Dengue

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Dengue ist die häufigste Ursache von Fieber bei Reiserückkehrern aus Südostasien, Lateinamerika und der Karibik [1]. In Deutschland wurden 2024 1.717 Fälle gemeldet, so viele wie nie zuvor [2]. 2026 fiel ein Anstieg nach Aufenthalten auf den Malediven auf [3].

Die meisten Verläufe sind mild. Gefährlich ist die kritische Phase um die Entfieberung, meist am 3. bis 7. Krankheitstag. Dann tritt Plasma aus den Gefäßen aus, während die Patient:innen mit sinkendem Fieber besser wirken [4][5].

Keine NSAR, keine Acetylsalicylsäure, keine Steroide, keine vorbeugende Thrombozytengabe. Eine Malaria muss immer parallel ausgeschlossen werden [5][6].

Siehe auch Fieber bei Reiserückkehrern und Malaria.

Steckbrief

MerkmalDengue
ErregerDengue-Virus (Flavivirus), 4 Serotypen DENV-1 bis DENV-4. Eine Infektion schützt lebenslang nur gegen denselben Serotyp [1]
VerbreitungTropen und Subtropen weltweit, vor allem Südostasien, Südasien, Mittel- und Südamerika, Karibik, Pazifik, auch Afrika. Häufigste Infektionsländer 2024: Thailand, Indonesien, Brasilien, französische Überseegebiete, Indien [2]. Autochthone Ausbrüche in Frankreich, Italien und Spanien, in Deutschland bisher nicht [7][1]
ÜbertragungStich von Aedes aegypti und Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke), vor allem tagsüber. Selten von der Mutter auf das Kind, durch Blut oder Organe. Sexuelle Übertragung extrem selten [1][8]
Inkubationmeist 4–7 Tage (3–14 Tage) [9][1]. Beginn 21 Tage oder später nach der letzten Exposition macht Dengue weitgehend unwahrscheinlich [6]
Ansteckungnicht von Mensch zu Mensch (außer Blut, Organe, vertikal). Virämische Patient:innen können heimische Tigermücken infizieren [1]
Isolierungkeine, Standardhygiene. In der Mückensaison (Sommer bis Frühherbst) ganztägiger Mückenschutz bis 14 Tage nach der Reise [1]
MeldepflichtLabormeldung nach § 7 IfSG [10]

Red Flags

Warnzeichen treten meist um die Entfieberung auf. Jedes Warnzeichen bedeutet stationäre Aufnahme [11][5]:

  • zunehmende oder anhaltende starke Bauchschmerzen
  • anhaltendes Erbrechen (3-mal in 1 h oder 4-mal in 6 h)
  • Flüssigkeitsansammlung (Aszites, Pleuraerguss), klinisch oder sonographisch
  • Schleimhautblutung (Zahnfleisch, Nase, vaginal, Hämaturie)
  • Lethargie, Unruhe oder Somnolenz
  • Lebervergrößerung über 2 cm unter dem Rippenbogen
  • Hämatokritanstieg in mindestens 2 Messungen bei raschem Thrombozytenabfall

Schockzeichen: kalte Extremitäten, Rekapillarisierungszeit über 2 s, kleine Blutdruckamplitude, Hypotonie. Ist der Blutdruck einmal gefallen, kann der Schock rasch irreversibel werden [4].

Bei Verdacht auf Dengue keine NSAR und keine Acetylsalicylsäure, auch nicht gegen Kopf- oder Gliederschmerzen, bis Dengue ausgeschlossen ist. Sie erhöhen das Blutungsrisiko [5].

Klinik

Etwa 75 % der Infektionen verlaufen ohne oder mit milden Beschwerden [1].

PhaseZeitMerkmale
febrilTag 1–7plötzliches hohes Fieber, retroorbitale Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Übelkeit, Exanthem. Labor: Leukopenie, Thrombozytopenie, Transaminasen erhöht [1][4]
kritischum die Entfieberung, meist Tag 3–7, Dauer 24–48 hPlasmaleckage, steigender Hämatokrit, fallende Thrombozyten, Warnzeichen, Schockgefahr [4][5]
ErholungdanachRückresorption der Flüssigkeit, Gefahr der Überwässerung bei fortgesetzter Infusion. Exanthem „weiße Inseln im roten Meer“. Müdigkeit über Wochen [8][1]

Schweres Dengue: Schock oder Flüssigkeitsansammlung mit Atemnot, schwere Blutung oder schwere Organbeteiligung (Leber, Niere, Herz, ZNS) [4]. Höheres Risiko bei Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp, in der Schwangerschaft, im hohen Alter und bei Vorerkrankungen [5][1].

Schwangerschaft: Übertragung auf das Kind vor oder um die Geburt möglich, mit Frühgeburt und niedrigem Geburtsgewicht. Schwangere werden stationär aufgenommen [12][11].

Diagnostik

Immer zuerst die Reiseroute erfragen: Aufenthalt in einem Dengue-Gebiet in den letzten 14 Tagen vor Symptombeginn. Eine Malaria muss parallel ausgeschlossen werden [6].

Nach Krankheitstag

KrankheitstagTestHinweis
1–7NS1-Antigen (ELISA) oder PCR, dazu IgMEin negativer NS1- oder PCR-Befund schließt Dengue nicht aus. Ein NS1-Schnelltest allein reicht nicht [13][9]
ab Tag 7IgM und IgG, möglichst mit Folgeprobe nach 1–2 WochenIgM kreuzreagiert mit Zika, West-Nil, Gelbfieber, FSME und Japanischer Enzephalitis, auch nach Impfung [13][1]
nach Dengue-ImpfungNS1, PCR und Antikörper können bis Tag 14 positiv seinsogenannte Impf-Dengue, ohne Wildvirus keine Meldung [1][14]

STIKO und DTG empfehlen in den ersten 3 Krankheitswochen NS1, IgM und IgG gemeinsam, möglichst als Serumpaar. Die CDC hält IgG aus einer einzelnen Probe für die Akutdiagnose für ungeeignet, weil es auch frühere Infektionen anzeigt. Beides passt zusammen: IgG hilft nur im Verlauf [1][13].

Basislabor

  • Blutbild mit Hämatokrit und Thrombozyten (Ausgangswert), Leberwerte, Kreatinin, Elektrolyte, Glukose, Gerinnung bei Blutung [15].
  • Thrombozytopenie, steigender Hämatokrit und Leukopenie sprechen eher für Dengue als für Chikungunya oder Zika [5].
  • Differenzialdiagnosen: Malaria, Chikungunya (Gelenkschmerzen), Zika (Juckreiz, Konjunktivitis), Leptospirose, Rickettsiosen, Typhus, akute HIV-Infektion [5][6].
  • Nach Aufenthalt in Lateinamerika oder der Karibik auch an Oropouche denken. Das Bild gleicht Dengue, Rückfälle nach Tagen bis Wochen sind typisch.

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

GruppeKriterienVorgehen
A, ambulanttrinkt ausreichend, Urin mindestens alle 6 h, keine Warnzeichen, keine Risikofaktoren, stabiler Hämatokrit, Versorgung und Wiedervorstellung gesichertprotokollierte Trinkmenge bis etwa 3 l pro Tag, Paracetamol, kein NSAR. Tägliche Kontrolle von Blutbild mit Hämatokrit und Thrombozyten während der kritischen Phase um die Entfieberung (meist Tag 3–7). Sofortige Wiedervorstellung bei Warnzeichen [15][16][5]
B, stationärWarnzeichen, Schwangerschaft, Alter ab 65 Jahren oder unter 1 Jahr, Diabetes, Niereninsuffizienz, Gerinnungsstörung oder Antikoagulation, unzureichende Trinkmenge, Atemnot, Hypotonie, allein lebend oder ohne sichere WiedervorstellungAusgangs-Hämatokrit vor Infusion. Isotone Kristalloide, bei Warnzeichen 5–7 ml/kg/h für 1–2 h, dann schrittweise reduzieren. Hämatokrit alle 6–12 h. Ziel Urin etwa 0,5 ml/kg/h. Infusion meist nur 24–48 h [15][11][16]
C, Intensivstationschweres Dengue (Schock, Atemnot durch Flüssigkeit, schwere Blutung, Organversagen)Schocktherapie mit isotonen Kristalloiden, Steuerung nach Rekapillarisierung und Laktat. Blut nur bei Blutung [5][15]

Kristalloide und Rückresorption

Kristalloide sind Kolloiden vorzuziehen [5][11]. In der Erholungsphase wird die ausgetretene Flüssigkeit zurückresorbiert. Die Infusion rechtzeitig reduzieren, sonst droht Überwässerung [15].

Therapie

Es gibt keine antivirale Therapie. Die Behandlung ist supportiv. Antibiotika nur bei einer zweiten, bakteriellen Diagnose [5][8].

Fieber und Schmerzen

  • 1. Wahl
    • Paracetamol – 500 mg bis 1 g po alle 4–6 h, höchstens 4 g pro Tag [5]
      • bei Leberinsuffizienz höchstens 2 g pro Tag
      • bei GFR 10–50 ml/min alle 6 h, unter 10 ml/min alle 8 h [5]
  • Hinweise
    • Keine NSAR, keine Acetylsalicylsäure, solange Dengue nicht ausgeschlossen ist [5].
    • Eine laufende ASS-Dauertherapie (z. B. bei KHK) individuell abwägen [5].

Was nicht hilft

  • Keine Kortikosteroide, weder bei nicht schwerem noch bei schwerem Dengue [5][11].
  • Keine vorbeugende Thrombozytentransfusion, auch nicht unter 50.000/µl, solange keine Blutung besteht. Ausnahmen: Operation, invasiver Eingriff, laufende Antikoagulation [5][11][16].
  • Keine Immunglobuline [5][11].

Prävention

  • Ganztägiger Mückenschutz: bedeckende Kleidung, Repellentien, Moskitonetz, klimatisierte Räume. Aedes sticht vor allem tagsüber [1].
  • Nach der Rückkehr in der Mückensaison Mückenschutz bis 14 Tage, auch ohne Beschwerden, damit sich heimische Tigermücken nicht infizieren [1][17].
  • Impfung mit dem tetravalenten attenuierten Lebendimpfstoff: STIKO und DTG empfehlen sie Reisenden ab 4 Jahren nach einer im Labor bestätigten früheren Dengue und mit erhöhtem Expositionsrisiko. Zwei Dosen im Abstand von mindestens 3 Monaten, vor der Ausreise abgeschlossen. Keine allgemeine Empfehlung für Menschen ohne frühere Dengue. Nicht in Schwangerschaft, Stillzeit und bei Immundefizienz. Nach der Impfung 30 Minuten Nachbeobachtung [1].
  • Eine frühere Dengue schützt nur gegen denselben Serotyp. Eine Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp verläuft häufiger schwer. Reisende mit früherer Dengue besonders zum Mückenschutz beraten [1].

Quellen & Hinweise

  • [1] Ständige Impfkommission, Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit. Empfehlungen der STIKO und der DTG zu Reiseimpfungen. Epid Bull. 2026;(27):1–112. doi:10.25646/14248
  • [2] Bös L, Enkelmann J. Zur Situation bei wichtigen Infektionskrankheiten – Importierte Infektionskrankheiten 2024. Epid Bull. 2025;(48):3–22. doi:10.25646/13568
  • [3] Robert Koch-Institut. Anstieg importierter Denguefieberfälle nach Aufenthalt auf den Malediven. Epid Bull. 2026;(17):15. rki.de
  • [4] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical signs and symptoms of dengue. Stand 24.02.2026. cdc.gov
  • [5] World Health Organization. WHO guidelines for clinical management of arboviral diseases: dengue, chikungunya, Zika and yellow fever. Genf: WHO, 2025. who.int
  • [6] Paquet D, Jung L, Trawinski H, Wendt S, Lübbert C. Fieber bei Reiserückkehrern. Dtsch Arztebl Int. 2022;119(22-23):400–407. doi:10.3238/arztebl.m2022.0182
  • [7] European Centre for Disease Prevention and Control. Local transmission of dengue virus in mainland EU/EEA, 2010-present. ecdc.europa.eu
  • [8] Sánchez-González L, Adams LE, Paz-Bailey G. Dengue. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
  • [9] Robert Koch-Institut. Falldefinitionen des RKI 2026: Denguefieber (Denguevirus). Stand 01.01.2026. rki.de
  • [10] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), § 7. gesetze-im-internet.de
  • [11] Pan American Health Organization. Guidelines for the clinical diagnosis and treatment of dengue, chikungunya, and Zika. Washington, D.C.: PAHO, 2022. doi:10.37774/9789275124871
  • [12] Centers for Disease Control and Prevention. Dengue during pregnancy. Stand 30.01.2025. cdc.gov
  • [13] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical testing and diagnosis for dengue. Stand 26.08.2025. cdc.gov
  • [14] Robert Koch-Institut. Denguefieber und -Impfung: Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand 17.03.2025. rki.de
  • [15] World Health Organization. Dengue guidelines for diagnosis, treatment, prevention and control: new edition. Genf: WHO, 2009. who.int
  • [16] Centers for Disease Control and Prevention. Dengue clinical care. Stand 15.04.2026. cdc.gov
  • [17] Lachmann R, Frank C, Jung-Sendzik T. Saison 2026 stechmückenübertragener Krankheitserreger in Deutschland beginnt. Epid Bull. 2026;(25):12–15. doi:10.25646/14274

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