Leishmaniose

Autor:innen Masen SueifanFachlich geprüft von Masen Sueifan am 26.10.2026Gültig bis 10/2028Zuletzt geändert 26.10.2026

Kurzüberblick

Leishmanien sind Protozoen, die von Sandmücken übertragen werden. Die Erkrankung tritt kutan, mukokutan oder viszeral (Kala-Azar) auf [1][2]. Nach Deutschland importierte viszerale Leishmaniosen stammen meist aus dem Mittelmeerraum [2].

Kutan: nicht zeitkritisch. Biopsie mit PCR und Speziesbestimmung, dann Therapie im Zentrum [1]. Viszeral: an Leishmaniose denken bei Fieber, Splenomegalie und Panzytopenie nach Aufenthalt im Endemiegebiet, auch Jahre später und unter Immunsuppression [2].

Beide deutschen Leitlinien sind älter (kutan Stand 2010, viszeral Stand 2016, abgelaufen). Wo neuere internationale Empfehlungen abweichen, ist das genannt.

Siehe auch Hautveränderungen nach Reise und Fieber bei Reiserückkehrern.

Steckbrief

MerkmalLeishmaniose
ErregerLeishmania-Arten. Alte Welt kutan vor allem L. major, L. tropica, L. aethiopica. L. infantum kutan und viszeral (Mittelmeerraum), L. donovani viszeral (Ostafrika, Indien). Neue Welt L.-mexicana-Komplex und Subgenus Viannia (L. braziliensis u. a.) mit Schleimhautrisiko [1][3]
VerbreitungMittelmeerraum (Spanien, Italien, Griechenland, Türkei, Südfrankreich, Portugal), Naher Osten, Afrika, Indien, Mittel- und Südamerika [4][2][5]
ÜbertragungStich von Sandmücken (Phlebotomus, Lutzomyia), 1–3 mm groß, dämmerungs- und nachtaktiv, Stich oft unbemerkt. Selten Blut, Organe, vertikal [1][2]
Inkubationkutan 2 Wochen bis mehrere Monate [1]. Viszeral 10 Tage bis mehrere Jahre [2]. Mukokutan bei der Hälfte nach 2 Jahren, bei 90 % binnen 10 Jahren [1]
Ansteckungnicht von Mensch zu Mensch im Alltag. Keine Isolierung [1]
Meldepflichtkeine [6]

Red Flags

  • Fieber über Wochen mit Splenomegalie und Panzytopenie nach Aufenthalt im Endemiegebiet, auch im Mittelmeerraum und auch Jahre zurück [2].
  • Unklare Ferritinerhöhung oder Hämophagozytose-Syndrom, Hypergammaglobulinämie [2].
  • Fieber, Splenomegalie oder Zytopenie bei Immunsuppression oder HIV [2].
  • Schleimhautbefall (verstopfte Nase, Nasenbluten, Septumperforation, Heiserkeit), oft Jahre nach einer Hautläsion aus Lateinamerika [1].
  • Hautläsion mit Fieber, Anämie, vielen Sekundärläsionen oder bei Immunsuppression: viszerale Aussaat ausschließen [1].

Viszerale Leishmaniosen werden oft übersehen, vor allem bei hämato-onkologischen Patient:innen und bei unklarem Fieber. Nach Mittelmeer- oder Tropenaufenthalt bei Panzytopenie und Splenomegalie daran denken [2].

Klinik

FormMerkmale
kutanrote Papel, dann Knoten oder Plaque, meist schmerzloses Ulkus mit erhabenem Randwall und Kruste an unbedeckter Haut, über Wochen. Merksatz: „schlecht heilender Insektenstich“ mit Reiseanamnese. Wichtigste Differenzialdiagnose ist das Ekthyma (schmerzhaft, Ausbreitung in Tagen) [1]
mukokutanmeist Viannia aus Lateinamerika. Beginn am Nasenseptum, Fortschreiten auf Rachen und Kehlkopf, unbehandelt zerstörend [1]
viszeral (Kala-Azar)Fieber, Hepatosplenomegalie, Panzytopenie, Gewichtsverlust, Hypergammaglobulinämie, Hypalbuminämie, selten Hyperpigmentierung der Haut [2][7]. Unbehandelt meist tödlich [5]

Komplexe kutane Läsion

Mindestens ein Merkmal: mehr als 3 Läsionen, Einzelläsion über 40 mm, Lage im Gesicht, an den Händen, über Gelenken oder nahe Schleimhäuten, Lymphangitis oder Lymphknotenbefall, Satellitenläsionen, Therapieversagen [1]. Die IDSA setzt die Grenzen bei mehr als 4 Läsionen oder ab 5 cm [8].

Diagnostik

Immer nach der Reiseroute fragen, auch nach länger zurückliegenden Aufenthalten im Mittelmeerraum. Bei Fieber nach Tropenaufenthalt parallel eine Malaria ausschließen.

FormDiagnostik
kutan und mukokutan4-mm-Stanzbiopsie vom Rand der Läsion, geteilt in steriles NaCl 0,9 % (Mikroskopie, PCR, Kultur) und Formalin (Histologie). PCR mit Speziesbestimmung. Mehrere Methoden aus derselben Probe erhöhen die Ausbeute. Keine Serologie bei einzelner Läsion der Alten Welt [1]
viszeralzuerst PCR aus peripherem Blut, sie ist so sensitiv wie Knochenmark. Bei negativem Befund und weiter bestehendem Verdacht Knochenmarkaspirat (Mikroskopie, PCR). Serologie nur ergänzend: falsch positiv bei kutaner Leishmaniose, Chagas, Schlafkrankheit, Malaria, Tuberkulose, falsch negativ bei fortgeschrittener HIV bis 50 %. Positive Serologie immer durch Erregernachweis bestätigen [2]

Bei viszeraler Leishmaniose zusätzlich

  • Blutbild, CRP oder BSG, Gerinnung, Leberwerte, Kreatinin oder Cystatin C, Elektrolyte, Eiweißelektrophorese [2].
  • Sonographie des Abdomens, Röntgen-Thorax (Tuberkulose), HIV-Test [2].

Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz

  • Kutan: keine Therapie auf Verdacht. Biopsie veranlassen und an ein tropenmedizinisches oder dermatologisches Zentrum überweisen. Die Speziesbestimmung kann abgewartet werden [1].
  • Viszeral: stationäre Aufnahme und Kontakt mit einem tropenmedizinischen Zentrum. Die iv-Therapie erfolgt immer stationär [2].
  • Bakterielle Superinfektion einer Hautläsion vor der Biopsie behandeln [1].

Therapie

Kutane und mukokutane Leishmaniose

  • lokal
    • einfache Läsionen der Alten Welt und des L.-mexicana-Komplexes, Schwangere [1]
  • systemisch
    • komplexe Läsionen, Viannia und L. amazonensis, Schleimhautbefall, rezidivierende, disseminierte und diffuse Formen, Immunsuppression [1]
  • Hinweise
    • Bei Herkunft aus Gebieten mit Viannia immer systemisch, keine Lokaltherapie, solange Viannia nicht ausgeschlossen ist [1].
    • Substanz und Verfahren je nach Spezies im Zentrum. Viele Präparate sind in Deutschland nicht zugelassen [1].
    • Nicht jede einfache Läsion muss behandelt werden. Abwarten ist im Einzelfall möglich [1][8].

Viszerale Leishmaniose, immunkompetent

  • 1. Wahl
    • Liposomales Amphotericin B – Gesamtdosis 20 mg/kg iv, verteilt auf mindestens 5 Einzeldosen zu 3–4 mg/kg über 10–21 Tage (z. B. Tag 0, 1, 2, 3, 4 und 10), Infusion über mindestens 2 h [2]
      • Blutbild, Nierenfunktion und Elektrolyte zweimal pro Woche [2]
      • Abbruch bei Kalium unter 3,2 mmol/l ohne ausreichende Substitution oder Kreatininanstieg über 50 % [2]
  • Alternative
    • Miltefosin – 1,5–2,5 mg/kg po, höchstens 150 mg pro Tag, 28 Tage, zu den Mahlzeiten [2]
      • kontraindiziert in Schwangerschaft und Stillzeit. Sichere Verhütung bis 5 Monate nach Therapieende [9] (AWMF: 3 Monate [2])
      • Leber- und Nierenwerte wöchentlich [2]
  • Hinweise
    • IDSA und CDC nennen 3 mg/kg an Tag 1–5, 14 und 21 (gesamt 21 mg/kg). Die Gesamtdosis ist vergleichbar [8][9].
    • Bei Erwerb in Ostafrika (L. donovani) sind höhere Gesamtdosen nötig [7].
    • Antimonverbindungen nur als Reserve im Zentrum (Kardiotoxizität, Resistenz) [2].

Viszerale Leishmaniose, immunsupprimiert oder HIV

  • 1. Wahl
    • Liposomales Amphotericin B – Gesamtdosis 30–40 mg/kg iv in mindestens 5 Einzeldosen über 10–21 Tage [2]
  • Hinweise
    • Danach Rezidivprophylaxe im Zentrum, nach AWMF liposomales Amphotericin B 3 mg/kg alle 3 Wochen. Das Rückfallrisiko steigt bei CD4 unter 250–300/µl [2].
    • IDSA und CDC: 4 mg/kg an 10 Tagen (gesamt 40 mg/kg) [8][9].
    • Behandlung immer gemeinsam mit Tropenmedizin oder Infektiologie.

Therapiedauer und Verlauf

SituationDauer und Kontrolle
viszeral, liposomales Amphotericin B10–21 Tage [2]
viszeral, Miltefosin28 Tage [2]
Ansprechen viszeralEntfieberung binnen 1 Woche, Besserung der Laborwerte binnen 2 Wochen [2]
Nachsorge viszeralalle 3 Monate über 2 Jahre: Milzgröße, Blutbild, Albumin, BSG, PCR aus Blut. Rückfälle meist in den ersten 6 Monaten. Keine erneute Knochenmarkpunktion nötig [2]
Nachsorge kutanKontrolle 1 und 3 Monate nach Therapieende, bei Viannia und mukokutaner Form zusätzlich nach 1 Jahr. Aufklärung über Reaktivierung bei späterer Immunsuppression [1]

Prävention

  • Keine Impfung, keine Chemoprophylaxe [3].
  • Schutz vor Sandmücken von der Dämmerung bis zum Morgen: lange Kleidung, Repellentien, imprägnierte Netze und Kleidung, klimatisierte Räume [3].

Quellen & Hinweise

  • [1] Boecken G, Sunderkötter C, Bogdan C, Weitzel T, Fischer M, Müller A, et al. Diagnostik und Therapie der kutanen und mukokutanen Leishmaniasis in Deutschland. J Dtsch Dermatol Ges. 2011;9 Suppl 8:1–51. doi:10.1111/j.1610-0379.2011.07820.x (AWMF-Register 042/007, Stand 11/2010)
  • [2] Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG). S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der viszeralen Leishmaniasis (Kala-Azar). AWMF-Register 042/004, Version 11/2016 (abgelaufen, in Überarbeitung). register.awmf.org
  • [3] Abbott A, Chancey RJ, Roy SL. Leishmaniasis. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
  • [4] Berriatua E, Maia C, Conceição C, Özbel Y, Töz S, Baneth G, et al. Leishmaniases in the European Union and neighboring countries. Emerg Infect Dis. 2021;27(6):1723–1727. doi:10.3201/eid2706.210239
  • [5] World Health Organization. Leishmaniasis. Fact sheet. Stand 12.01.2023. who.int
  • [6] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de
  • [7] World Health Organization. Control of the leishmaniases. Report of a meeting of the WHO Expert Committee on the Control of Leishmaniases. WHO Technical Report Series 949. Genf: WHO, 2010. who.int
  • [8] Aronson N, Herwaldt BL, Libman M, Pearson R, Lopez-Velez R, Weina P, et al. Diagnosis and treatment of leishmaniasis: clinical practice guidelines by the Infectious Diseases Society of America (IDSA) and the American Society of Tropical Medicine and Hygiene (ASTMH). Clin Infect Dis. 2016;63(12):e202–e264. doi:10.1093/cid/ciw670
  • [9] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of leishmaniasis. Stand 13.03.2024. cdc.gov

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