Gefäßprotheseninfektion

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 25.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 25.10.2026

Kurzüberblick

Infektionen von Gefäßprothesen und Stentgrafts sind selten, aber schwer. Nach Eingriffen an der thorakalen Aorta liegt die Rate wahrscheinlich bei 1–2 % (endovaskulär) bzw. 1–3 % (offen) [1]. Ohne vollständige Sanierung kommt es häufig zum Rezidiv [2].

Die Behandlung gehört in ein interdisziplinäres Team aus Gefäßchirurgie, Infektiologie, Mikrobiologie, Radiologie und Nuklearmedizin. Bei intrakavitärer Infektion in ein Zentrum [1]. Grundlage ist die Leitlinie der European Society for Vascular Surgery 2026 [1].

Wichtigste Regel für die Antiinfektiva: Bei stabilen Patient:innen erst Proben gewinnen, dann behandeln.

Einteilung nach Lage

LageBeispieleBesonderheiten
ExtrakavitärLeiste, Bein, Shunthäufigste Form. Leistenschnitt und Wundheilungsstörung sind die stärksten Risikofaktoren [3]
Intrakavitär abdominalAortenprothese, Endograft nach EVARoft polymikrobiell, Darmflora. Gefahr der aorto-enterischen Fistel
Intrakavitär thorakalAorta descendens, TEVARFisteln zu Ösophagus oder Atemwegen möglich
SupraaortalCarotis, Subclaviaselten

Red Flags

  • Blutung aus der Anastomose oder dem Wundbereich
  • Gastrointestinale Blutung bei Aortenprothese: aorto-enterische Fistel
  • Hämoptysen oder Hämatemesis nach TEVAR: Fistel zu Atemwegen oder Ösophagus
  • Freiliegende Prothese, Fistel in der Leiste
  • Sepsis bei Gefäßprothese ohne anderen Fokus

Bei massiver Blutung ist die endovaskuläre Versorgung als Brücke die erste Maßnahme [1].

Diagnostik

MAGIC-Kriterien

KategorieHauptkriteriumNebenkriterium
Klinik und OperationEiter um die Prothese (intraoperativ, mikroskopisch bestätigt). Verbindung zu einem unsterilen Bereich: Fistel, freiliegende Prothese, Endograft in infiziertem Feldlokale Zeichen, Fieber ab 38 °C ohne anderen Fokus
Bildgebungzunehmendes Gas um die Prothese im Verlauf, Gas ab 7 Wochen oder Flüssigkeit ab 3 Monaten nach Implantationandere CT-Zeichen (Phlegmone, Psoasabszess, Spondylodiszitis) oder auffälliges PET/CT bzw. Leukozytenszintigraphie
LaborErreger aus Punktat, Explantat oder intraoperativer Probepositive Blutkulturen oder erhöhte Entzündungswerte ohne andere Ursache
Verdacht: 1 Haupt- oder 2 Nebenkriterien aus verschiedenen Kategorien. Diagnose: 1 Hauptkriterium plus 1 weiteres Kriterium aus einer anderen Kategorie [4][1]. Sensitivität 99 %, Spezifität 61 % [5].

Ein normales CRP machte eine Gefäßprotheseninfektion in einer Verlaufskohorte praktisch unwahrscheinlich [6].

Bildgebung

  • Mehrphasige CT-Angiographie als erste Untersuchung [1].
  • FDG-PET/CT oder Leukozyten-SPECT/CT ergänzend. In den ersten 4 Monaten nach der Operation ist die Leukozytenszintigraphie vorzuziehen [1][7].

Mikrobiologie

  • Infektiologie oder Mikrobiologie von Anfang an einbeziehen [1].
  • 3 Blutkultur-Paare (gesamt 60 ml), möglichst vor der Antibiose [1].
  • Mindestens 3 tiefe Gewebeproben, das Explantat in mehrere Stücke teilen, getrennte Gefäße. Bebrütung 10–14 Tage. Sonikation und molekulare Diagnostik erhöhen die Ausbeute [1].
  • Keine Kulturen aus oberflächlichen Wunden, Fistelgängen oder Unterdruck-Schwämmen [1].
  • Bei unklarer Diagnose oder geplanter konservativer Therapie bildgesteuerte Punktion vor der Operation [1].
  • Kulturnegativ: Serologie auf Coxiella burnetii, Bartonella und Brucella, Mykobakterien. Laufende Antibiose eventuell 48 h pausieren und neu abnehmen [1].

Therapie

Bei stabilen Patient:innen die Antibiose erst nach Gewebeprobe beginnen [1]. Eine lange Antibiose vor der Operation selektiert resistente Erreger und Candida. Bei Sepsis, septischem Schock oder Blutung sofort kalkuliert behandeln. Nach Kulturergebnis gezielt umstellen [1].

Kalkulierte Therapie nach Lage

  • Extrakavitär (Leiste, Bein)
    • Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
    • plus Vancomycin – nach Dosierungsschema (Start 2x 15 mg/kg KG iv), Spiegelkontrolle
    • Daptomycin statt Vancomycin, besonders bei Nierenrisiko
  • Abdominal
    • Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv. Auf ITS/IMC erste Gabe über 30 min, danach jeweils über 4 h. Auf Normalstation als Kurzinfusion
    • plus Vancomycin – nach Dosierungsschema (Start 2x 15 mg/kg KG iv), Spiegelkontrolle, oder Daptomycin
    • bei Erosion oder Fistel zum Darm zusätzlich Caspofungin – Tag 1 70 mg iv, dann 1x 50 mg iv, ab 80 kg KG 1x 70 mg iv [1]
  • Thorakal ohne Fistel
    • Vancomycin – nach Dosierungsschema (Start 2x 15 mg/kg KG iv), Spiegelkontrolle
    • oder Daptomycin – 1x 8–10 mg/kg KG iv (hohe Dosis off-label, CK-Kontrolle)
    • Vancomycin erfasst Staphylokokken, Streptokokken und Enterokokken, die die Leitlinie hier verlangt [1].
    • bei Fistel zu Atemwegen oder Ösophagus wie abdominal, mit Caspofungin
  • Hinweise
    • Penicillinallergie: Risiko mit dem PEN-FAST-Rechner einschätzen. Bei niedrigem Risiko Cefazolin. Bei bestätigter Allergie Vancomycin oder Daptomycin. Bei intrakavitärer Lage dann Meropenem 3x 1 g iv plus Vancomycin.
    • Kein Aminoglykosid als Standard.
    • Piperacillin/Tazobactam oder Carbapenem: Kapitel Piperacillin/Tazobactam oder Carbapenem.

Gezielte Therapie

  • MSSA, methicillinempfindliche KNS
    • Flucloxacillin – 4x 3 g iv auf Normalstation (off-label nach allgemeinem Expertenkonsens), auf ITS/IMC 6x 2 g iv
    • oder Cefazolin – 3x 2 g iv
    • oder Daptomycin – 1x 8–10 mg/kg KG iv (hohe Dosis off-label, CK-Kontrolle)
  • MRSA, methicillinresistente KNS
    • Vancomycin – nach Dosierungsschema (Start 2x 15 mg/kg KG iv), Spiegelkontrolle
    • oder Daptomycin – 1x 8–10 mg/kg KG iv (hohe Dosis off-label, CK-Kontrolle)
  • Streptokokken
    • Penicillin G – 4x 5 Mio IE iv
  • E. faecalis
    • Ampicillin plus Ceftriaxon wie im Kapitel Endokarditis [1]
  • Enterobacterales
    • Ceftriaxon – 1x 2 g iv
    • oder Piperacillin/Tazobactam – 4x 4,5 g iv
    • nach Antibiogramm
  • P. aeruginosa
    • nach Antibiogramm
  • Candida

Biofilmaktive Folgetherapie bei verbleibendem Fremdmaterial

Staphylokokken: zusätzlich Rifampicin 2x 450 mg po, kombiniert mit Cotrimoxazol 3x 960 mg po oder Doxycyclin 2x 100 mg po. Rifampicin ist in Kohorten mit weniger Therapieversagen verbunden [8]. Erst nach Wundverschluss und negativen Blutkulturen beginnen. Alle Rifampicin-Resistenzen traten bei offener Wunde auf [9]. Rifampicin nicht zur Langzeitsuppression [1].

Gramnegative: Ciprofloxacin 2x 750 mg po als begründete Reserve. Es ist die einzige orale biofilmaktive Option gegen Gramnegative.

Fluorchinolone erhöhen das Risiko für Aortenaneurysma und Aortendissektion [10]. Bei Aortenprothese oder Aneurysma nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung und gemeinsam mit der Infektiologie. Linezolid höchstens 28 Tage.

Langzeit- und Suppressionstherapie

Wenn eine Restinfektion wahrscheinlich ist, etwa nach partieller Explantation, bei Erhalt der Prothese oder bei konservativer Therapie, wird die Antibiose langfristig oder lebenslang fortgeführt [1]. Die Betreuung läuft über ein ambulantes parenterales Programm (OPAT) [1]. Ein Absetzversuch unter engmaschiger Kontrolle ist möglich, wenn eine Restinfektion unwahrscheinlich ist: keine klinischen Zeichen, Leukozyten und CRP normal, unauffällige Bildgebung [1].

Chirurgie (Einordnung)

LageVorgehen nach ESVS
Abdominalvollständige Explantation mit Rekonstruktion in situ als kurative Erstlinie, bevorzugt autologe Vene oder bovines Perikard, Omentumplastik. Aorto-enterische Fistel: Darmnaht plus Explantation [1]
Thorakal ohne Fistelbei den meisten zuerst konservativ mit engmaschiger Kontrolle. Explantation bei geeigneten Patient:innen oder Versagen [1]
Leiste und BeinExplantation, Rekonstruktion mit autologer Vene. Erhalt nur bei begrenzter Infektion ohne Anastomosenbefall [1]
Alle Lagenkeine rifampicingetränkten Prothesen zur Behandlung [1]

Therapiedauer

SituationDauer
Vollständige Explantationmindestens 6 Wochen nach der Operation. Kürzer möglich nach Rekonstruktion mit autologer Vene oder ohne Rekonstruktion, wenn alles Infizierte entfernt ist [1]
Partielle Explantationverlängert, nach Kulturen der Prothesenränder [1]
Restinfektion wahrscheinlich (Erhalt, konservativ)Langzeit- oder lebenslange Therapie, Absetzversuch im Team [1]

Wechsel auf orale Therapie 10–14 Tage nach der Operation bei stabilen Patient:innen, wenn gut bioverfügbare Mittel verfügbar sind [1]. Verlängern bei weiter erhöhten Entzündungswerten oder nicht drainierten Flüssigkeitsverhalten.

Erreger

LageHäufigste Erreger
ExtrakavitärS. aureus (35 %), KNS (18 %), Enterobacterales (23 %), Enterokokken (12 %). 34–44 % der Staphylokokken sind methicillinresistent [1]
Abdominalgramnegative Stäbchen (25 %), Enterokokken (15 %), Hefen (15 %), S. aureus (14 %), KNS (14 %), Anaerobier (10 %). Polymikrobiell in 28 % [1]
ThorakalS. aureus (20 %), Streptokokken (14 %), KNS (13 %), Enterokokken [1]

Candida kommt bei Fistel zum Darm deutlich häufiger vor, aber auch ohne Fistel bei etwa 10 %. Sie verschlechtert die Prognose [1].

Prävention

  • Perioperative Prophylaxe bei jeder Gefäßprothese (I A): Cefazolin 2 g iv vor dem Schnitt, bei langer Operation wiederholen, höchstens 24 h [1][11].
  • Auch bei bereits laufender Antibiose eine gezielte Prophylaxe geben. Ohne sie war das Risiko einer späteren Protheseninfektion fast dreifach erhöht [3].
  • Prophylaxe vor Eingriffen mit hohem Bakteriämierisiko bei intrakavitärer Prothese oder Endograft: zahnärztliche Eingriffe an Zahnfleisch oder Wurzelspitze, Eingriffe mit Eröffnung des Darms, urologische Eingriffe [1]. Substanzwahl wie im Kapitel Endokarditis.
  • Wundheilungsstörungen in der Leiste früh erkennen und behandeln [3].

Quellen & Hinweise

  • [1] Lejay A, Saleem BR, Barwick TD, et al. European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2026 Clinical Practice Guidelines on the Management of Vascular Graft and Endograft Infections. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2026;72(2):227–293. doi:10.1016/j.ejvs.2026.05.035
  • [2] Gavali H, Mani K, Furebring M, et al. Semi-conservative treatment versus radical surgery in abdominal aortic graft and endograft infections. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2023;66(3):397–406. doi:10.1016/j.ejvs.2023.06.019
  • [3] Anagnostopoulos A, Ledergerber B, Kuster SP, et al. Inadequate perioperative prophylaxis and postsurgical complications after graft implantation are important risk factors for subsequent vascular graft infections: prospective results from the Vascular Graft Infection Cohort Study. Clin Infect Dis. 2019;69(4):621–630. doi:10.1093/cid/ciy956
  • [4] Lyons OTA, Baguneid M, Barwick TD, et al. Diagnosis of aortic graft infection: a case definition by the Management of Aortic Graft Infection Collaboration (MAGIC). Eur J Vasc Endovasc Surg. 2016;52(6):758–763. doi:10.1016/j.ejvs.2016.09.007
  • [5] Anagnostopoulos A, Mayer F, Ledergerber B, et al. Validation of the Management of Aortic Graft Infection Collaboration (MAGIC) criteria for the diagnosis of vascular graft/endograft infection: results from the prospective Vascular Graft Cohort Study. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2021;62(2):251–257. doi:10.1016/j.ejvs.2021.05.010
  • [6] Lyons O, Sivaharan A, Gradinariu G, et al. Outcomes of aortic graft and endograft infection using Management of Aortic Graft Infection Collaboration diagnostic criteria: recommendations for follow up. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2026;72(2):294–302. doi:10.1016/j.ejvs.2026.02.020
  • [7] Lauri C, Signore A, Glaudemans AWJM, et al. Evidence-based guideline of the European Association of Nuclear Medicine (EANM) on imaging infection in vascular grafts. Eur J Nucl Med Mol Imaging. 2022;49(10):3430–3451. doi:10.1007/s00259-022-05769-x
  • [8] Coste A, Poinot M, Panaget S, et al. Use of rifampicin and graft removal are associated with better outcomes in prosthetic vascular graft infection. Infection. 2021;49(1):127–133. doi:10.1007/s15010-020-01551-z
  • [9] Leung YKS, Ledergerber B, Eberhard N, et al. Open wounds and rifampicin therapy are associated with rifampicin resistance among staphylococcal vascular graft/endograft infections. JAC Antimicrob Resist. 2021;3(1):dlab041. doi:10.1093/jacamr/dlab041
  • [10] Rote-Hand-Brief zu systemisch und inhalativ angewendeten Fluorchinolonen: Risiko für Aortenaneurysma und Aortendissektion. BfArM, 2018. bfarm.de
  • [11] Stewart A, Eyers PS, Earnshaw JJ. Prevention of infection in arterial reconstruction. Cochrane Database Syst Rev. 2006;(3):CD003073. doi:10.1002/14651858.CD003073.pub2

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