monate bleiben. Kreuzreaktion mit anderen Alphaviren (O’nyong-nyong in Afrika, Mayaro in Südamerika). Bestätigung im Referenzlabor [7][15] |
| nach Impfung | IgM und PCR können positiv sein | bei zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung keine Meldung [9] |
- Außerhalb bekannter Endemie- oder Ausbruchsgebiete reicht ein einzelnes IgM nicht, dann PCR oder IgG-Anstieg [9].
- Basislabor: Blutbild mit Thrombozyten, Lymphozyten und Hämatokrit (wegen Dengue), Kreatinin, Elektrolyte, Leberwerte, Glukose, CRP [12][13].
- Gelenkschmerzen und Arthritis sprechen eher für Chikungunya. Thrombozytopenie, steigender Hämatokrit und Leukopenie eher für Dengue [2][16].
Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz
| Situation | Kriterien | Vorgehen |
|---|---|---|
| ambulant | typischer Verlauf, keine Red Flags, trinkt ausreichend, Versorgung und Wiedervorstellung gesichert | Paracetamol, Trinkmenge, Ruhe, Kühlung, Ringe abnehmen. Dengue- und Malaria-Diagnostik abwarten. Wiedervorstellung bei Red Flags. Bei Dengue-Verdacht Vorgehen wie bei Dengue [12][7] |
| stationär | Red Flags, Dehydratation, nicht beherrschbare Schmerzen, Blutung, neurologische oder kardiale Zeichen, dekompensierte Grunderkrankung, Schwangerschaft im letzten Trimenon oder kurz vor der Geburt, hohes Alter mit Vorerkrankungen, fehlende Versorgung | Monitoring, Flüssigkeit oral oder iv, Paracetamol, gegebenenfalls schwaches Opioid. Bis zum Ausschluss wie Dengue behandeln [2][12] |
| Intensivstation | Schock, Enzephalitis, Myokarditis, Multiorganversagen | intensivmedizinische Standardtherapie [12] |
Therapie
Es gibt keine antivirale Therapie. Antibiotika nur bei einer zweiten, bakteriellen Diagnose [2].
Akutphase (Tag 1–21)
- 1. Wahl
- Paracetamol – 500 mg bis 1 g po alle 4–6 h, höchstens 4 g pro Tag [2]
- auf Selbstmedikation und Leberschaden achten [12]
- Paracetamol – 500 mg bis 1 g po alle 4–6 h, höchstens 4 g pro Tag [2]
- bei unzureichender Wirkung
- schwaches Opioid, z. B. Tramadol [12]
- Hinweise
- Keine NSAR, keine Acetylsalicylsäure, bis Dengue im Labor ausgeschlossen ist. Ohne Labor nicht vor Tag 14 [2][7][12].
- Keine Kortikosteroide in der Akutphase, weil die Arthritis danach wieder aufflammen kann. Ausnahmen (Uveitis, Myokarditis, Enzephalopathie) nur in spezialisierten Einheiten [2][12].
- Schwangere: Paracetamol. NSAR ab der 24. Schwangerschaftswoche kontraindiziert [12].
Gelenkbeschwerden nach der Akutphase
Empfehlung SPILF 2014: Nur die französische Leitlinie nennt konkrete Schemata. WHO und PAHO geben für diese Phasen keine Empfehlung [12][2][17].
| Phase | Therapie |
|---|---|
| post-akut (Woche 4–12) | NSAR in voller Dosis über mehrere Wochen, Wirkung nach einer Woche prüfen. Bei stark entzündlichem Verlauf oder NSAR-Versagen kurz Prednison 10 mg pro Tag für 5 Tage, dann über 10 Tage ausschleichen. Schwere Formen 0,5 mg/kg pro Tag für 5 Tage, dann über 10 Tage ausschleichen. Gesamtdauer unter 4 Wochen, danach NSAR. Lokale Steroidinfiltration bei Tenosynovitis, Bursitis oder Karpaltunnelsyndrom. Physiotherapie [12] |
| chronisch (ab Monat 4) | Rheumatologische Vorstellung bei entzündlicher Polyarthritis über 6 Wochen, Knochenerosionen oder Steroidabhängigkeit. Methotrexat bei chronisch entzündlicher Arthritis nach rheumatologischer Beurteilung, frühestens ab Woche 8 [12][7] |
Prävention
- Ganztägiger Mückenschutz: Repellentien, bedeckende Kleidung, Moskitonetz, klimatisierte Räume [1].
- Nach der Rückkehr in der Mückensaison Mückenschutz bis 14 Tage, Erkrankte vor allem in der ersten Krankheitswoche. So werden heimische Tigermücken nicht infiziert [1][6].
- Impfung nach STIKO für Reisende ab 12 Jahren in ein Ausbruchsgebiet oder bei längerem Aufenthalt mit erhöhtem Risiko für einen schweren oder chronischen Verlauf. Der Virus-like-particle-Impfstoff ist ab 12 Jahren zugelassen und ab 60 Jahren der einzige empfohlene. Den attenuierten Lebendimpfstoff empfiehlt die STIKO nur von 12 bis 59 Jahren [1][7].

Nach Zulassung des Lebendimpfstoffs traten vor allem bei Älteren schwere Nebenwirkungen auf (Enzephalitis, kardiale Ereignisse), auf La Réunion ein Todesfall mit plausiblem Zusammenhang. Er ist bei Immundefizienz, in der Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert [1][18].
Quellen & Hinweise
- [1] Ständige Impfkommission, Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit. Empfehlungen der STIKO und der DTG zu Reiseimpfungen. Epid Bull. 2026;(27):1–112. doi:10.25646/14248
- [2] World Health Organization. WHO guidelines for clinical management of arboviral diseases: dengue, chikungunya, Zika and yellow fever. Genf: WHO, 2025. who.int
- [3] European Centre for Disease Prevention and Control. Historical data on local transmission in the EU/EEA of chikungunya virus disease. ecdc.europa.eu
- [4] Robert Koch-Institut. Autochthoner Chikungunya-Fall in Frankreich nahe der deutsch-französischen Grenze festgestellt. Epid Bull. 2025;(28):39–40. rki.de
- [5] Bös L, Enkelmann J. Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten – Importierte Infektionskrankheiten 2024. Epid Bull. 2025;(48):3–22. doi:10.25646/13568
- [6] Lachmann R, Frank C, Jung-Sendzik T. Saison 2026 stechmückenübertragener Krankheitserreger in Deutschland beginnt. Epid Bull. 2026;(25):12–15. doi:10.25646/14274
- [7] Ständige Impfkommission. Beschluss und wissenschaftliche Begründung der STIKO-Empfehlung zur Impfung gegen Chikungunya. Epid Bull. 2025;(28):3–38. doi:10.25646/13274.2
- [8] Contopoulos-Ioannidis D, Newman-Lindsay S, Chow C, LaBeaud AD. Mother-to-child transmission of chikungunya virus: a systematic review and meta-analysis. PLoS Negl Trop Dis. 2018;12(6):e0006510. doi:10.1371/journal.pntd.0006510
- [9] Robert Koch-Institut. Falldefinitionen des RKI 2026: Chikungunyavirus-Erkrankung. Stand 01.01.2026. rki.de
- [10] Centers for Disease Control and Prevention. Treatment and prevention of chikungunya virus disease. Stand 19.02.2026. cdc.gov
- [11] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), § 7. gesetze-im-internet.de
- [12] Société de pathologie infectieuse de langue française. Recommandations nationales sur la prise en charge du chikungunya (formes aiguës, formes persistantes). Version définitive du 21/11/2014. infectiologie.com. Zeitschriftenfassung: Simon F et al. Med Mal Infect. 2015;45(7):243–263. doi:10.1016/j.medmal.2015.05.007
- [13] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical signs and symptoms of chikungunya virus disease. Geprüft 21.10.2026. cdc.gov
- [14] Paquet D, Jung L, Trawinski H, Wendt S, Lübbert C. Fieber bei Reiserückkehrern. Dtsch Arztebl Int. 2022;119(22-23):400–407. doi:10.3238/arztebl.m2022.0182
- [15] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical testing and diagnosis for chikungunya virus disease. Stand 19.11.2025. cdc.gov
- [16] Pan American Health Organization. Guidelines for the clinical diagnosis and treatment of dengue, chikungunya, and Zika. Washington, D.C.: PAHO, 2022. doi:10.37774/9789275124871
- [17] Webb E, Michelen M, Rigby I, Dagens A, Dahmash D, Cheng V, et al. An evaluation of global Chikungunya clinical management guidelines: a systematic review. EClinicalMedicine. 2022;54:101672. doi:10.1016/j.eclinm.2022.101672
- [18] Mosnier E, Jaffar-Bandjee MC, Cally R, Dahmane L, Frumence E, Luong Nguyen LB, et al. Fatal adverse event after VLA1553 chikungunya vaccination in an elderly patient: a case report from Reunion Island. Open Forum Infect Dis. 2025;12(9):ofaf550. doi:10.1093/ofid/ofaf550
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