Kurzüberblick
Diese Seite fasst die häufigsten und gefährlichsten Wechselwirkungen von Antiinfektiva zusammen. Sie ersetzt keine vollständige Interaktionsprüfung. Die größten Risiken gehen von Rifampicin (starker Induktor), den Azolen und Clarithromycin (starke Hemmer von CYP3A4) aus.
Die maßgebliche Empfehlung steht oft in der Fachinformation des Partners, etwa bei DOAK, Tacrolimus oder Venetoclax. Abschnitt 4.3 und 4.5 beider Fachinformationen lesen.
Siehe auch Therapeutisches Drug Monitoring, Invasive Aspergillose und Tuberkulose.
Vorgehen
- Vor Beginn von Rifampicin, Azolen oder Clarithromycin den Medikationsplan vollständig prüfen. Besonders auf Antikoagulation, Immunsuppression, HIV-Therapie, Antiepileptika, Opioide, Glukokortikoide, Kontrazeption und orale Tumortherapie achten.
- Auch beim Absetzen des Antiinfektivums denken: Spiegel von Partnern steigen oder fallen erneut.
- Interaktionsprüfung im Krankenhausinformationssystem oder in der Apothekensoftware nutzen. Treffer nach Schweregrad lesen.
- Für HIV- und Hepatitis-Medikamente eine frei zugängliche Interaktionsdatenbank nutzen (z. B. Universität Liverpool).
- Bei Transplantation, Hämatologie, HIV und Epilepsie früh die klinische Pharmazie bzw. das ABS-Team einbeziehen.
Rifampicin
Rifampicin induziert CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19, UGT und P-Glykoprotein. Die volle Induktion ist nach etwa einer Woche erreicht und klingt nach dem Absetzen über etwa zwei Wochen ab [1]. Nach dem Absetzen steigen die Spiegel der Partner wieder an.
| Partner | Wirkung | Vorgehen |
|---|---|---|
| Dabigatran | Exposition −67 % | vermeiden [2] |
| Rivaroxaban | AUC etwa −50 % | vermeiden, außer bei engmaschiger Überwachung auf Thrombose [3] |
| Apixaban | AUC −54 % | nicht zur Behandlung von TVT und Lungenembolie. Prophylaxe nur mit Vorsicht [4] |
| Edoxaban | AUC gesenkt | mit Vorsicht [5] |
| Phenprocoumon | Wirkung sinkt | INR zweimal pro Woche, auch nach dem Absetzen [1] |
| Tacrolimus, Ciclosporin | Spiegel stark gesenkt, Abstoßung möglich. Wirkung hält 1–2 Wochen nach dem Absetzen an | vermeiden. Wenn unvermeidbar: Spiegel ab den ersten Tagen häufig, Transplantationszentrum einbeziehen [6] |
| Voriconazol, Isavuconazol | Voriconazol-AUC −96 % | kontraindiziert [7][8] |
| Posaconazol, Itraconazol | Spiegel deutlich gesenkt | meiden [9][1] |
| HIV-Medikamente | Proteasehemmer und Bictegravir kontraindiziert | immer mit HIV-Behandlung abstimmen. Rifabutin als Alternative prüfen [10][1] |
| Opioide | Methadon: Entzug. Oxycodon, Tramadol, Morphin schwächer | titrieren. Nach dem Absetzen Überdosierung möglich [11] |
| Glukokortikoide | schnellerer Abbau | bei Substitution oder Dauertherapie Dosis anpassen [1] |
| Hormonelle Kontrazeption | Wirkung unsicher | nichthormonelle Methode während der Therapie und etwa 4 Wochen danach |
| Venetoclax, Ibrutinib | AUC −71 % bzw. −90 % | vermeiden [12][13] |
| Doxycyclin | Spiegel gesenkt | Therapieversagen bei Brucellose beschrieben [14] |

Rifampicin nicht mit oralem Clindamycin kombinieren. Die Clindamycin-Clearance steigt etwa 16-fach, die Talspiegel fallen unter die Nachweisgrenze [15][16]. Mit Linezolid möglichst nicht kombinieren. Die Linezolid-Clearance steigt um etwa 150 %. Wenn unvermeidbar, Linezolid-Talspiegel messen [17].
Bei DOAK den Wechsel auf niedermolekulares Heparin erwägen, solange Rifampicin läuft und bis etwa 2 Wochen danach. Rifampicin bei Fremdmaterialinfektionen: siehe Periprothetische Infektionen und S.-aureus-Bakteriämie.
Azole
Voriconazol und Posaconazol hemmen CYP3A4 stark, Isavuconazol schwächer. Fluconazol hemmt CYP2C9 stark sowie CYP3A4 und CYP2C19 mäßig. Voriconazol wird selbst über CYP2C19, CYP2C9 und CYP3A4 abgebaut und reagiert auf Induktoren [7][9][8].
| Partner | Voriconazol | Posaconazol | Isavuconazol |
|---|---|---|---|
| Simvastatin, Lovastatin, Atorvastatin | Dosisreduktion erwägen | kontraindiziert, für die Dauer absetzen | keine Anpassung, Nebenwirkungen beobachten |
| Tacrolimus | auf ein Drittel | etwa auf ein Drittel | Spiegel kontrollieren |
| Ciclosporin | halbieren | etwa auf drei Viertel | Spiegel kontrollieren |
| Sirolimus | kontraindiziert | nicht empfohlen | Spiegel kontrollieren |
| Venetoclax | Beginn und Aufdosierung kontraindiziert, danach nach Fachinformation Venetoclax | Aufdosierung bei CLL kontraindiziert, danach höchstens 100 mg | um mindestens 50 % reduzieren |
| Ibrutinib | meiden, sonst Dosis reduzieren oder pausieren | meiden, sonst Dosis reduzieren oder pausieren | Fachinformation Ibrutinib beachten |
| Vincristin | Dosisreduktion erwägen | nur ohne antimykotische Alternative | überwachen |
| Apixaban, Rivaroxaban | nicht empfohlen | nicht empfohlen | Fachinformation DOAK beachten |
| Midazolam, Opioide | Exposition mehrfach erhöht | Exposition mehrfach erhöht | Exposition erhöht |
| QT-Zeit | verlängert | verlängert | verkürzt, kontraindiziert bei familiärem Short-QT-Syndrom |
| Induktoren | Rifampicin, Carbamazepin, Phenobarbital, Johanniskraut kontraindiziert. Phenytoin, Rifabutin, Letermovir, Flucloxacillin senken den Spiegel | Rifampicin, Rifabutin, Phenytoin, Flucloxacillin meiden | starke und mäßige Induktoren kontraindiziert |

Flucloxacillin senkt die Spiegel von Voriconazol, Posaconazol und Tacrolimus deutlich. Unter der Kombination lagen 69 % der Voriconazol-Talspiegel unter 1 mg/l [18][19][7][9]. Bei Aspergillose und gleichzeitiger MSSA-Infektion Cefazolin bevorzugen oder den Azolspiegel nach 3–5 Tagen messen.
Beim Absetzen des Azols steigen Spiegel von Induktoren wieder an und Spiegel von Substraten wie Tacrolimus fallen. Beides braucht Spiegelkontrollen. Einzelheiten zu Aspergillose: Invasive Aspergillose, zu Fluconazol und Echinocandinen: Candidämie und invasive Candidose.
Makrolide
Clarithromycin und Erythromycin hemmen CYP3A4 und P-Glykoprotein stark. Azithromycin hemmt CYP3A4 kaum und ist deshalb meist die sichere Wahl [20].
- Statine: Simvastatin, Lovastatin und Atorvastatin für die Dauer pausieren oder Azithromycin wählen. Unter Clarithromycin mit diesen Statinen war das Risiko für Rhabdomyolyse doppelt so hoch [20].
- DOAK: Azithromycin bevorzugen. Unter Clarithromycin mehr Krankenhausaufnahmen wegen Blutung (HR 1,71) [21].
- Tacrolimus: Clarithromycin vermeiden oder täglich Spiegel messen [6].
- Vitamin-K-Antagonisten: INR innerhalb von 3–14 Tagen kontrollieren [22].

Clarithromycin nie mit Colchicin kombinieren. Von 88 Patient:innen mit gleichzeitiger Gabe starben 10 %, vor allem bei eingeschränkter Nierenfunktion [23].
QT-Verlängerung
QT-verlängernd sind Fluorchinolone, Makrolide (auch Azithromycin), Voriconazol, Posaconazol und Fluconazol. Isavuconazol verkürzt die QT-Zeit [24][7][8][25].
Risikofaktoren im Krankenhaus: weibliches Geschlecht, Alter über 68 Jahre, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, septischer Schock, Schleifendiuretikum, Kalium unter 3,5 mmol/l, QTc bei Aufnahme über 450 ms und jedes weitere QT-verlängernde Arzneimittel [26].
- Vor Beginn Kalium und Magnesium ausgleichen und den Medikationsplan auf weitere QT-Verlängerer prüfen.
- Bei Risikofaktoren oder zweitem QT-Verlängerer EKG vor Beginn und nach 2–3 Tagen [27].
- QTc über 500 ms oder Anstieg über 60 ms: Kombination auflösen, Alternative ohne QT-Effekt wählen, z. B. Betalaktam oder Doxycyclin.
Linezolid
- Linezolid ist ein schwacher, reversibler MAO-Hemmer. SSRI und SNRI müssen nicht abgesetzt werden. In einer Kohorte mit 1134 älteren Patient:innen trat ein Serotoninsyndrom bei weniger als 0,5 % auf, mit oder ohne Antidepressivum [28][29]. Die Fachinformation warnt trotzdem. Auf Unruhe, Tremor, Klonus und Fieber achten, besonders bei mehreren serotonergen Mitteln (Tramadol, Fentanyl, Methadon, Ondansetron, Triptane).
- Nicht mit MAO-Hemmern kombinieren. Bei MAO-Hemmern oder Lithium eine Alternative wählen.
- Größere Mengen tyraminreicher Nahrung meiden (gereifter Käse, Fassbier, Sojaprodukte) [30].
- Höchstens 28 Tage. Wöchentlich Blutbild. Rifampicin senkt die Spiegel (siehe oben).
Carbapeneme und Valproat

Carbapeneme senken den Valproatspiegel innerhalb von etwa 2 Tagen um 60–100 %. Eine höhere Valproatdosis gleicht das nicht aus. Die Kombination wird nicht empfohlen und soll vermieden werden [31].
- Bei Valproat ein Nicht-Carbapenem wählen.
- Wenn ein Carbapenem unverzichtbar ist: mit der Neurologie für die Dauer der Therapie und 1–2 Wochen danach auf ein anderes Antiepileptikum überbrücken, z. B. Levetiracetam. Der Valproatspiegel erholt sich erst 1–2 Wochen nach dem Absetzen [32].
- Valproatspiegel nach Ende der Carbapenem-Gabe kontrollieren.
Cotrimoxazol
- Hyperkaliämie: Trimethoprim wirkt am distalen Nephron wie Amilorid. Mit ACE-Hemmern oder Sartanen war die Krankenhausaufnahme wegen Hyperkaliämie 6,7-fach häufiger [33]. Mit Spironolacton stieg das Risiko eines plötzlichen Todes (OR 2,46) [34]. Kalium nach 2–4 Tagen kontrollieren oder eine Alternative wählen.
- Kreatinin: Trimethoprim hemmt die tubuläre Kreatininsekretion. Ein leichter Kreatininanstieg ohne Harnstoffanstieg ist meist kein Nierenversagen [35].
- Phenprocoumon: Blutungsrisiko deutlich erhöht (OR 3,86) [36]. INR nach 3–5 Tagen.
- Methotrexat: erhöhte Toxizität durch Folatantagonismus, Panzytopenie auch bei niedriger Dosis. Kombination meiden, sonst Blutbild [37].
Fluorchinolone
Fluorchinolone sind in der Fibel Reservesubstanzen.
- Kationen: Kalzium, Magnesium, Aluminium, Eisen, Zink und Sucralfat senken die Aufnahme. Ciprofloxacin 1–2 h vor oder mindestens 4 h nach diesen Präparaten geben, Levofloxacin mit mindestens 2 h Abstand [38][24].
- Tizanidin: mit Ciprofloxacin kontraindiziert. Die Tizanidin-Exposition steigt etwa 10-fach, mit Blutdruckabfall und Sedierung [38][39].
- Theophyllin, Clozapin: Ciprofloxacin hemmt CYP1A2, Spiegel kontrollieren [38].
- Methotrexat: Ciprofloxacin wird nicht empfohlen [38].
- Vitamin-K-Antagonisten: INR überwachen [38][36].
- Blutzucker: Hypo- und Hyperglykämien, besonders mit Sulfonylharnstoffen und Insulin [40].

Fluorchinolone nicht mit Glukokortikoiden kombinieren (Sehnenschäden) [41]. Fluorchinolone erhöhen das Risiko für Aortenaneurysma und Aortendissektion [42].
Metronidazol
- Vitamin-K-Antagonisten: verstärkte Wirkung. INR nach 3–5 Tagen und nach dem Absetzen kontrollieren [22].
- Alkohol: Die Disulfiram-artige Reaktion ist schlecht belegt. Eine kontrollierte Studie fand keinen Anstieg von Acetaldehyd und keine Beschwerden [43]. Neuere Übersichten bestätigen das [30][44]. Von Alkohol abraten, die Therapie deswegen aber nicht verzögern.
Nephrotoxizität
- Aminoglykoside, Vancomycin, Cotrimoxazol, Amphotericin B, NSAR und Calcineurin-Inhibitoren verstärken sich in der Nierentoxizität [6].
- Piperacillin/Tazobactam plus Vancomycin: Beobachtungsstudien zeigen mehr akutes Nierenversagen [45]. Die randomisierte ACORN-Studie zeigte keinen Unterschied [46]. Ein Teil des Kreatininanstiegs ist wahrscheinlich eine gehemmte Kreatininsekretion [47]. Dialyse und Sterblichkeit unterscheiden sich nicht. Kein Grund, Pip/Taz zu meiden. Vancomycin nach Spiegel dosieren und früh absetzen, wenn MRSA ausgeschlossen ist.
- Aminoglykoside kurz und spiegelgesteuert, keine hohen Furosemid-Boli gleichzeitig.
Weitere Wechselwirkungen
- Doxycyclin und Kationen: Antazida senkten die Doxycyclin-Exposition um mehr als 80 % [48]. 2–3 h Abstand.
- Daptomycin und Statine: Statine möglichst pausieren. CK mindestens wöchentlich, bei laufendem Statin zweimal pro Woche [49][50].
- Fosfomycin iv: etwa 14 mmol Natrium pro Gramm. Natrium und Kalium regelmäßig kontrollieren, besonders bei Herzinsuffizienz und Leberzirrhose [51].
- Methotrexat und Betalaktame oder Glykopeptide: In Einzelfällen verzögerte Methotrexat-Ausscheidung. Bei Hochdosis-Methotrexat Spiegel bis zur Ausscheidung und Antibiotikum mit der Onkologie abstimmen [37].

Flucloxacillin zusammen mit regelmäßig gegebenem Paracetamol kann eine metabolische Azidose mit hoher Anionenlücke auslösen (5-Oxoprolin). Gefährdet sind schwer Kranke, Mangelernährte und Ältere. Bei ungeklärter Azidose Paracetamol absetzen und das Antibiotikum wechseln, z. B. auf Cefazolin [52].
Spiegel und Kontrollen
| Situation | Kontrolle | Zeitpunkt |
|---|---|---|
| Azol plus Tacrolimus, Ciclosporin oder Sirolimus | Spiegel des Immunsuppressivums | bei Beginn, während und nach Absetzen des Azols [7][9] |
| Voriconazol oder Posaconazol mit Induktor (Flucloxacillin, Phenytoin, Letermovir, Rifabutin) | Azol-Talspiegel | nach 3–5 Tagen |
| Rifampicin plus Tacrolimus | Tacrolimus-Spiegel | ab den ersten Tagen häufig, bis 2 Wochen nach Absetzen [6] |
| Carbapenem bei Valproat (wenn unvermeidbar) | Valproatspiegel | täglich und nach Absetzen |
| Ciprofloxacin plus Theophyllin | Theophyllinspiegel | nach 2–3 Tagen [38] |
| Vitamin-K-Antagonist plus Cotrimoxazol, Fluorchinolon, Metronidazol, Makrolid, Azol oder Rifampicin | INR | nach 3–5 Tagen und nach Absetzen [22] |
| Posaconazol oder Isavuconazol plus Digoxin | Digoxinspiegel | bei Beginn und Ende [9][8] |
| Linezolid plus Rifampicin oder bei Niereninsuffizienz | Linezolid-Talspiegel, Blutbild | wöchentlich |
| Daptomycin plus Statin | CK | zweimal pro Woche [50] |
| Cotrimoxazol plus ACE-Hemmer, Sartan oder Spironolacton | Kalium, Kreatinin | nach 2–4 Tagen |
Zielbereiche der Antiinfektiva: Therapeutisches Drug Monitoring.
Quellen & Hinweise
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