Kurzüberblick
Leishmanien sind Protozoen, die von Sandmücken übertragen werden. Die Erkrankung tritt kutan, mukokutan oder viszeral (Kala-Azar) auf [1][2]. Nach Deutschland importierte viszerale Leishmaniosen stammen meist aus dem Mittelmeerraum [2].
Kutan: nicht zeitkritisch. Biopsie mit PCR und Speziesbestimmung, dann Therapie im Zentrum [1]. Viszeral: an Leishmaniose denken bei Fieber, Splenomegalie und Panzytopenie nach Aufenthalt im Endemiegebiet, auch Jahre später und unter Immunsuppression [2].
Beide deutschen Leitlinien sind älter (kutan Stand 2010, viszeral Stand 2016, abgelaufen). Wo neuere internationale Empfehlungen abweichen, ist das genannt.
Siehe auch Hautveränderungen nach Reise und Fieber bei Reiserückkehrern.
Steckbrief
| Merkmal | Leishmaniose |
|---|---|
| Erreger | Leishmania-Arten. Alte Welt kutan vor allem L. major, L. tropica, L. aethiopica. L. infantum kutan und viszeral (Mittelmeerraum), L. donovani viszeral (Ostafrika, Indien). Neue Welt L.-mexicana-Komplex und Subgenus Viannia (L. braziliensis u. a.) mit Schleimhautrisiko [1][3] |
| Verbreitung | Mittelmeerraum (Spanien, Italien, Griechenland, Türkei, Südfrankreich, Portugal), Naher Osten, Afrika, Indien, Mittel- und Südamerika [4][2][5] |
| Übertragung | Stich von Sandmücken (Phlebotomus, Lutzomyia), 1–3 mm groß, dämmerungs- und nachtaktiv, Stich oft unbemerkt. Selten Blut, Organe, vertikal [1][2] |
| Inkubation | kutan 2 Wochen bis mehrere Monate [1]. Viszeral 10 Tage bis mehrere Jahre [2]. Mukokutan bei der Hälfte nach 2 Jahren, bei 90 % binnen 10 Jahren [1] |
| Ansteckung | nicht von Mensch zu Mensch im Alltag. Keine Isolierung [1] |
| Meldepflicht | keine [6] |
Red Flags
- Fieber über Wochen mit Splenomegalie und Panzytopenie nach Aufenthalt im Endemiegebiet, auch im Mittelmeerraum und auch Jahre zurück [2].
- Unklare Ferritinerhöhung oder Hämophagozytose-Syndrom, Hypergammaglobulinämie [2].
- Fieber, Splenomegalie oder Zytopenie bei Immunsuppression oder HIV [2].
- Schleimhautbefall (verstopfte Nase, Nasenbluten, Septumperforation, Heiserkeit), oft Jahre nach einer Hautläsion aus Lateinamerika [1].
- Hautläsion mit Fieber, Anämie, vielen Sekundärläsionen oder bei Immunsuppression: viszerale Aussaat ausschließen [1].

Viszerale Leishmaniosen werden oft übersehen, vor allem bei hämato-onkologischen Patient:innen und bei unklarem Fieber. Nach Mittelmeer- oder Tropenaufenthalt bei Panzytopenie und Splenomegalie daran denken [2].
Klinik
| Form | Merkmale |
|---|---|
| kutan | rote Papel, dann Knoten oder Plaque, meist schmerzloses Ulkus mit erhabenem Randwall und Kruste an unbedeckter Haut, über Wochen. Merksatz: „schlecht heilender Insektenstich“ mit Reiseanamnese. Wichtigste Differenzialdiagnose ist das Ekthyma (schmerzhaft, Ausbreitung in Tagen) [1] |
| mukokutan | meist Viannia aus Lateinamerika. Beginn am Nasenseptum, Fortschreiten auf Rachen und Kehlkopf, unbehandelt zerstörend [1] |
| viszeral (Kala-Azar) | Fieber, Hepatosplenomegalie, Panzytopenie, Gewichtsverlust, Hypergammaglobulinämie, Hypalbuminämie, selten Hyperpigmentierung der Haut [2][7]. Unbehandelt meist tödlich [5] |
Komplexe kutane Läsion
Mindestens ein Merkmal: mehr als 3 Läsionen, Einzelläsion über 40 mm, Lage im Gesicht, an den Händen, über Gelenken oder nahe Schleimhäuten, Lymphangitis oder Lymphknotenbefall, Satellitenläsionen, Therapieversagen [1]. Die IDSA setzt die Grenzen bei mehr als 4 Läsionen oder ab 5 cm [8].
Diagnostik
Immer nach der Reiseroute fragen, auch nach länger zurückliegenden Aufenthalten im Mittelmeerraum. Bei Fieber nach Tropenaufenthalt parallel eine Malaria ausschließen.
| Form | Diagnostik |
|---|---|
| kutan und mukokutan | 4-mm-Stanzbiopsie vom Rand der Läsion, geteilt in steriles NaCl 0,9 % (Mikroskopie, PCR, Kultur) und Formalin (Histologie). PCR mit Speziesbestimmung. Mehrere Methoden aus derselben Probe erhöhen die Ausbeute. Keine Serologie bei einzelner Läsion der Alten Welt [1] |
| viszeral | zuerst PCR aus peripherem Blut, sie ist so sensitiv wie Knochenmark. Bei negativem Befund und weiter bestehendem Verdacht Knochenmarkaspirat (Mikroskopie, PCR). Serologie nur ergänzend: falsch positiv bei kutaner Leishmaniose, Chagas, Schlafkrankheit, Malaria, Tuberkulose, falsch negativ bei fortgeschrittener HIV bis 50 %. Positive Serologie immer durch Erregernachweis bestätigen [2] |
Bei viszeraler Leishmaniose zusätzlich
- Blutbild, CRP oder BSG, Gerinnung, Leberwerte, Kreatinin oder Cystatin C, Elektrolyte, Eiweißelektrophorese [2].
- Sonographie des Abdomens, Röntgen-Thorax (Tuberkulose), HIV-Test [2].
Vorgehen in Notaufnahme und Ambulanz
- Kutan: keine Therapie auf Verdacht. Biopsie veranlassen und an ein tropenmedizinisches oder dermatologisches Zentrum überweisen. Die Speziesbestimmung kann abgewartet werden [1].
- Viszeral: stationäre Aufnahme und Kontakt mit einem tropenmedizinischen Zentrum. Die iv-Therapie erfolgt immer stationär [2].
- Bakterielle Superinfektion einer Hautläsion vor der Biopsie behandeln [1].
Therapie
Kutane und mukokutane Leishmaniose
- lokal
- einfache Läsionen der Alten Welt und des L.-mexicana-Komplexes, Schwangere [1]
- systemisch
- komplexe Läsionen, Viannia und L. amazonensis, Schleimhautbefall, rezidivierende, disseminierte und diffuse Formen, Immunsuppression [1]
- Hinweise
- Bei Herkunft aus Gebieten mit Viannia immer systemisch, keine Lokaltherapie, solange Viannia nicht ausgeschlossen ist [1].
- Substanz und Verfahren je nach Spezies im Zentrum. Viele Präparate sind in Deutschland nicht zugelassen [1].
- Nicht jede einfache Läsion muss behandelt werden. Abwarten ist im Einzelfall möglich [1][8].
Viszerale Leishmaniose, immunkompetent
- 1. Wahl
- Liposomales Amphotericin B – Gesamtdosis 20 mg/kg iv, verteilt auf mindestens 5 Einzeldosen zu 3–4 mg/kg über 10–21 Tage (z. B. Tag 0, 1, 2, 3, 4 und 10), Infusion über mindestens 2 h [2]
- Blutbild, Nierenfunktion und Elektrolyte zweimal pro Woche [2]
- Abbruch bei Kalium unter 3,2 mmol/l ohne ausreichende Substitution oder Kreatininanstieg über 50 % [2]
- Liposomales Amphotericin B – Gesamtdosis 20 mg/kg iv, verteilt auf mindestens 5 Einzeldosen zu 3–4 mg/kg über 10–21 Tage (z. B. Tag 0, 1, 2, 3, 4 und 10), Infusion über mindestens 2 h [2]
- Alternative
- Miltefosin – 1,5–2,5 mg/kg po, höchstens 150 mg pro Tag, 28 Tage, zu den Mahlzeiten [2]
- kontraindiziert in Schwangerschaft und Stillzeit. Sichere Verhütung bis 5 Monate nach Therapieende [9] (AWMF: 3 Monate [2])
- Leber- und Nierenwerte wöchentlich [2]
- Miltefosin – 1,5–2,5 mg/kg po, höchstens 150 mg pro Tag, 28 Tage, zu den Mahlzeiten [2]
- Hinweise
- IDSA und CDC nennen 3 mg/kg an Tag 1–5, 14 und 21 (gesamt 21 mg/kg). Die Gesamtdosis ist vergleichbar [8][9].
- Bei Erwerb in Ostafrika (L. donovani) sind höhere Gesamtdosen nötig [7].
- Antimonverbindungen nur als Reserve im Zentrum (Kardiotoxizität, Resistenz) [2].
Viszerale Leishmaniose, immunsupprimiert oder HIV
- 1. Wahl
- Liposomales Amphotericin B – Gesamtdosis 30–40 mg/kg iv in mindestens 5 Einzeldosen über 10–21 Tage [2]
- Hinweise
- Danach Rezidivprophylaxe im Zentrum, nach AWMF liposomales Amphotericin B 3 mg/kg alle 3 Wochen. Das Rückfallrisiko steigt bei CD4 unter 250–300/µl [2].
- IDSA und CDC: 4 mg/kg an 10 Tagen (gesamt 40 mg/kg) [8][9].
- Behandlung immer gemeinsam mit Tropenmedizin oder Infektiologie.
Therapiedauer und Verlauf
| Situation | Dauer und Kontrolle |
|---|---|
| viszeral, liposomales Amphotericin B | 10–21 Tage [2] |
| viszeral, Miltefosin | 28 Tage [2] |
| Ansprechen viszeral | Entfieberung binnen 1 Woche, Besserung der Laborwerte binnen 2 Wochen [2] |
| Nachsorge viszeral | alle 3 Monate über 2 Jahre: Milzgröße, Blutbild, Albumin, BSG, PCR aus Blut. Rückfälle meist in den ersten 6 Monaten. Keine erneute Knochenmarkpunktion nötig [2] |
| Nachsorge kutan | Kontrolle 1 und 3 Monate nach Therapieende, bei Viannia und mukokutaner Form zusätzlich nach 1 Jahr. Aufklärung über Reaktivierung bei späterer Immunsuppression [1] |
Prävention
- Keine Impfung, keine Chemoprophylaxe [3].
- Schutz vor Sandmücken von der Dämmerung bis zum Morgen: lange Kleidung, Repellentien, imprägnierte Netze und Kleidung, klimatisierte Räume [3].
Quellen & Hinweise
- [1] Boecken G, Sunderkötter C, Bogdan C, Weitzel T, Fischer M, Müller A, et al. Diagnostik und Therapie der kutanen und mukokutanen Leishmaniasis in Deutschland. J Dtsch Dermatol Ges. 2011;9 Suppl 8:1–51. doi:10.1111/j.1610-0379.2011.07820.x (AWMF-Register 042/007, Stand 11/2010)
- [2] Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG). S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie der viszeralen Leishmaniasis (Kala-Azar). AWMF-Register 042/004, Version 11/2016 (abgelaufen, in Überarbeitung). register.awmf.org
- [3] Abbott A, Chancey RJ, Roy SL. Leishmaniasis. In: CDC Yellow Book 2026. Atlanta: CDC, 2025. cdc.gov
- [4] Berriatua E, Maia C, Conceição C, Özbel Y, Töz S, Baneth G, et al. Leishmaniases in the European Union and neighboring countries. Emerg Infect Dis. 2021;27(6):1723–1727. doi:10.3201/eid2706.210239
- [5] World Health Organization. Leishmaniasis. Fact sheet. Stand 12.01.2023. who.int
- [6] Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz), §§ 6 und 7. gesetze-im-internet.de
- [7] World Health Organization. Control of the leishmaniases. Report of a meeting of the WHO Expert Committee on the Control of Leishmaniases. WHO Technical Report Series 949. Genf: WHO, 2010. who.int
- [8] Aronson N, Herwaldt BL, Libman M, Pearson R, Lopez-Velez R, Weina P, et al. Diagnosis and treatment of leishmaniasis: clinical practice guidelines by the Infectious Diseases Society of America (IDSA) and the American Society of Tropical Medicine and Hygiene (ASTMH). Clin Infect Dis. 2016;63(12):e202–e264. doi:10.1093/cid/ciw670
- [9] Centers for Disease Control and Prevention. Clinical care of leishmaniasis. Stand 13.03.2024. cdc.gov
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